Der feste Boden unter den Füssen tut den angeschlagenen Mägen von Glowacz, Hans und Ulrich zwar gut, doch der Weg auf und über das Eis ist weit anstrengender als gedacht. Etliche Umwege sind nötig, um die Pulkas samt den gut 400 Kilo Gepäck von der Küste hinauf auf die Eiskappe zu schleifen. Geröllhalden, extrem ausgeaperte Gletscher und Schmelzwasserflüsse versperren den Weg und zehren an den Kräften. Von den angepeilten 25 Kilometern Tagespensum sind sie so weit entfernt wie von ihrem Ziel im Osten. Erst als sie auf einer Höhe von 1800 Metern ankommen, steigt das Eis nur noch leicht an. Jetzt geht es voran, teils mühsam auf Skiern zu Fuss, teils aber zügig mit dem Kite. An manchen Tagen machen sie so richtig Strecke, einmal «surfen» sie fast 100 Kilometer über das Eis.
Militärische Disziplin
So geht es Tag für Tag dem Ziel entgegen, dem 1977 Meter hohen, markanten Grundtvigskirken, der den Scoresbysund überragt. Der fast 1300 Meter hohen Nordwand verdankt der Berg seinen Namen, angelehnt an die Grundtvigskirche in Kopenhagen. Doch als Glowacz, Hans und Ulrich den Scoresbysund erreichen, hat die «Santa Maria» mit schweren Herbststürmen zu kämpfen und steckt noch 700 Seemeilen südlich in Tasiilaq fest. Nicht nur die Essensvorräte gehen langsam zur Neige, auch die Zeit für ihr Bigwall-Projekt schmilzt dahin. Der Winter lässt in Ostgrönland bereits seine Muskeln spielen. Und bevor der arktische Ozean unpassierbar wird, müssen sie zurück. Die Drei steigen noch zum Einstieg der Wand auf, aber nachdem sie einen Tag lang mit Ferngläsern das völlig vereiste Bollwerk nach einer kletterbaren Route abgesucht hatten, brechen sie das Vorhaben ab. Unter diesen Voraussetzungen hätten sie keine Chance. Vorerst. Denn schon auf der Rückfahrt schwört sich das Team: Der Traum vom Grundtvigskirken ist noch nicht abgehakt.
Grönland auf Gleis 1
Ohne kräftezehrende Eis-Expedition in den Beinen schlägt das Team das Basislager im Scoresbysund auf. Eisberge von der Grösse eines Mehrfamilienhauses hatten die Einfahrt erschwert. Das grösste und längste Fjordsystem der Welt ist mit 38‘000 Quadratkilometern Fläche nur unwesentlich kleiner als die Schweiz. An seinem Eingang, auf dem 70. Breitengrad, liegt auf der Nordseite die kleine Siedlung Ittoqqortoormiit. Mit etwa 400 Einwohnern ist es für das Team der letzte Zivilisationspunkt. Nachdem sie einen Eisbären gesichtet haben, besorgen sie sich hier ein Gewehr. Sicher ist sicher. Vor allem aber zieht der markante Gipfel des Grundtvigskirken die Blicke der Kletterer auf sich. «Einer der schönsten Berge, die ich je angegangen bin», sagt Glowacz. «Für mich ist er vergleichbar mit Cerro Torre oder Fitz Roy in Patagonien.»
Nach den Wochen auf dem Schiff ist die Anspannung da. Endlich beginnt der eigentliche Teil der Expedition. Voll Vorfreude richten die vier Kletterer samt Fotograf ihr Basislager ein, bauen Zelte auf, sortieren Material und Verpflegung – und checken mit ihren Ferngläsern die Wand nach Strukturen im Fels und kletterbaren Linien. Ab jetzt gilt es, denn durch die Verzögerungen bei der Überfahrt ist das Zeitfenster für die Besteigung auf magere 14 Tage geschrumpft. Und so schön der Grundtvigskirken von der Ferne erscheint, so schwierig macht er es den Alpinisten. Mehrere Tage beobachten sie die fast 3000 Meter breite und 1300 Meter hohe Nordwand von einer Moräne aus, diskutieren mögliche Einstiege und Linien. Aus der Wand, die ein Jahr zuvor komplett vereist und relativ sicher vor Steinschlag war, poltern ständig riesige Brocken. Sie entscheiden sich für eine Linie, die allen als sicher erscheint. Und für die Taktik, die unteren 500 Höhenmeter der Wand in Zweier-Teams abwechselnd zu durchsteigen und danach den oberen Teil gemeinsam bis zum Gipfel zu klettern.
Die Granitplatte rast auf sie zu
Er hat noch einmal Glück im Unglück. Die Fleischwunde am Handgelenk ist zwar tief, der Arm dick geschwollen und die Muskelquetschung am Oberschenkel schmerzt – aber es scheint nichts gebrochen. Notdürftig verarzten sie die Wunde. Doch der Schock sitzt tief, die anfängliche Euphorie ist komplett verflogen. Ohne lange Diskussion ist allen klar: «Viel zu gefährlich, da brauchen wir nicht mehr rein.» Während Glowacz im Lager seine Verletzung auskuriert, kundschaften Markus Dorfleitner, Christian Schlesener und Philipp Hans eine Alternative über den Südgrat und die Südwestwand aus. Im Team einigen sie sich, in der Westwand eine Begehung im Alpinstil zu versuchen. Nach einem weiteren Ruhetag geht es los.
Maximaldosis an Schmerzmitteln
Von hier seilen sich, genau einen Monat nach dem Start der Expedition, Philipp Hans, Christian Schlesener und Moritz Attenberger am Morgen des 9. August über die 200 Meter zum Wandfuss der Südwestwand ab. Markus Dorfleitner und Stefan Glowacz folgen. Im Gegensatz zur Nordwand ist die Felsqualität auf dieser Seite geradezu fantastisch. 600 Höhenmeter sind es durch die Wand bis zum Gipfel, 15 Seillängen zwischen 50 und 60 Metern. Für Glowacz sind es «moderate Schwierigkeiten» im oberen siebten, an einigen Stellen im unteren achten Grad. Noch am selben Tag, gegen Mitternacht, erreicht das Team das Gipfelplateau des Grundtvigskirken. Unter ihnen treiben die Eisberge im diffus-blauen Licht des Polartags durch den Fjord, während sich im Osten schon wieder blutrot der neue Tag ankündigt. Geschafft – trotz aller Rückschläge und Strapazen, wenn auch auf einer anderen Route als geplant. Nach 30 Minuten am Gipfel seilen sie sich über die Aufstiegsroute ab und sind 24 Stunden nach dem Aufbruch wieder am Biwak.
Das Basislager erreichen die fünf völlig ausgelaugt, aber glücklich. Bevor sich alle todmüde in die Zelte verkriechen, zaubert Schlesener noch eine Überraschung hervor – eine Flasche edlen, aus Schottland importierten Whiskey. Dieser befeuert die letzten Reserven und die Kreativität der Kletterer, der Name der Route ist nach all den Hochs und Tiefs schnell gefunden: «Suffer and smile – boys don`t cry». Was die Bergsteiger zu diesem Zeitpunkt noch verdrängen: die gut 1000 Seemeilen Rückreise durch den Nordatlantik, die Herbststürme mit meterhohen Wellen von allen Seiten. Dieser letzte Teil der Reise stellt die Crew der «Santa Maria» noch einmal auf eine harte Probe. Ganz so, als würde erst das kollektive Leiden eine Expedition zusammenschweissen und dadurch zu einem richtig grossen Abenteuer machen.
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