Wer die vergangenen Jahre auf diesem Planeten verbracht hat und nicht gerade die Ignoranz eines amerikanischen Präsidenten besitzt, der weiss, dass die vergleichsweise rapide Schmelze am Dom kein Einzelfall ist. Für einen ersten Eindruck, wie schnell sich das alpine Landschaftsbild ändert, muss man auch keineswegs in den Bannkreis des immer noch häufig mit dem Attribut «ewig» verbundenen Gebirgseises aufsteigen. Es reicht ein Besuch in einer der durchaus touristenkompatiblen, aber deshalb nicht weniger informativen Gletscher-Ausstellungen: in Gletsch am Fusse des Rhonegletschers etwa, im World Nature Forum in der Aletschregion oder auch im Betonbunker auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe oberhalb der Pasterze in Österreich. Es wird dort schnell deutlich, dass es mit dem ewigen Eis ziemlich schnell den Bach hinuntergeht.
Die Zahlen sind eindeutig. Laut Meteo Schweiz hat die Anzahl der Frosttage in der Graubündener Bergstadt Davos in den vergangenen 40 Jahren um etwa 20 Prozent abgenommen. Alpenweit haben die Gletscher seit ihrem letzten Höchststand Mitte des 19. Jahrhunderts bereits mehr als die Hälfte des Volumens verloren (siehe Kasten) und büssten durch die vergangenen beiden Hitzesommer bis zu drei Metern an Eisdicke pro Jahr ein; alleine in den vergangenen fünf Jahren schmolz das globale Fieber rund ein Zehntel des Eises in der Schweiz weg. 500 kleinere Gletscher der Schweiz sind gemäss Forschern seit 1850 gänzlich verschwunden. Simulationen der ETH Zürich zeigen schon jetzt, wie der Aletschgletscher, der mit mehr als 20 Kilometern weiterhin grösste Eisstrom der Alpen, schon bei einer mittleren Erwärmung von weiteren zwei bis vier Grad bis Ende des Jahrhunderts auf wenige Reste zusammenschrumpfen könnte.
Martin Funk, inzwischen emeritierter Leiter der Abteilung Glaziologie an der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie an eben jener ETH Zürich sowie staatlich geprüfter Bergführer, ist sich deshalb sicher: «Das Landschaftsbild wird sich ändern.» Dies sei auch dann der Fall, wenn das Pariser Abkommen, das eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit vorsieht, tatsächlich eingehalten werden könne. Im Grunde befinden sich die Gletscher derzeit sogar noch immer in einem Anpassungsprozess. Denn gerade grosse Alpengletscher reagieren auf Temperaturanstiege zeitverzögert – wie ein Eisblock aus dem Tiefkühler, der seine Zeit zum Auftauen benötigt. «Für die derzeit herrschenden Temperaturen sind sie immer noch zu gross», so Funk. Oder anders: Selbst gänzlich ohne weitere Emissionen würde sich der Eisschwund noch eine Weile fortsetzen.
Prof. Dr. Martin Funk
«Die Leute werden das spüren»
Immer häufiger geraten die gerne im Ruf der Unverrückbarkeit stehenden Berge damit in Bewegung. Die Folgen dieser geologischen Kinetik haben es längst über die Alpen hinaus in die öffentliche Wahrnehmung geschafft. Die Bandbreite reicht von medial durchaus aufmerksam begleiteten Phänomenen mit eher geringem Gefahrenpotenzial, wie gletscherarchäologischen Funden und ausapernden Gletscherleichen, bis hin zu handfesten Bedrohungen, die an dystopische Untergangsszenarien erinnern. Auf der Südseite des Mont-Blanc-Massivs etwa schlossen italienische Behörden im vergangenen September vorsorglich zwei Strassen, weil der kollabierende Planpincieux-Gletscher das Tal bedrohte. In Saas-Grund wurden 2017 mehr als 200 Menschen wegen des Abbrechens gewaltiger Eismassen am Triftgletscher evakuiert. Und im gleichen Jahr machte ein Bergsturz am Piz Cengalo im Kanton Graubünden, bei dem drei Millionen Kubikmeter Stein abgingen, die Räumung des Dorfes Bondo nötig. Acht Wanderer gelten seither als vermisst. Zwar prägen Berg- und Eisstürze das Gebirge seit jeher, doch sind sich die Experten von der Arge Alp bis zum Bundesamt für Umwelt ziemlich einig, dass der Klimawandel die Instabilitäten im Fels erhöht.
Gefährdete Fundamente
Anderswo sind es Wege, die teilweise einen völlig neuen Charakter bekommen. «Gut illustrieren lässt sich dies am Zustieg zur Konkordiahütte am Aletschgletscher», mein etwa Benno Steiner, Fachleiter Landschafts- und Klimaschutz beim SAC. Das Haus wurde 1877 in 2850 Metern Höhe oberhalb des Firnstrom-Zusammenflusses namens Konkordiaplatz auf Fels gebaut, damals auf einer Ebene mit der Gletscheroberfläche. «Heute sind es 150 Meter, die man über Leitern am Fels zur Hütte hochsteigen muss.» Der Gletscher darunter ist zwar immer noch mehrere Hundert Meter dick. Für Steiner bedeutet das aber auch: «Wenn in den nächsten Jahrzehnten noch einmal 200 Meter abschmelzen, muss man sich überlegen: Lohnt es sich noch, da immer mehr Leitern hinzuhängen.» Vielleicht geht es dem Leiterweg aber irgendwann auch einmal wie jener Hängebrücke, die heute auf dem Weg zur Trifthütte die Menschen begeistert. Sie wurde 2004 zwischen zwei Felsstufen errichtet, weil der Triftgletscher nach der Jahrtausendwende nicht mehr hoch genug reichte. Inzwischen gilt sie als touristische Attraktion.
Roger Würsch
Bergsteigen wird schwerer
Die Auswirkungen des Tauwetters verändern auch die Gewohnheiten mancher Spitzenbergsteiger. Der Profialpinist Nicolas Hojac aus dem Berner Oberland gehört als 1992er-Jahrgang schon rein biologisch nicht zu jener Generation, um von den eher kühlen Achtzigern schwärmen zu können. «Ich kenne es nur von den letzten 15 Jahren», sagt er, «aber selbst in dieser kurzen Zeit zeigen sich Änderungen». So sei die Eisklettersaison deutlich kürzer geworden. Meist gehe es damit erst im Januar so richtig los. Oder der Eiger. Das erste, zweite und dritte Eisfeld waren in der Nordwand einst weit mehr als nur kleine Tupfer in der Alpinhistorie. «Jetzt sind sie quasi verschwunden», so Funk. «Und mit ihnen die Stabilität.» Wegen des immer stärker werdenden Steinschlags sei dort kaum mehr jemand im Hochsommer unterwegs. Als der deutsche Alpinist Robert Jasper seiner Solo-Neutour durch die Eigernordwand im vergangenen Jahr einen Namen gab, nannte er sie in Anlehnung an den Rückgang der bekannten Eisfelder «Meltdown». Man kann das einfach mit Abschmelzen übersetzen. Oder auch mit: Kernschmelze, Zusammenbruch, Kollaps. Dabei betrifft der Meltdown keineswegs allein die berühmteste Wand der Alpen. Viele kombinierte Wände sind heute nur noch zu Routen, die unter dem Begriff Klassiker laufen. Auch ist der drohende, klimakrisen-induzierte Kollaps mancher Berge und Routen keine komplett neue Erscheinung. Schon nach dem gewaltigen Felssturz an der Felsnadel Petit Dru 1997 sprach der Geologe Keusen im Nachrichtenmagazin Der Spiegel von «Zeichen des destabilisierenden Gebirges» und machte die weltweite Erwärmung für den Abbruch verantwortlich. Mit einem weiteren Rumpeln im Jahr 2005 wurde dann auch der Südwest-Pfeiler des Petit Dru mitsamt der berühmten Route des namensgebenden Besteigers Walter Bonatti endgültig pulverisiert.
Benno Steiner
Majestäten im Meltdown
Wird der Berg damit zum absoluten Hochrisikobereich, das Bergsteigen zur Harakiri-Sportart für verantwortungslose Hasardeure? Alpinretter Würsch glaubt das nicht. «Der Berg ist doch nicht gefährlich. Er wird erst gefährlich, wenn der Mensch die falschen Entscheidungen trifft.» Wichtig sei daher, sich den Veränderungen anzupassen und sich richtig vorzubereiten. Dafür habe es für Bergsteiger noch nie so viele Möglichkeiten gegeben wie heute. Websites diverser Institutionen, aber auch soziale Medien haben sich längst als Ergänzung zur klassischen Führerliteratur etabliert. «Wenn etwa am Sustenpass ein Gletscher abbricht oder sich der Zustand einer Zustiegsroute ändert, erfährt man das oft im Internet», so Würsch. Das helfe enorm. Und die Leute, die in anspruchsvolle Routen mit wechselnden Bedingungen einsteigen, würden diese Möglichkeiten auch richtig zu nutzen wissen. Dort, wo Infrastruktur bedroht ist, wird ohnehin mit neuesten Messmethoden ein Frühwarnsystem aufgebaut. Kaum ein Bergrutsch kommt ohne Vorboten daher.
Die Berge werden sich weiter bewegen, einige schöne Anstiege ihren Charakter verlieren oder gänzlich aus der Gebirgswelt verschwinden. Manch jetzt noch eindrucksvolle Eislandschaft lebt dann nur auf Bildern und in der Erinnerung weiter. Doch es werden andere Landschaften entstehen: neue Lebensräume, neue Seen, neue Routen. Und als kleiner Trost bleibt immerhin, dass noch das ein oder andere Jahr vergehen wird, bis Gletscherriesen wie der Dom zu einer grossen Schutthalde mit dreckigen Eisresten verkommen.
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