und zwar zu Recht. Im Schweizer Teil des Skitourenklassikers lockt eine ruhige, alpine Variante mit Viertausender-Option. Der Abstecher zur Dent d’Hérens lohnt sich selbst dann, wenn es mit dem Gipfel nicht klappt. Denn er beweist: Der Zauber der Haute Route ist noch nicht verflogen.
Zugegeben, wir sind ja erst einen Tag unterwegs. Denn nicht klassisch in Chamonix, sondern in Arolla, dem Abschluss des Val d’Hérens, hatte Bergführer Walter «Wält» Hungerbühler drei seiner Stammgäste zum Tourenauftakt begrüsst. Nur eine halbe Haute Route? Das trifft es nicht ganz. Denn der alpine Abstecher, den Wält erst zum zweiten Mal anbietet, verspricht keine halben Sachen, sondern nicht weniger als den «letzten Viertausender», die Dent d’Hérens. Nachbarin des Matterhorns, 4171 formschöne Meter hoch. Warum der letzte? «Er liegt eben ganz hinten im Eck, und ich kenne viele, die ihn noch nicht haben», sagt Wält. Auch Franz nicht, einer der Gäste, der schon 40 der 48 Schweizer Viertausender im Tourenbuch stehen hat.
Also eine halbe Haute Route – plus X. Wält hat mit seiner Routenkombination einen geschickten Winkelzug gelegt im Walliser Teil der «Königin der Skitouren». Die eben nicht nur sehr schön, sondern auch sehr begehrt ist. Fakt ist, dass die Cabane des Dix den dritten Rang in der Besucherstatistik aller Schweizer Hütten belegt. Fakt ist, dass die beiden achtköpfigen Schneekarawanen aus Engelberg und Frankreich am Nadelöhr namens «Mur de la Serpentine» einen prächtigen Stau fabrizieren. Und Fakt ist, dass weiter oben am Pigne d’Arolla, «im Herzen der grossen Mächte», wie Chappaz schrieb, die Helikopter herumknattern und Freerider ausspucken. Ist dieser alte Zauber der Haute Route, den Chappaz in seinen meisterhaft gedrechselten Sätzen beschrieb, wirklich verflogen?
Alter Zauber, weisse Finsternis
Bergführer Wält navigiert durch die «weisse Finsternis». »
Abseilen ins weisse Nichts: Das war es dann mit der vermeintlichen Komfort-Skitour. Die Neurologin im Team, die noch am ersten Tag davon sprach, dass ihr dank ihrer Forschungen zum Gleichgewicht «nie mehr schwindlig werde», schlenkert nervös mit den Armen. Es ist einer dieser Momente, in denen der Kopf dem Körper vorauseilt, sich in ein warmes Schnellrestaurant an der Autobahn wünscht, aber die Beine erst liefern müssen. Oder wie Chappaz schrieb: «Warum bin ich nicht in meinem Obstgarten geblieben?» Doch bald sind Stahlketten erreicht, kurz darauf der Anlegeplatz für die Ski. «Schuhe eng zuschnallen!», ruft Wält vor der steilen Abfahrt. Der letzte Schwung geht am in jeder Hinsicht abenteuerlichen WC vorbei, rechts die Hängegletscher, links das gottverlassene Tal ins Valpelline, und vor uns Diego, der grinsend mit einem Tablett voller Grappa in der Tür der Aostahütte steht. Benvenuto!
Bei Diego, dem Einsiedler
Es wird ein lustiger Abend, obwohl an ihm auch die Entscheidung fällt, nur auf die Schulter der Dent d’Hérens zu steigen. Schlechtwetter hat den Reservetag verzehrt, und den bräuchte es für eine Gipfelbesteigung samt Rückweg über den südseitigen Col de la Division, der vor 10 Uhr absolviert sein muss. Diego steht um 02:45 Uhr natürlich auch auf und braut uns auf der Bialetti einen Kaffee, der die Uhr ordentlich vordreht. Mit leichtem Rucksack geht es hinein in die Nacht, über uns die Milchstrasse, unter uns ein halber Meter Neuschnee. Als wir die Stirnlampen wegpacken, sagt Wält: «Abfellen. Zu gefährlich.»
vor uns Diego mit einem Tablett voller Grappa.
Benvenuto!»
Es bleibt ein sehr kurzer Aufstieg zur Tête Blanche und eine sehr lange, fast 2000 Höhenmeter überwindende Traumabfahrt hinab nach Ferpècle, vom Hochgebirge in die Maiwiesen, durch Pulverschnee, Spaltenwirrwarr und Kreativslalom von der vorletzten zur letzten Schneeinsel. Am Ende sind die T-Shirts salzverkrustet und der Kopf um eine Erkenntnis reicher: Chappaz hatte recht, wenn er am Ende seiner Haute Route schreibt: «Wir sind im Gras gelandet. Da sind wir denn, gebremst und verwirrt. (...) Meine Sehnsucht aber, die macht im Kopf rechtsumkehrt.» Ja, Schnee bedeutet Hunger. Hunger auf mehr … Schnee!
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