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Tour de France – Freeride Roadtrip Auvergne-Rhone-Alpen

Tour de France – Freeride Roadtrip Auvergne-Rhone-Alpen
Text: Christian Penning | Fotos: Christian Penning | Datum: 15.11.2018
Tour de France – Freeride Roadtrip Auvergne-Rhone-Alpen
Das grösste Netz aus Skiliften weltweit … plus endlose Bergmassive – ergibt einen gigantischen Spielplatz für Freeride-Touren. So lautete die Kalkulation vor der Skidurchquerung von Val d’Isère bis nach Val Thorens. Wie aus diesem Abenteuer dann doch ein Roadtrip wurde? Lesen Sie selbst!
Baaahhm! Plötzlich reissen die Wolken am Col du Montet auf. Mussten sich die Augen gerade noch mühen, im milchigen Nebellicht den Gratverlauf wenigstens vage zu erkennen, breitet sich unter dem blauen Himmel nun eine Berglandschaft aus wie auf einem unbewohnten, weissen Planeten. Wild. Zerklüftet. Keine Spur weit und breit. Eine bizarre Welt aus Gletschern und Felsmassiven. Es wirkt, als wären Jürg und Luggi die einzigen Menschen auf diesem Stern, als sie die letzten Meter auf einen Vorgipfel der Grande Aiguille Rousse östlich von Val d’Isère hinaufstapfen. Ein Moment für die Ewigkeit. Minuten später klicken ihre Skistiefel in die Bindungen. Und dann malen zwei Spuren eine elegant geschwungene Signatur an den unteren Rand dieses traumhaften Panoramabildes.

Kaum zu glauben: Der Schauplatz dieser magischen Szene liegt kaum mehr als einen Kilometer Luftlinie von den Liften des Skigebietes Val d’Isère entfernt. Ist die erste Etappe dieser Skidurchquerung schon die Königsetappe? Jedenfalls freuen sich Luggi und Jürg am Ende des Tages nach unzähligen weiteren Powder-Turns wie die Schneekönige. Ein Tag, der so richtig Lust macht auf die nächsten Bergetappen. Von Val d’Isère bis Val Thorens soll die Route führen. Über Les Arcs, La Plagne und Les Trois Vallées. Ohne Auto oder Bus. Dafür mit Rucksack und Tourenfellen. Auf der Jagd nach den besten Freeride-Runs. Wo möglich, wollen die beiden die Aufstiege zwischen den zahllosen Berg­kämmen mit Liften und Seilbahnen verkürzen. Eine epische Tour entlang des weltweit grössten Konglomerats an Pisten und Liften. Mit gigantischen 1325 Pistenkilometern, davon mehr als 700 präparierten Pisten, und fast 400 Liftanlagen. Mit bisweilen kuriosen Kontrasten zwischen stiller, hochalpiner Wildnis und lautem, inszeniertem Pistenzirkus um die Skistationen. Eine Tour de France auf Ski durch das Herz der Französischen Alpen. Mit spannenden Bergetappen jeden Tag. So lautet der Plan.
«Höhenflüge in atemberaubenden hochalpinen Landschaften – vive la France!»
Tour de France – Freeride Roadtrip Auvergne-Rhone-Alpen
Breite Bretter sind die erste Wahl als Sportgeräte für die Freeride Tour de France.
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Breite Bretter sind die erste Wahl als Sportgeräte für die Freeride Tour de France.
Weitblick: An den Skigebietsgrenzen von Val d'Isère  hören die Möglichkeiten zum Freeriden und Tourengehen längst nicht auf.
Tour de France – Freeride Roadtrip Auvergne-Rhone-Alpen
Weitblick: An den Skigebietsgrenzen von Val d'Isère  hören die Möglichkeiten zum Freeriden und Tourengehen längst nicht auf.
Viel Luft unterm Ski. Im Hinterland von Val d'Isère kommen auch ambitionierte Freerider auf ihre Kosten.
Tour de France – Freeride Roadtrip Auvergne-Rhone-Alpen
Viel Luft unterm Ski. Im Hinterland von Val d'Isère kommen auch ambitionierte Freerider auf ihre Kosten.

Heldengeschichten und atemberaubende Landschaften

Eine Tour, die Stoff gibt für Mythen, die ihre Protagonisten zu Helden macht, die durch atemberaubende Landschaften führt – das war die Grundidee der Tour de France für Rennradfahrer. Seit 1903 begeistert sie zig Millionen. Initiatoren waren Journalisten der Sportzeitung «L’Auto», Vorgänger der mittlerweile legendären «L’­Equipe». Also wieso nicht eine zeitgemässe Neuinterpretation für ein Outdoor-Magazin produzieren? Im Winter. Nicht als Wettkampf, aber dennoch als grandioses Erlebnis. Dass der gedankliche Crossover von Rad- und Skisport gar nicht so abwegig ist, hat Val d’Isères berühmtester Sohn schon vor Jahren gezeigt. Der dreifache Ski-Olympiasieger Jean-Claude Killy. 1994 bis 2000 war er Co-Direktor der Tour de France. Ein grandioses Erlebnis soll auch der zweite Tag bieten: Die Freeride-Abfahrt entlang des Gletscher­bruchs an der Grande Motte im benachbarten ­Tignes. Und anschliessend die Tour durch einsame Berglandschaften der Montagne de la Vallaisonnay nach Les Arcs. «Könnte ­anstrengend werden», meint Luggi beim Dîner und ordert eine grosse Portion Tartiflette. Dazu eine Flasche Châteauneuf. «Santé!», stösst er mit Jürg an. Das abendliche «Doping» für die zweite Etappe hat gleich zwei Vorteile: Es ist legal und verwöhnt gleichzeitig den Gaumen.

Beim Erwachen am nächsten Morgen herrscht Katerstimmung. Nicht wegen des Weins. Wegen des Wetters. Eine Bergspitze nach der anderen verschwindet in dichten, grauen Wolken. Draussen rieselt feiner Schnee. Als würde die drei bis fünf Meter mächtige Basis in den Hochlagen der Auvergne-Rhône-Alpes noch nicht reichen. Die Gondel hinauf zur Grande Motte: geschlossen. Aber das ist jetzt auch schon egal. Bei Whiteout blind durchs vergletscherte Gelände zu ­stochern, hätte eh keinen Sinn. «Vielleicht haben wir doch noch Glück, und es wird besser», hofft Jürg während der Liftfahrt hinauf Richtung Pointe du Chardonnet. Doch die Hoffnung sinkt. Der Schneefall wird stärker. Der Nebel auch. Was tun? Kaffeetrinken! Unten in Tignes-les-Brévières. Im Gegensatz zum gut 2000 Meter hoch gelegenen Tignes-le-Lac und Val Claret, die mit ihren riesigen Appartementkomplexen eher an die Pariser Vorstadt erinnern, ist das Dorf 500 ­Höhenmeter tiefer ein gemütliches Skiörtchen mit einem urigen alpinen Charme. Dass ihr Dorf im Jahr 1952 durch den Bau eines Staudamms im «Lac du Chevril» versenkt werden sollte, gefiel einigen Einheimischen gar nicht. Jedenfalls gab es damals Gerüchte über Sabotage bei den Arbeiten an dem Damm. Doch der Widerstand nützte nichts. Die Überreste des alten Dorfes wurden geflutet. Immerhin steht so nun eine nachhaltige Energiequelle für das Skigebiet zur Verfügung. Luggi und Jürg plagen ganz andere Sorgen. Der Blick aufs Niederschlagsradar und die Wetter-App macht klar: Chancen auf Wetter­besserung: null. Im Gegenteil. Es soll im Laufe des Tages sogar noch stärker schneien. Einen Tag warten? Die Vorhersage für die nächsten Tage ist zwar leicht besser, aber längst nicht wirklich gut für Unternehmungen in dem anspruchsvollen hochalpinen Terrain. Noch ein Kaffee. Und noch einer. Dann steht der Plan. «Wir machen aus der Skidurchquerung einen Roadtrip», schlägt Luggi vor. Mit dem Auto von Skigebiet zu Skigebiet, und dann schauen, was das Wetter zulässt.

«Okay, ziehen wir weiter», schlägt Jürg ein. «Aber nicht, ohne dem Wald oberhalb von Tignes-­les-Brévières noch einen Besuch abzustatten», zwinkert ihm Luggi zu. Mittlerweile hat sich eine ansehnliche Neuschneedecke aufgebaut. Wegen des Nebels hat kaum ein anderer Skifahrer den Weg dorthin gefunden. So bleibt der Pulver unverspurt – bis auf zwei Spuren, die sich immer wieder und immer wieder die steilen, lichten Lärchenhänge hinabziehen. Der Nachmittag ist gerettet, auch wenn er anders verläuft als geplant.
Gipfelparade: Die Träume immer neuer Lines nehmen in den französischen Alpen kein Ende.
Tour de France – Freeride Roadtrip Auvergne-Rhone-Alpen
Gipfelparade: Die Träume immer neuer Lines nehmen in den französischen Alpen kein Ende.

Bergankunft mit Freeride-Abfahrt – eine unvergessliche Etappe

Kurvig geht’s auch am Abend weiter. Kehre für Kehre schraubt sich das Auto von Bourg-Saint-­Maurice hinauf nach Les Arcs. 1996 traten hier auf der sechsten Etappe der Tour de France Tony Rominger, Jan Ullrich und der spätere Sieger Bjarne Riis auf dem Weg zur Bergankunft in die Pedale. Was für die Radstars damals das Ziel war, ist für Jürg und Luggi am nächsten Morgen der Ausgangspunkt zu neuen Höhen. «Gebt Gas, wir treffen uns am Sessellift», schreibt Jules in seiner Message, die während des Frühstücks auf dem Smartphone aufleuchtet. Noch ist der Himmel blau, doch schon schieben tal­auswärts neue Wolkenbänke heran. Eine Viertel­stunde später sitzen Luggi und Jürg neben Jules Bonnaire im Sessellift. Jules ist unten im Tal, in Bourg-Saint-Maurice, aufgewachsen, wohnt mittlerweile aber am Berg in Les Arcs und lebt Skifahren mit jeder Zelle seines Körpers. Bei den Olympischen Spielen in Sotschi war er Teil des französischen Freestyle-Teams. Doch genauso gerne wie über Kicker im Park schiesst er sich über natürliche Felsklippen in den Berghimmel oder zieht einfach nur entspannte, schnelle Lines im Pulverschnee.

Jules hat Jürg und Luggi versprochen, ihnen als Guide die Qual der Wahl zwischen den vielen grossartigen Freeride-Abfahrten in Les Arcs zu erleichtern. Mit dem Skistock deutet er hin­über zur Pointe du Four. «Diese Runs zählen zu meinen Lieblingsplätzen», sagt er. Auf der Südseite umschliesst das knapp 2500 Meter hohe Fels­massiv wie ein Amphitheater ein kleines Hochtal. Das perfekte Schauspiel aber bieten die Nordflanken. Ein Couloir reiht sich an das nächste. Noch ist keine Spur zu sehen in den makellosen Rinnen. «Die meisten Skifahrer hier sind zu faul hochzusteigen», lacht Jules. «Es gibt einfach zu viele leicht erreichbare Möglichkeiten.» Nach nicht einmal einer halben Stunde Stapfen ist der Gipfelkamm erreicht. Jules treibt zur Eile. Die Wolken, die mittlerweile am Grat entlang wabern, machen ihm Sorgen. Gerade noch wirkten die Hotelburgen von Arc 2000 von hier oben wie die Festung einer alpinen Spielzeuglandschaft. Dann verschluckt der Nebel Architektur und Landschaft. Neutralisiert und versteckt beides hinter 
einer weissen Wand.
«Das habe ich sogar gemacht, als ich mich auf Olympia vorbereitet habe. Wenn es frischen Powder gab, musste der Park halt warten.»
Die Bauwerke von Arc 2000 mit ihren geschwungenen, in den Himmel ragenden Linien wirken beinahe wie Skisprungschanzen. Von den einen als Verschandelung der Berglandschaft gegeisselt, sehen andere darin mittlerweile ein Stück Bergkultur. Im Tourismusbüro kann man sogar Führungen buchen, die einem diese Art der Baukunst französischer Stararchitekten näherbringen. Doch Jürg hätte jetzt lieber einen klaren Blick auf die Couloirs unter ihm. «Abwarten», schlägt Jules vor. In einer der steilen Rinnen im Blindflug über eine Klippe zu schiessen, könnte fatal enden. Jules, Jürg und Luggi stecken fest. «Mist, verzockt!», ärgert sich Jules. «Dabei bietet Les Arcs auch eine Menge toller Tree-Runs, auf denen man auch bei schlechter Sicht richtig Spass ­haben kann.» Eine Viertelstunde später hebt sich der Vorhang so unvermittelt, wie er gefallen ist, und gibt den Blick auf das kleine Freeride-­Paradies an der Pointe du Four wieder frei: ein perfekter Spielplatz aus Wechten, Felsen und halfpipe-artigen Rinnen. Ein Stück tiefer zieht Jules auf weiten, kupierten ­Hängen eine riesige Schneefahne hinter sich her. «Geht’s noch besser?», fragt Luggi unten ungläubig. «Möglicherweise schon, Buddy», grinst Jules vielsagend.
Weisse Gischt: Zum Abschluss strahlen in Val Thorens die Gesichter mit der Sonne um die Wette.
Tour de France – Freeride Roadtrip Auvergne-Rhone-Alpen
Weisse Gischt: Zum Abschluss strahlen in Val Thorens die Gesichter mit der Sonne um die Wette.

Aiguille Rouge – ein Hauch von Alaska

Die Wolken haben sich mittlerweile ­gelichtet. Was vor einer halben Stunde noch kaum einer zu hoffen gewagt hatte, tritt tatsächlich ein. Der Blick zum höchsten Punkt von Les Arcs, zur 3227 Meter hohen Aiguille Rouge, ist frei. «Kommt mit!», winkt Jules. Eine Gondel führt direkt auf den Gipfel mit 360-Grad-Panorama. «Dort, der Mont Blanc», zeigt Jules nach Norden. «Und dort, im Süden, der Vanoise Nationalpark.» Noch spannender aber ist, was sich an der Ostflanke der Aiguille Rouge auftut: ein kleines Stück Alaska. Jedenfalls haben die einheimischen Freerider die gewaltige Flanke mit ihren dick verschneiten «Spines» auf den Namen «Valdez» getauft. Nur drei Spuren führen in das mehrere Hundert Meter breite Face. «Dieser Run ist längst nicht alle Tage machbar», warnt Jules. «Aber heute sollte es passen.» Es ist in den vergangenen Tagen zwar viel Neuschnee gefallen, aber locker, ohne Wind. Luggi dropt als Erster über die kleine Wechte am Grat in den Steilhang, zieht etwas nach rechts und verschwindet nach zwei Schwüngen bis zur Hüfte, teils bis zum Kopf, in einer riesigen Staubwolke. «Der Nächste bitte», winkt Jules, als Luggi weit unten hinter einer Engstelle an sicherer Position wartet. Und dann beginnt eine Abfahrt, die sich noch lange ins Album der Erinnerungen ein­brennen wird: mehr schweben als schwingen, mehr fliegen als fahren. Ein Abtauchen in ein Gemisch aus Schnee und dünner Bergluft. Dazwischen kurzes Atemholen.

Jeder Schwung erfordert eine überlegte Linienwahl, um nicht in der weissen Gischt das Gleichgewicht zu verlieren. Wie Wildwasserfahren. Als die Lungen längst pfeifen wie beim Zielsprint der Tour de France, als die Oberschenkel sich mindestens so schwer und hart anfühlen wie nach stundenlanger Kurbelei auf einer steilen Passstrasse, ist hinter der Engstelle endlich Gelegenheit, abzuschwingen, durchzuschnaufen. Luggi atmet schwer. Aber seine Augen leuchten. Traum, … Wirklichkeit …? Auf den zurückliegenden 500 Höhenmetern sind Schwerkraft und Schneekristalle zu einer unvergesslichen, fast surrealen Erfahrung verschmolzen. Lachend schiesst Jules vorbei. Ruft: «Weiter!» Und verschwindet schon hinter der nächsten Kuppe. Als er endlich stoppt, kochen längst die Oberschenkel. Die Schläfen unterm Helm pochen, als ginge es da­rum, im Verfolgungsfahren den Vordermann einzuholen. Jules wirkt immer noch völlig entspannt. Grinst. «Sobald anfangs des Winters genügend Schnee liegt, mach’ ich diese Abfahrt regelmässig mit Freunden», erzählt er. «Als Test. Ohne Stopp. Wer’s schafft, ist fit für die Saison.» Vom Gipfel bis runter ins Örtchen Villaroger sind es über 2000 Höhenmeter – gespickt mit allen Geländeformen und Schneearten, die ein solcher Vertikalritt zu bieten hat.
Urig: Wer die Betonburgen in Tignes kennt, wird über die Chalets in Les Brévières staunen.
Tour de France – Freeride Roadtrip Auvergne-Rhone-Alpen
Urig: Wer die Betonburgen in Tignes kennt, wird über die Chalets in Les Brévières staunen.
Pragmatisch: Die Bettenburgen von La Plagne bieten viel Platz auf wenig Fläche.
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Pragmatisch: Die Bettenburgen von La Plagne bieten viel Platz auf wenig Fläche.
Fettes Vergnügen: An der Pointe du Four in Les Arcs herrscht kein Mangel an spannenden Couloirs.
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Fettes Vergnügen: An der Pointe du Four in Les Arcs herrscht kein Mangel an spannenden Couloirs.

1500 Höhenmeter in einer Line – die nächste Königsetappe?

«Das macht Lust auf mehr», meint Luggi, als er abends im gemütlichen kleinen Berghotel «Les Glières» in Champany en Vanoise mit Jürg Pläne für den nächsten Tag schmiedet. Im offenen Kamin knistert das Feuer. Jules hat den beiden noch einen heissen Tipp mit auf den Weg gegeben: die nordseitigen Rinnen des Sommet de Bellecôte bei La Plagne. Ein durchgehend steiles Face mit mehr als 1500 Höhenmetern. Das könnte nochmals eine Königsetappe werden. Anspruchsvoll. Genau wie die Bedingungen am nächsten Tag.

Wieder hat es nachts geschneit. Und wieder hängen schwere Wolken über den Gipfeln. Oben an der Grande Rochette brennen erste Sonnenstrahlen Löcher in die Wolkendecke. Jürg und Luggi fackeln nicht lange. Mit der Bellecôte Gondel geht’s hinauf zum Gletscher, wo die Lifte gerade erst aufgemacht haben. Besteht also doch noch die Chance auf schier endlose Powder-Lines am North Face des Bellecôte? Gerade, als die beiden oben ankommen, hüllt sich der Gipfel wieder in Nebelschwaden. Vorhang zu. Vorbei der Traum. Selbst die entschärfte Variante über die Westflanke zur Skihütte bei Pramain wird zum orientierungstechnisch anspruchsvollen Blindflug. Enttäuschung. Aber auch die gehört eben zu den Höhen und Tiefen einer Tour de France.
Über den Wolken: Wer die Felle einpackt und kurze Aufstiege nicht scheut, erlebt in Val Thorens den Freeride-Himmel.
Tour de France – Freeride Roadtrip Auvergne-Rhone-Alpen
Über den Wolken: Wer die Felle einpackt und kurze Aufstiege nicht scheut, erlebt in Val Thorens den Freeride-Himmel.

Schlussetappe: Croissants, Sonne und Pulver

Jetzt setzen Jürg und Luggi alles auf die Schlussetappe. Die Wetterprognose ist gut. Während sie hastig zwei Croissants verdrücken, zeichnen sie am Frühstückstisch mit dem Zeigefinger ihre Dreamline auf die Landkarte: vom Col de Thorens mit Fellen hinauf zur 3528 m hohen Aiguille de Polset und dann auf einer einsamen, hochalpinen Gletscherabfahrt ins Vallon du Fruit und schliesslich in einem weiten Bogen nach Meribel. «Toller Plan», meint Skilehrer Victor, als er die beiden am Hotel abholt, um sie zu begleiten. «Doch für diese tagesfüllende Unternehmung wird wohl das Wetter nicht lange genug halten.» Auch wenn der Himmel über den Wohnblocks von Val Thorens noch makellos blau ist, droht talauswärts schon die nächste Wolkenfront. «Ich zeige euch lieber ein paar andere meiner Freeride-Favoriten, die sich schneller erreichen lassen. Sicher ist sicher.» Nach ein paar steilen Runs durch die Rinnen am Cime de Caron steuert Victor hinüber zu den unverspurten Hängen am Mont Brequin. Perfektes Gelände für Big Turns. Die enden erst unten am Lac du Lou mit einer spritzigen Waterslide-Einlage.

«Was für ein Schneeparadies!» Luggi lacht und gesteht Victor bei einer kurzen Pause in der Sonne vor dem Refuge le Lou: «Ich bin ganz schön neidisch.» Victor lächelt wissend. «Zwischen meterhohen Schneemauern zur Schule zu fahren, war für uns ganz selbstverständlich», sagt er. Mit einer Höhenlage von 2300 Metern ist Val Thorens der höchstgelegene Skiort Europas. Bis in die 1960er-Jahre gab es hier oben kaum mehr als ein paar Alphütten. «Die meisten Einheimischen waren der Meinung, das Klima hier sei zu extrem, um die Infrastruktur eines Ortes aufrechtzuerhalten: zu kalt, zu viel Schnee», erzählt Victor. Genau das aber war es, was einige Pioniere anlockte. Und so wurden 1971 die ersten drei Schlepplifte im Val Thorens installiert. Victor ist sozusagen mit Ski an den Füssen aufge-
wachsen. «Skifahren und Schule war für uns fast das Gleiche. Jeder aus der Schulklasse war auch im Skiclub.» Dass Val Thorens zwar am Talende, aber nicht am Ende der Welt liegt, zeigt sich jeden Abend in der «Crewzer Bar», die Victor zusammen mit einem Freund betreibt. Burger und Biere aus der ganzen Welt, das Publikum ebenso. Jung, bunt, inter­national, wie bei Partys auf einem Uni-Campus.

Zeit für den nächsten Run. «Kommt, ich zeig’ euch noch ein paar Firnabfahrten», winkt Victor. Als Luggi die ersten Schwünge in die Südhänge an der Cime de Caron setzen will, löst sich einer seiner Ski. Bindungsbruch! «Hätten wir jetzt nur einen Servicewagen wie bei der Tour de France», unkt er ziemlich frustriert. Dieser Run sollte doch der krönende Abschluss werden. So etwas wie die Fahrt auf den Champs-Élysées zum Arc de Triomphe. Immerhin, für Jürg hat die Abfahrt Richtung Orelle doch noch etwas Erhabenes. Schwingen überm Wolkenmeer. Felsigen Inseln gleich, ragen die umliegenden Gipfel aus dem wattigen Gebräu. 200 Höhenmeter tiefer tauchen Victor und er in ein konturloses Grau. «Ich hätte dir gerne noch eines der Couloirs an der Aiguille de Peclet gezeigt», meint Victor auf den letzten Metern zurück nach Val Thorens. Aber keine Chance. Selbst die obersten Stockwerke der Hochhäuser von Val Thorens sind im mittlerweile dichten Flockenwirbel kaum noch auszumachen. Ein Schneesturm fegt durch die Häuserschluchten. «Hey, immerhin habt ihr jetzt einen Grund wiederzukommen», sagt der Skilehrer grinsend, als er Jürg zum Abschied auf die Schultern klopft. «Genau», stimmt ihm Jürg zu. Denn eines steht fest: Mit etwas besserem Wetter hat auch diese Freeride Tour de France das Zeug zum abso-
luten Mythos!