Für mich ist Oskar Enander der
Peter Lindbergh der Skifotografie.»
Der Cover-Sammler
Seine ersten Ski-Fotos macht Oskar Enander mit dem Bruder seiner damaligen Freundin Sandra: Roman Marti. Gute Fotos, aber nichts, wovon man leben könnte. Im darauffolgenden Winter trifft er zufällig Gösta Fries, einen schwedischen Profi-Fotografen. Enander erinnert sich: «Ich stehe Februar 2003 mit meinem Foto-Rucksack an der Talstation am Lift. Genau in dem Moment steigt Gösta in den Lift und fragt, ob ich nicht mitkommen möchte. Natürlich wollte ich! Ich hielt mich tagelang im Hintergrund auf und knipste so ein bisschen mit.» Am letzten Shooting-Tag sitzen Gösta und Enander in einer kleinen Grotte, die über ihnen mit Eiszapfen übersät ist. Sie wissen, dass gleich Kalle Eriksson über die Grotte springen wird. Nur wo genau, das wissen sie nicht. Oskar hat das Glück, dass der Skifahrer genau über ihn drüberfliegt. Eine bessere Perspektive gibt es nicht. Das Foto schickt er – auf gut Glück – ans «Powder Magazine». Acht Monate später steht Oskar Enander in Aspen auf einer Bühne: Sein Eiszapfen-Shot wurde zum «Photo of the year» gekürt. «Es war wie im Film. Gösta bin ich bis heute unendlich dankbar, dass er mich, den unknown photographer, überhaupt mitnahm», sagt Enander. Sein Leben, so sagt er, ist seitdem ein Geschenk.
Als «schönsten Arbeitsplatz der Welt» bezeichnet der 41-Jährige seine Wahlheimat Engelberg. Mit dem Velo braucht er gerade mal fünf Minuten bis zur Talstation Titlis, wenige Minuten später steht er mittendrin im Schweizer Freeride-Mekka mit seinen spektakulären Offpiste-Abfahrten. Enander ist überzeugt: «Das, was für die Wellenreiter Hawaii ist, das ist für uns Freerider Engelberg.»
Künstler & Cover-Jäger
Darauf steht die Outdoor-Branche. Die Liste derer, für die Oskar in den vergangenen Jahren die Kampagnen schoss, ist lang. Am längsten arbeitet der 41-Jährige mit der Skimarke DPS zusammen. Globale Aufmerksamkeit erlang der Schwede vor einigen Jahren durch den niederländischen Elektro-Riesen Philips. Weltweit waren Enanders Bilder zu sehen, als Kitzbühel-Sieger Daron Rahlves mit 4000-Watt-Dioden funkelnd wie ein Christbaum nachts durch den Tiefschnee schoss. Nun hat der nächste Fernseh-Hersteller sich in Oskars Fotos verliebt: Samsung. Der Elektronik-Konzern zeigt im «Art Mode»-Modus herausragende Bilder von Enander auf seinen TV-Bildschirmen der Serie «The Frame». Das lohnt sich. Versprochen!
Ein bisschen «warmfahren»
Journalist Roman Lachner beschreibt diesen Stil so: Nicht die Action des Athleten stehe im Vordergrund, sondern die Ästhetik des Augenblicks. Lachners Lieblingsbild stammt von einem Nordhang. «Ich schwöre: Da gab es nicht einen Sonnenstrahl. Er hat so lange gewartet, bis der Gegenhang für ganz kurze Zeit Licht auf seinen Nordhang reflektierte», sagt Lachner. «Das ist mehr als Fotografie. Das ist Kunst.» Für Lachner ist es daher kein Wunder, dass der Exil-Schwede ein Magazin-Cover nach dem anderen für die Ski-Magazine dieser Welt produziert. Enander sammelt nicht nur Cover wie andere Briefmarken, er gewinnt auch noch viele Preise. Das prestigeträchtige «Powder Magazine» wählte seine Bilder bereits mehrmals zum «Foto des Jahres», das Internationale Freeride Film Festival iF3 kürte ihn zum «European Photographer of the year 2013».
Der Plan: shredden und Party
Natürlich ist er mittlerweile ruhiger geworden. Aber den ganzen Tag im Schnee ist er auch heute noch. Viele seiner Bilder macht Enander in Engelberg. Fast jeden Tag fährt er alleine oder mit einem Spitzen-Freerider hoch und schaut, was geht. Und an überragenden Skifahrern mangelt es in dem Freeride-Dorf nicht: Johan Jonsson verbringt jede Saison etliche Wochen in Engelberg, ebenso der Lokal-Matador Piers Solomon und Henrik Windstedt, der 2008 die Freeride World Tour gewann. Mit Windstedt arbeitet Enander am liebsten zusammen: «Er sieht wie kein anderer das Bild, das ich machen will, genauso vor Augen wie ich. Er weiss, wann er losfahren muss, er weiss auf den Zentimeter genau, wann der Schnee so stauben soll, damit am Ende alle glücklich sind.» Und wenn er mal nicht zu Hause fotografiert, dann zieht es ihn nach Haines, Alaska. Haines ist bekannt für Schnee und steile, spektakuläre Lines. Japan findet Enander hingegen gar nicht so gut wie viele andere Fotografen. «Der Schnee ist zwar wirklich der absolute Knaller, das Gelände ist aber bei Weitem nicht so sensationell und steil wie in Alaska.« Am liebsten ist er zu Hause, bei seiner Frau und den beiden Töchtern Filippa (2) und Emilia (5). Dort findet er in den Powder-Monaten, also Dezember und Januar, zwischen 11 und 15 Uhr das perfekte Sonne-Schatten-Schauspiel vor. Eigentlich dann, wenn kein Fotograf auf dieser Welt seiner Arbeit nachgehen würde, weil das Licht viel zu flach ist.
Weltweite Aufmerksamkeit
Schon als fünfjähriger Knirps hatte er beim Malen ständig die Farben verwechselt. Seiner Mutter war klar: Der kleine Oskar kann einige Farben gar nicht erkennen. Ist das nicht ein Problem beim Fotografieren? Ganz und gar nicht, antwortet Enander. Er könne ja erkennen, dass es irgendeine Farbe sei, er wisse nur nicht, welche. Doch im Winter sei das alles kein Problem. Dann würden mit dem Sonne-Schatten-Spiel ohnehin nur die Farben weiss und blau dominieren – also weisser Schnee und blauer Schatten. Zu den Fahrern sagt er: «Leute, zieht bitte ein kräftiges Gelb oder ein sattes Rot an.» Der Kontrast sieht auf den Bildern immer besser aus – auch wenn er nicht genau weiss, wie.
Das geht bei seinem neuen Auftrag mit Samsung fast gar nicht. Der Grund: Seine Bergsport- und Outdoor-Bilder gehen seit Monaten um die Welt. Im «Art Mode»-Modus zeigt der Elektronik-Konzern Kunstwerke auf seinen TV-Bildschirmen der Serie «The Frame» und stellt Enander neben anderen Künstlern auf seiner Homepage vor. Viel besser kann es nicht laufen. Seine Fotos zieren die besten Ski-Magazine der Welt, die Marketing-Abteilungen reissen sich um ihn und die Jurys streiten nur noch darüber, welches seiner Bilder den nächsten Preis gewinnt.
Und was sagt er selbst dazu? «Die beste Entscheidung meines Lebens war, nicht als Ingenieur zu arbeiten.»
«Das Spiel mit Sonne und Schatten ist schon ein gewisses Alleinstellungsmerkmal von mir.»
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