Schüttelfrost und Gaumenlust
Die tragische Geschichte der Laghi Gemelli
Seensüchtig
Gerade noch rechtzeitig vor einem Regenguss erreichen wir das Rifugio Calvi. Porträts der vier Calvi-Brüder zieren die Wand der holzverkleideten Stube. Wagemutige Kletterer, Pioniere der Orobischen Alpen, die den Ersten Weltkrieg jedoch nicht überlebten. Unter der Hütte bettet sich verwunschen der Lago Rotondo. Wir passieren ihn anderntags bei bombigem Wetter. Himmel und Berge spiegeln sich in dem Juwel. Kaskaden rauschen am Wegesrand, in dem verträumten Hochtal unter den schroffen Wänden des Pizzo Diavolo blöken Schafe. Arnika tupfen am Valsecca-Pass wie kleine Sonnen Farbe in den Schutthang. Der Übergang offeriert einen imposanten Blick über stark zerklüftetes Gelände zu den höchsten Gipfeln der Orobischen Alpen. Von einem Felssporn unter uns leuchtet die rote Biwakschachtel des Bivacco Frattani. Ein guter Picknickplatz auf dem Weg zum Rifugio Brunone. Kraft tanken, denn dazwischen liegt ein Steilabstieg ins Valle di Salto, von wo man die verlorenen Höhenmeter dann wieder einsammeln darf.
Circo dei Giganti – Zirkus der Riesen
Ein blitzblauer Morgen stimmt uns dann doch um. Die traumhafte Klarheit, der Blick reichte bis weit in die Ebene, sollte leider nicht lange Bestand halten. Bei Kälte gestaltet sich die Route mitunter etwas heikel. Dann macht nicht nur der rutschige Schotter in den Steilrinnen zu schaffen, sondern auch der Fels, den die Feuchtigkeit mit einer dünnen Eisschicht verpackt. Wir schuften uns in die Höhe, sind so beschäftigt, dass wir den Einzug der Wolken gar nicht bemerken. Am Simal, dem höchsten Punkt der Etappe, von wo der Blick traumhaft wäre, stehen wir im Einheitsgrau. Jetzt geht es nur noch abwärts, freut sich Gerhard. Von wegen. Der eigentliche Kletterpart fängt erst an. Erst ein Couloir hinunter, durch ein steiniges Tal und dann auf einen Felssporn. Der Beginn eines leichten Klettersteigs. Nieselregen setzt ein, was dem Spass an der Route aber keinen Abbruch tut. Spektakulär zieht die Ferrata durch die grandiosen Felsfluchten des Valle di Coca.
Und der nächste Tag sieht nicht besser aus. Balanceakt durch Felsfluchten. Wir haben mittlerweile Routine. Im Rifugio Curò schalten wir einen Pausentag ein. Dauerregen wäre für die bevorstehende längste Etappe der Route keine schöne Begleitung. Doch das Wetter soll besser werden. Also sitzen wir es aus. Am prasselnden Kamin, bei Rotwein und lokalen Bergkäsespezialitäten – eine nicht gerade unangenehme Sache. Das alte Rifugio nebenan sei kürzlich umgebaut worden zur höchsten Jugendherberge Europas, erzählt uns Hüttenwirt Fabio. Er zeigt uns stolz die geschmackvollen Räumlichkeiten. Panoramafenster erlauben einen herrlichen Blick über das Valle Seriana. Rechterhand stürzt die Cascate del Serio zu Tale – mit 315 Metern Fallhöhe der längste Wasserfall Italiens. Gegen Abend reisst endlich der Himmel auf. Sonnenstrahlen lassen den Lago Barbellino glitzern. Das reizt fast alle Hausgäste zu einem kleinen Bummel in Hüttenlatschen auf dem breiten Uferweg über dem Stausee.
La Regina delle Orobie – Die Königin der Bergamasker
Eine senkrechte Leiterpartie macht den Auftakt, dann nutzt die Route geschickt Felsbänder aus. Unter den Sohlen fällt der Blick Hunderte von Metern fast senkrecht ins Tal. Ein Stein taumelt in die Tiefe. Der etwas düstere Himmel erhöht den Adrenalinspiegel. Aber der Wetterdienst meldete keine Gewitter. Plötzlich bauen sich vor uns die Quattro Matte auf, die vier versteinerten Verrückten. Einst Schwestern, die in den Wald gingen, um Holz zu holen, hatte uns der Hüttenwirt über die Legende erzählt. Im Wald trafen Erica, Gardenia, Genzianella und Rosina auf Zwerge, mit denen sie ihre kargen Essensvorräte teilten und versprachen wiederzukommen. Doch die vier hielten ihr Versprechen nicht ein und die Zwerge begannen zu singen. Ein magischer Gesang, der die Geschwister verrückt (italienisch: matto) machte – sie erstarrten zu Stein. Die Presolana ist fürwahr ein Ort, wo die Fantasie mit einem durchgehen kann. So mancher Felsendom zeigt sich als Fabelwesen. Am Himmel zieht ein Adler seine Bahnen, sein Schrei zerreisst die Stille. Fast könnte man meinen, er will die Bergamasker Alpen aus dem Dornröschenschlaf wecken.
Mit dem Auto nach Bergamo oder zum Lago d’Iseo, dann weiter ins Valle Seriana und bei Ardesio westlich nach Valcanale, 987 m. Mit dem Zug bis Bergamo. Von dort per Bus über Clusone nach Valcanale. Achtung: Fahrscheine in Italien werden nicht im Bus, sondern am Kiosk, Schalter oder in der Bar verkauft.
Vom Endpunkt Cantoniera della Presolana mit dem Bus über Clusona nach Valcanale oder zum Bahnhof Bergamo.
KARTE
Kompass Karte Nr. 104, 1:50’000, Alpi Orobie Bergamasche, 8,99 Euro.
LITERATUR
Im Wanderführer «Hüttentrekking Ostalpen» von Ralf Gantzhorn ist der Trek ausführlich beschrieben, Bergverlag Rother, 24,90 Euro.
INFOS
Informationen zu Etappen und Unterkünften finden sich auf www.sentierodelleorobie.it. Außerdem können die Seiten www.valseriana.eu und www.turismo.bergamo.it hilfreich sein. Alles leider nur auf italienisch. Gegenüber dem Bahnhof von Bergamo befindet sich eine Tourist-Information (kompetent und deutschsprachig).
UNTERKÜNFTE
In Ardesio
Wer ein authentisches Dorfhotel mit guter Küche sucht, ist im Albergo Bigoni genau richtig, www.albergoristorantebigoni.it. Als Aperitif-Stopp lohnt sich der Besuch der benachbarten Bar mit grosser Terrasse des Hotels Ardesio. Im bescheidenen Getränkepreis inbegriffen: Snacks, die fast ein Abendessen ersetzen.
Hütten entlang des Treks
Rifugio Laghi Gemelli,rifugiolaghigemelli.it
Rifugio Fratelli Calvi, Tel. +39 0345 77047
Rifugio Baroni al Brunone, Tel. +39 0346 41235
Rifugio Coca,rifugiococa.it
Rifugio Antonio Curò,antoniocuro.it
Ostello al Curò,ostelloalcuro.it
Rifugio Luigi Albani,rifugioalbani.com
Anforderungen
Der Trek führt durch eine wilde, raue Landschaft. Exponierte Stellen und Schuttpassagen gehören zum Alltag. Absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind Voraussetzung. Die Klettersteigpassagen können von routinierten Berggängern auch ohne Klettersteigausrüstung begangen werden.
Dusche gefällig
Im Talschluss des Valle Seriana, unterhalb des Rifugio Curò, lockt die Cascate del Serio zu einer Extra-Runde. Der längste Wasserfall Italiens teilt seine Fallhöhe von 315 Metern in drei Stufen auf: 166 Meter, 74 Meter und 75 Meter. In seiner ganzen Macht zeigt er sich nur, wenn das Wasserkraftwerk die Schleusen öffnet. Termine 2016: 19.6. 11-11.30 Uhr, 16.7. 22-22-30 Uhr (mit Beleuchtung in Szene gesetzt), 21.8. 11-11.30 Uhr, 18.9. 11-11.30 Uhr, 9.10. 11-11.30 Uhr.
Auf dem Sentiero delle Orobie Orientale
1 Valcanale – Rifugio Gemelli, 1961 m
4 h, +1150 Hm, -170 Hm
Eine angenehme Eingehetappe trotz des kräftigen Anstiegs. Unterwegs bietet sich eine Einkehr auf der Alpe Corte an. Am Passo dei Laghi Gemelli öffnet sich ein schöner Seeblick.
2 Rifugio Gemelli – Rifugio Calvi, 2015 m
Leichte Route: 4 Std., +460 Hm, -410 Hm
Alpine Route: 6 Std., +750 Hm, -700 Hm
Die zweite Etappe gibt es in zwei Varianten. Fünf Seen liegen an der leichten Route, acht Seen an der alpinen Route, die auch mehr Ausblicke sowie eine Einkehrmöglichkeit bietet. Am Weg lohnt der Abstecher auf den Pizzo del Becco, 2507 m (vom Rifugio Gemelli 2 h, leichter Klettersteig).
3 Rifugio Calvi – Rifugio Brunone, 2295 m
6 h, +870 Hm, -590 Hm
Anstrengende Etappe aufgrund von Schutthalden und ordentlichem Gegenanstieg. Der Gipfelabstecher zum Pizzo del Diavolo ist routinierten Berggängern vorbehalten.
4 Rifugio Brunone – Rifugio Coca, 1892 m
6 h, +420 Hm, -820 Hm
Die wildeste Etappe des Sentiero delle Orobie lässt die Wahl zwischen alpiner und moderater Route (Höhenmeter ähnlich wie Alpinroute). Höchster Punkt der alpinen Route ist der Sattel Simal, 2712 m. Von dort muss ein heikles, teils mit Ketten gesichertes Couloir abgestiegen werden. Beste Trittsicherheit und Schwindelfreiheit benötigt auch der Klettersteig durch die Felsfluchten des Valle di Coca.
5 Rifugio Coca – Rifugio Curò, 1895 m
4 h, +530Hm, -530 Hm
Schmaler Hangpfad mit zahlreichen Aufs und Abs und imposanten Tiefblicken. Bei Bergsteigern begehrt ist der Pizzo di Coca, der höchste Spitz der Bergamasker Alpen (vom Rifugio Coca 3.30 h und Kletterei im II.Grad)
6 Rifugio Curò – Rifugio Albani, 1939 m
8 h, +1010 Hm, -960 Hm
Lange Etappe, früher Start empfehlenswert. Die erste Partie ist etwas mühsam, da der Pfad abschnittsweise immer wieder zuzuwachsen droht. Ab dem Passo della Manina Landschaftsgenuss und Weitblicke in Karsthochflächen.
7 Rifugio Albani – Cantoniera della Presolana, 1297 m
5.30 h, +430 Hm, -1070 Hm
Die Überschreitung der Presolana ist ein prächtiges Finale. Der Gipfel des Monte Visolo (2369 m ) wird dabei mitgenommen. Wer sich den leichten, aber exponierten Klettersteig durch die Presolana nicht zutraut, kann den Kalkstock auf normalem Wanderweg westseitig umgehen.
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