Wenn der Körper auskühlt
Falls immer noch keine wärmenden Gegenmassnahmen getroffen werden (können), was spätestens jetzt dringend angebracht wäre, verfährt der Körper weiter nach diesem Prinzip. Die Durchblutung wird auch im Körperkern reduziert, Atmung und Kreislauf verlangsamen sich und setzen bei weiter sinkender Kerntemperatur schliesslich aus, der Mensch verliert das Bewusstsein. Dieser Prozess der Unterkühlung fördert zwar die Gefahr einer lokalen Erfrierung, ist aber ein wirksamer Selbstschutz des Körpers, um die lebenswichtigen Organe vor Sauerstoffmangel zu schützen. «Es gibt immer wieder Fälle, in denen leblose, schwer unterkühlte Personen sogar nach mehrstündigem Herzkreislaufstillstand erfolgreich wiederbelebt werden», sagt Paal. Erst vor Kurzem hätten Ärzte ein zweijähriges Kind, das ins Wasser gefallen war, mit einer Körperkerntemperatur von 11,8 °C wiederbeleben können. «Das ist ein Weltrekord, und das ohne neurologische Folgeschäden», so Paal. Seit den 1970er-Jahren gilt in der Medizin das Prinzip: «Niemand ist tot, solange er nicht warm und tot ist.»
Unterkühlung als Lebensretter
Äussere und innere Risikofaktoren
produzieren Wärme, aber Fett isoliert.»
Bergführerin und Abenteurerin
Evelyne Binsack
Evelyne Binsack
Erste Hilfe bei Unterkühlung
Etwas komplizierter ist es, die korrekten Gegenmassnahmen zu ergreifen. «Aufwärmen ist das oberste Gebot bei Unterkühlungen. Aber das geht draussen bei einer erwachsenen Person selten», so Brodmann. Das Wichtigste sei daher, eine unterkühlte Person vor weiterer Auskühlung zu schützen und an einen windgeschützten, trockenen Ort zu bringen. Dort sollte eine Rettungsdecke oder ein Biwaksack, notfalls ein Seil oder ein Rucksack auf den Boden ausgelegt werden. «Die Kälte kommt von unten – daran wird oft nicht gedacht», sagt Brodmann. Bei einer milden Unterkühlung ist Bewegung noch erlaubt: «Muskelaktivität, zum Beispiel durch Schneeschaufeln, produziert viel Wärme», empfiehlt Brodmann. Bei einer schweren Unterkühlung (Grad II) besteht potenziell Lebensgefahr. Hier muss die professionelle Rettung umgehend alarmiert werden. Aktive und passive Bewegung sind unbedingt zu vermeiden, da sie den sogenannten Bergungstod, auch Afterdrop genannt, herbeiführen könnte. «Beim Afterdrop kommt es zu einer Vermischung des kalten Schalenblutes mit dem warmen Kernblut, was zu einem Herzstillstand führen kann», erläutert Paal. Besonders bei unterkühlten Bergsteigern, die aus Gletscherspalten oder aus dem Schnee gerettet werden, wird immer wieder eine Verschlechterung beobachtet, die bis zum Herzstillstand führen kann. Die unterkühlte Person muss deswegen bewegungsarm und gut isoliert abtransportiert werden. Rettungshubschrauber sind daher oft mit beheizten Matratzen und warmen Innenräumen ausgerüstet, alternativ auch mit Bubble-Wrap-Verpackungsfolien, die sehr gut isolieren. Ist keine Rettung möglich, können Ersthelfer einen Wärmebeutel auf den Rumpf platzieren und, falls genügend Isolationsmaterial vorhanden ist, eine Hibler-Wärmepackung anwenden. Wenn die Person noch schlucken kann, dürfen auch warme Getränke verabreicht werden – keinesfalls jedoch Alkohol, der die Gefässe erweitert und den Wärmeverlust verstärkt. Im dritten und vierten Grad einer Hypothermie ist die unterkühlte Person in der Regel bewusstlos. Sie sollte, möglichst bewegungsarm, in die stabile Seitenlage gebracht werden. Die Gefahr eines Bergungstodes ist höher als im zweiten Stadium. «Für Laien ist ausserdem wichtig zu wissen, dass die Lebenszeichen so minimal sein können, dass Puls und Atmung erst nach einer Minute erkennbar sind», sagt Paal. Tritt ein Herzstillstand ein, so muss mit Wiederbelebungsmassnahmen begonnen werden. Bei einem schwierigen Abtransport können diese über mehrere Stunden notwendig sein. Denn ein Mensch mit einem durch Kälte ausgelösten Herzstillstand kann einen recht langen Zeitraum unbeschadet überleben, bis er erfolgreich im Krankenhaus wiedererwärmt wird. Das ist allerdings nur möglich, wenn nach Eintreten des Herzstillstandes eine kontinuierliche Wiederbelebung aus Herzdruckmassage und Beatmung durchgeführt wurde.
Hibler Wärmeverpackung
Die Hibler-Wärmepackung wird bei mittelschwerer Unterkühlung angewandt. Durch einen Wärmebeutel auf der Brust sowie mehrere isolierende Schichten Decken wird der zentrale Kreislauf langsam wiedererwärmt, ohne dass das kalte Schalenblut aus den Extremitäten zum Kern führt.
1. Akia mit Schutzsack
2. Wolldecken (zwei quer, zwei längs)
3. Biwacksack
4. Wärmepolster
5. Rettungsdecke (Alufolie)
6. Person
7. Unterwäsche
8. Kleidung
Erfrierungen
In den Alpen sind tiefe Erfrierungen selten. «In Österreich wurden von 2005 bis 2016 nur 31 Erfrierungsfälle im nationalen Unfallregister des Kuratoriums für Alpine Sicherheit dokumentiert», sagt Paal. Dieselbe Tendenz herrscht in der Schweiz: «Meist handelt es sich um Erfrierungen des ersten Grades. Aber durch die viel bessere Ausrüstung und Aufklärung sind die Fälle selten – und oft nur eine Begleiterscheinung anderer schwerer Bergverletzungen», erklärt Brodmann. Trotzdem sollten Unterkühlung und Erfrierungen in den Alpen nicht unterschätzt werden. Erst diesen Sommer habe sich ein 29-jähriger Bergsteiger unterhalb der Mittellegihütte verstiegen. Wegen eines Wetterumschwungs war die Evakuierung per Hubschrauber erst am nächsten Tag möglich: Mit einer leichten Unterkühlung und leichten Erfrierungen an allen Zehen kam der Mann glimpflich davon, wenige Stunden nach der Rettung konnte er das Spital verlassen und zehn Tage später waren auch die Gefühlstörungen an seinen Zehen verschwunden. Ohne Flugrettung wäre die Geschichte aber wohl anders ausgegangen.
Leichte Erfrierungen an Händen und Füssen können am eigenen oder fremden Körper unter den Achseln oder zwischen den Oberschenkeln aufgetaut werden. Niemals mit Schnee einreiben – auch keinen Alkohol trinken. Sind die Extremitäten innerhalb von zehn Minuten wieder gut durchblutet und keine Gefühlsstörungen vorhanden, kann die Tour womöglich fortgesetzt werden. Bei schweren Erfrierungen muss umgehend umgedreht werden. In der Regel ist es sinnvoll, die Gliedmassen erst dann aufzutauen, wenn man bis zur Hütte oder ins Basislager abgestiegen ist, da ein erneutes Einfrieren den Schaden verstärkt. Mittlere und schwere Erfrierungen sollte man wie eine Wunde behandeln: steril einpacken, falls vorhanden, Antibiotika geben. «Ausserdem warm und hoch lagern, damit die Extremitäten wieder durchblutet werden», rät Paal. An einem geschützten Ort sollten die Extremitäten in 40 bis 42 °C heisses Wasser mit jodhaltiger Desinfektionslösung gelegt werden, jedoch nicht länger als 30 bis 40 Minuten, da sonst Keime durch die aufgeweichte Haut eindringen könnten. Extremitäten nicht massieren, stattdessen Spannungsblasen nur steril verbinden und ebenfalls hoch lagern. Eventuell Schmerzmittel oder Antibiotika verabreichen. Aspirin fördert die Durchblutung. Die Diagnose, die Behandlung sowie die Zeit nach dem Auftauen sollte immer ärztlich betreut werden. Und generell gilt: Eine Unterkühlung unter 32 °C ist immer lebensbedrohlich, eine lokale Erfrierung zu Beginn nie. Deswegen hat die Behandlung der Unterkühlung absolute Priorität.
Höhenbergsteiger
David Göttler
David Göttler
Tipps und Tricks zur Vorbeugung
Trotz aller Gefahren ist nicht alles an Kälte schlecht für unseren Körper. Nach Sportverletzungen helfen Eispacks, Schwellungen im Zaum zu halten. Viele Leistungssportler baden nach dem Wettkampf in Eiswasser oder besuchen Kältekammern, um die Durchblutung der Muskeln zu fördern und schneller zu regenerieren. Kälte wird auch in der Medizin bei der Behandlung von Rheumaerkrankungen oder bei chronischen Schmerzen eingesetzt. Zu Beginn der 1980er-Jahre wurden in Japan die ersten Kältekammern entwickelt. «Der Patient bleibt einige Minuten in einem minus 110 °C kalten Raum», erklärt der Sport-Physiotherapeut Gernot Fuchs, der am Klinikum Neuwittelbach eine Kältekammer betreut. «In der Kälte vermehren sich die Kälterezeptoren und die Schmerzrezeptoren werden blockiert.» Wie bei einer Unterkühlung ziehen sich die Gefässe zusammen. Wenn der Patient nach maximal drei Minuten aus der Kammer kommt, öffnen sich die Gefässe wieder. «Das Wärme-Kälte-Spiel fördert den Stoffwechsel: Die Gefässe werden stärker durchblutet und der Körper wird stärker versorgt», sagt Fuchs. So könne er mit schmerzgeplagten Patienten arbeiten: Wenn der Schmerz kurzzeitig nicht da ist, können Gelenke wieder bewegt und mobilisiert werden. Einmal, so Fuchs, war auch ein Bergsteiger bei ihm. Über vier Wochen wollte er sich in der Kältekammer für die trockene Kälte am höchsten Berg der Erde vorbereiten. Nach solch einer akribischen Vorbereitung könnte man diesem Mann höchstens noch den Sinnspruch der Schweizer Extrem-Bergsteigerin Evelyne Binsack mit auf den Weg geben: «Man muss die Kälte lieben lernen, damit man sie aushält.
Profi-Alpinistin
Ines Papert
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