Aus geheimnisvoller Gruft empor
Über einen steilen Treppenweg steigen wir auf die sonnigen Höhen von St. Margarethenberg. Im Buura Beizli füllen Tagesgäste den Gastgarten. Doch abends ist es herrlich ruhig. Ob wir den Wolf sehen? Aber dann lenkt uns die gute Küche ab. Die knusprigen Bratkartoffeln mit Leberli von Susi. Ihr Mann Severin, gelernter Bäcker, produziert das Brot und die süssen Schlemmereien. An der Ladentheke türmen sich Produkte – alle aus eigener Herstellung: Hirschsalsiz, Baumnusssalsiz, Knoblispeck ... Käse von der Mastrilser Alp, wo die Hofkühe den Sommer verbringen. Backwaren, Kräutertees und -tinkturen ... Und Mützen, von Susi gelismet, was sie schmunzelnd ihr «Bäuerinnenyoga» nennt. Der Schalk sitzt der lebhaften Wirtin ständig im Nacken, aber beim Thema Wolf wird sie dann doch ernst. «Für Städter mag der Wolf, aus der Distanz betrachtet, ein aufregendes Tier sein, doch in direkter Konfrontation denkt man etwas anders darüber.» Canis lupus – verehrt und gehasst zugleich. In der antiken Sagenwelt kommt er als Vertreter des Bösen daher. In Homers Ilias begleiten grimmige Wölfe den Kriegsgott Ares. In der altgermanischen Geschichte wird der Kriegsgott Odin gelegentlich mit Wolfskopf dargestellt. Der Urahne unserer Haushunde ist Sinnbild für wilde Aggressivität, er steht aber auch für Kraft, Mut und Zusammenhalt, lobenswerte Charakterzüge. Schon die Germanen gaben ihren Kindern deshalb gerne Namen, in denen «Wolf» als Bestandteil vorkommt, wie Wolfgang oder Wolfram, Adolf oder Rudolf. In der Märchenwelt ist er Isegrim, der gefrässige Bösewicht. Je sesshafter der Mensch wurde, umso ärger verteufelte er den Wolf. Für den Bauern war er existenzielle Bedrohung. In einigen Alpenländern zahlte der Staat Abschussprämien. Der Konflikt kam mit der zunehmenden Nutztierhaltung, der Rodung von Wäldern, dem unkontrollierten Jagen. Die Dezimierung der natürlichen Beutetiere des Wolfes zwangen ihn, sich an Haustieren zu vergreifen.
Mit Wölfen im Kopf und Salsiz, Käse und Nussgipfeli im Gepäck verlassen wir das Buura Beizli mit den ersten Sonnenstrahlen. Susis Rat beim Abschied: «Bloss nicht irgendwo die Hosen runterlassen und sch ..., denn es hat überall Fotofallen.»
Die magische Linie
Dass der Wolf ausgesetzt worden sein soll, wie einige Einheimische behaupten, das sei doch ein Märli, meint Ruth, die Hüttenwirtin. Wer sollte denn daran Interesse haben? Isegrim geistert durch unsere Träume, bis das Handy weckt und wir noch schlaftrunken vor dem z'Morge den Haldensteiner Calanda besteigen. Oben am Plateau unterm Gipfel äsen Steingeissen mit ihren Kitzen und lassen sich durch uns nicht aus der Ruhe bringen. Feuerrot flammen die Felsabbrüche auf, streifen die Strahlen über tief eingegrabene Schluchten. Das Calfeisental wird noch lange im Schatten liegen, aber die Glarner Hauptüberschiebung, die sich als markante Linie durch die Gipfel von Ringelspitz und Sardona zieht, leuchtet die Morgensonne theatralisch an. Wie ein offenes Geologiebuch liegen die Mysterien der Alpenfaltung hier zu Füssen. Altes Gestein über jüngeres geschoben, ein nirgends so deutlich sichtbares Phänomen, weshalb sich 1999 der Verein Geopark Sarganserland-Walensee-Glarnerland formierte, dessen Kernzone 2008 als Tektonikarena Sardona Eingang in die UNESCO-Welterbe-Liste fand. Mit der Erweiterung des Geoparks auf Graubündner Gelände kam die Umbenennung zum Geopark Sardona, denn auf dem Piz Sardona treffen sich die Grenzen der drei mitwirkenden Kantone: Glarus, St. Gallen, Graubünden.
Später am Kunkelspass klären uns Schautafeln näher auf: Sogenannte Verrucano-Gesteine, 250 bis 300 Millionen Jahre alt, schoben sich während der Entstehung der Alpen über wesentlich jüngere Flysch-Gesteine (35 bis 50 Millionen Jahre alt). Der dazwischen liegende Lochsitenkalk soll dabei als eine Art Schmiermittel fungiert haben. In der beeindruckenden Gebirgsumrahmung des Kunkelspasses spitzt neben den dominanten Orglen denn auch tatsächlich der Ringelspitz als Anschauungsmaterial hervor.
Tempo da lupi
Die Stimmen der verstorbenen Seelen
Dort zwängt sich wie ein Fjord der Stausee Gigerwald zwischen Steilflanken ein. An seinem Ende liegt St. Martin, eine Walsersiedlung wie aus dem Bilderbuch. Wettergegerbte Holzhäuser, die Fenster geschmückt mit roten Geranien, auf einem kleinen Weiher schnattern Enten miteinander.
Im Beinhaus an der geschichtsträchtigen Kapelle harren die Knochen der letzten, die hier ums Überleben kämpften. Die Stimmen der verstorbenen Seelen höre man hier manchmal noch, verrät Christoph Bacher aus eigener Erfahrung. Vielleicht riefen sie auch den 45-jährigen Walliser, der, als er St. Martin zum ersten Mal im Sommer 2014 besuchte, prompt sein Leben umkrempelte. Bacher verkaufte seine Firma, pachtete St. Martin und wechselte damit vom Anästhesiefachmann zum Gastronom. Man spürt die Passion in Küche und Gastfreundschaft. Ganz in der Tradition der Walser wird alles selbst gemacht, vom Brot bis zu den Pizzoccheri. In den liebevoll eingerichteten Zimmern fühlt man sich um Jahrhunderte zurückversetzt.
Schwer, sich von St. Martin zu lösen. Wir starten später als geplant und erreichen die Malanser Alp gerade, als Alpmeister Ernst Boner jede Menge Käselaibe in sein Auto wuchtet. Das prächtige Resultat eines Sommers, an die sechs Tonnen Käse, 800 Kilo Butter. Boner strahlt. Er erzählt uns, dass nicht nur die Malanser Alp, sondern auch die Sardona Alp zwar im Kanton St. Gallen liegen, doch im Besitz von Graubündnern seien. Das käme noch aus der Zeit der Walser. So zogen beispielsweise einige Walser aus dem Calfeisental nach Malans. Man sprach ihnen dort das Bürgerrecht zu und als Gegenleistung bekam die Gemeinde die Alp. Nicht nur Kühe, auch Pferde bevölkern die Weiden. Wir folgen nun der seit 2010 zum Sardona-Welterbe-Weg ernannten Route, die uns über das Weisstannental, die Spitzmeilenhütte und die Murgseen zum Walensee führen wird. Am Heidelpass weist eine Schautafel auf das Eidgenössische Jagdbanngebiet «Graue Hörner» hin – eine der artenreichsten Gebirgslandschaften der Schweiz, darunter eine Kolonie von rund 500
Steinreich
Die Gedanken versenken sich beim Aufstieg zur Alp Obersiez aber eher in die Geologie. Der Foostock hält den Blick gefangen. Durch den wuchtigen Berg zieht sich die magische Linie der Glarner Hauptüberschiebung. Eine Etage höher an der Fansfurggla empfängt eine Farbenorgie. Weisse Gesteinstrümmer auf rotem Grund, grüne Matten, bunte Blumenteppiche. Der Spitzmeilen, fürwahr ein spitzer Meilenstein, gibt die Orientierung. Unter seinem erhobenen Finger folgen wir einem malerisch von Wollgras umsäumten Bach, der sich plötzlich in Luft auflöst. Ein Ponor, ein Schwundloch, sei des Rätsels Lösung, erklärt uns später Geo-Guide Ruedi Zuber. Das Wasser verschwindet im Karstsystem. Ums Eck gebogen taucht die Spitzmeilenhütte vor der dramatischen Kulisse der Churfirsten auf. Wie ein Raubtiergebiss bohren sich die Felszähne in den Himmel. Dann lenkt die Gesteinsvielfalt wieder ab. Rund um die Spitzmeilenhütte zeigen sich alle Gesteine des Trias, begeistert sich Ruedi Zuber. Gips, Quartenschiefer, Melsersandstein, Rötidolomit. Dem Laien fällt vor allem der rot schillernde Verrucano auf. Verrucano bezeichnet keinen Gesteinstyp, sondern eine Entstehungssituation. In Trögen abgelagertes Material, das sich mit der Zeit verfestigte: Brekzie, Schiefer, Ton. Durch Verwitterung und Oxidation erhält der Verrucano seine rote Färbung. An manchen Stellen setzt er grünliche Akzente und der Kenner spricht von reduziertem Eisen.
Glitzernde Seen und Badepools
Heidiland Tourismus AG, Tel. 081/720 08 20, heidiland.com
Flims Tourismus, Tel. 081/920 92 00, flims.com
Geopark Sardona, Tel. 081/723 59 20, unesco-sardona.ch; geopark.ch
AUSRÜSTUNG
Normale Wanderausrüstung. Stöcke erleichtern die teilweise sehr steilen Abstiege.
ANREISE
Per Bahn nach Bad Ragaz und mit dem Postauto zum Alten Bad Pfäfers (postauto-badragaz.ch). Nicht im GA oder Halbtax inbegriffen. Wer sich die 6 CHF sparen möchte, fährt nach Valens und steigt in 20 Minuten in die Schlucht.
ROUTE
1. Etappe: Altes Bad Pfäfers, 680 m – Ragol, 927 m – St. Margarethenberg/Buura-Beizli, 1242 m, 2 h, 562 Hm. Von Ragol kann mit dem Postauto nach Furggels abgekürzt werden, der Wanderweg folgt dort leider der Straße.
2. Etappe: Buura-Beizli – Salazer Alp, 1750 m – Vazer Alp, 1751 m – Calandahütte, 2073 m, 5.30 h, 900 Hm.
3. Etappe: Calandahütte – Haldensteiner Calanda, 2805 m, 2.15 h, 732 Hm, Abstieg 1.15 h Calandahütte – Alplihütte, 2024 m – Kunkelspass, 1357 m, 3.15 h, 730 Hm.
4. Etappe: Kunkelspass/Gasthaus Überuf – Forstweg oberhalb Vättis, 970 m – Staumauer Gigerwaldsee, 1337 m – St. Martin, 1350 m, 4 h, 380 Hm. Alpine Alternative (T 5): Von Unterkunkels über die Alp Ramoz auf den Simel, 2354 m, und den Hochgang, 2484 m, auf altem Jägerpfad exponiert unter den Orgels entlang. Abstieg über die Alp Panära, 2019 m, zum Gigerwaldsee, ca. 5-6 h.
5. Etappe: St. Martin – Malanseralp, 1832 m – Heidelpass, 2388 m – Batöni, 1534 m – Weisstannen, 1004 m, 5.30 h, 1038 Hm Aufstieg, 1384 Hm Abstieg.
6. Etappe: Weisstannen – Vorsiez – Obersiez, 1661 m – Fansfurggla, 2275 m – Schönbüelfurggel, 2206 m – Spitzmeilenhütte, 2087 m, 6.15 h, 1100 Hm. Oder auf dem Sardona-Welterbe-Weg Nr. 73 über Madfurggel, 2144 m, und Siexfurggla, 2326 m, 6.50 h, 1700 Hm.
7. Etappe: Spitzmeilenhütte – Wissmilenpass, 2420 m – Skihütte, 1759 m – Widersteiner Furggel, 2013 m – Berggasthaus Murgsee, 1819 m, 4.30 h, 587 Hm Aufstieg, 855 Hm Abstieg. Wer hier schon abbrechen möchte, erreicht von der Spitzmeilenhütte in 2.15 h die Bergstation am Maschgenkamm ob Flums.
8. Etappe: Murgsee – Murgseefurggel, 1985 m – Mürtschenfurggel, 1837 m – Talsee, 1086 m – Filzbach, 705 m, 5.30 h, 166 Hm Aufstieg, 1280 Hm Abstieg. Vom Talsee kann auch zur Bergstation Habergschwand, 1277 m, aufgestiegen werden. Von dort Sessellift nach Filzbach.
UNTERKÜNFTE
Buura-Beizli, St. Margarethenberg, Tel. 081/302 28 15, buura-beizli.ch
Calandahütte, Tel. 077/411 58 28, calandahuette.ch
Berggasthaus Überuf, Kunkelspass, Tel. 081/641 11 62, kunkelspass.ch
Restaurant & Hotel Sankt Martin, Calfeisental, Tel. 081/306 12 34, sanktmartin.ch
Hotel Gemse, Weisstannen, Tel. 081/723 17 05, weisstannen.ch
Spitzmeilenhütte, Tel. 081/733 22 32, spitzmeilenhuette.ch
Berggasthaus Murgsee (Fischerhütte), Tel. 079/341 66 50, berggasthaus-murgsee.ch
KARTE
Swisstopo 1:50 000, Blatt 5080 T „Tektonikarena Sardona“, 32,50 CHF.
LITERATUR
«Alpinführer Ringelspitz Arosa/Rätikon», Manfred Hunziker, SAC Verlag2010. «Das grosse Wanderbuch Glarnerland», Caroline Fink, AT Verlag 2013.
TIPP
Im Sommer findet jeden Sonntag eine kostenlose GeoGuide-Tour auf dem Fil de Cassons statt.
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