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Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda

Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda
Text: Iris Kürschner, Dieter Haas | Fotos: Iris Kürschner | Datum: 05.07.2016
Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda
Tief eingegrabene Täler. Schroffe Flanken in Gesteinsschichten, wie bunter Blätterteig. Weite Hochflächen voller Kuhgebimmel und ­Schafsgeblöke. Heidiland oder doch wilder Osten, wo Wölfe herumgeistern? Ein Trekking über den Calanda und durch den Geopark Sardona setzt aufregende Akzente.
«Direkt vom Haus aus kann ich sie manchmal sehen, wenn sie am Waldrand entlang-huschen», verrät Susi, Wirtin vom Buura Beizli ob St. Margarethenberg. Zum Beweis zeigt die Tochter ein Handy-Foto mit zwei Jungwölfen. «Das kann doch nicht normal sein, dass sich Wölfe so nah an Menschen trauen, ja sogar durch Dörfer streifen.» Susi schüttelt den Kopf. «Letztens in Vättis, da stolperte einer fast über einen Wolf, nachts, als er aus der Kneipe kam.» Die Jäger fürchten um ihr Wild, die Hirten um ihre Schafe, die einheimischen Familien um ihre Kinder und der Rest freut sich, dass der Wolf seine alte Heimat zurückerobert. Ein kontroverses Thema, das uns auf unserer Fussreise durch die Taminagruppe in Atem halten wird.
Der Spitzmeilen­gipfel fordert zum kurzen Adrenalinkick heraus.
Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda
Der Spitzmeilen­gipfel fordert zum kurzen Adrenalinkick heraus.
Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda

Aus geheimnisvoller Gruft empor

Eigentlich nicht verwunderlich, dass sich der Wolf diese wilde Gebirgsfaltung zwischen Sargans und Churer Rheintal aussuchte, um wieder heimisch zu werden. Der enge Schlund der Taminaschlucht, ein Katzensprung von Bad Ragaz, bietet den reizvollsten Zugang ins Wolfsgebiet. Trotz sommerlicher Hitze fröstelnde Temperaturen. Nur mittags schaffen es ein paar einzelne Sonnenstrahlen hinein und beleuchten gespenstisch das Felsgewölbe, in dem es tost und tropft. Dampfschwaden und leichter Schwefelgeruch verraten die Thermalquelle im hinteren Teil. Welch düstere Gruft, um zu kuren. Im Mittelalter mussten die Heilsuchenden noch eine abenteuerliche Abseilaktion über sich ergehen lassen. So furchterregend, dass man sich lieber nicht von den Mönchen des nahen Klosters abends wieder hinaufhieven liess, sondern gleich unten blieb. Bis zu zehn Tage verbrachte man ununterbrochen im Wasser, denn nur bei aufgeweichter Haut, so hiess es, könnten die Giftstoffe entweichen. Anno 1630 endlich wurde ausserhalb der Quellschlucht ein erstes Badehaus gebaut, das Heilwasser über sogenannte Holzteucheln herausgeleitet. Die weiter ausgebaute Anlage florierte, konnte bis zu 500 Gäste aufnehmen. Heute dient das Alte Bad Pfäfers, das älteste noch erhaltene Barockbadehaus der Schweiz, als Museum und Gaststätte. Und der Wellnesskult findet in Bad Ragaz statt.

Über einen steilen Treppenweg steigen wir auf die sonnigen Höhen von St. Margarethenberg. Im Buura Beizli füllen Tagesgäste den Gastgarten. Doch abends ist es herrlich ruhig. Ob wir den Wolf sehen? Aber dann lenkt uns die gute Küche ab. Die knusprigen Bratkartoffeln mit Leberli von Susi. Ihr Mann Severin, gelernter Bäcker, produziert das Brot und die süssen Schlemmereien. An der Ladentheke türmen sich Produkte – alle aus eigener Herstellung: Hirschsalsiz, Baumnusssalsiz, Knoblispeck ... Käse von der Mastrilser Alp, wo die Hofkühe den Sommer verbringen. Backwaren, Kräutertees und -tinkturen ... Und Mützen, von Susi gelismet, was sie schmunzelnd ihr «Bäuerinnenyoga» nennt. Der Schalk sitzt der lebhaften Wirtin ständig im Nacken, aber beim Thema Wolf wird sie dann doch ernst. «Für Städter mag der Wolf, aus der Distanz betrachtet, ein aufregendes Tier sein, doch in direkter Konfrontation denkt man etwas anders darüber.» Canis lupus – verehrt und gehasst zugleich. In der antiken Sagenwelt kommt er als Vertreter des Bösen daher. In Homers Ilias begleiten grimmige Wölfe den Kriegsgott Ares. In der altgermanischen Geschichte wird der Kriegsgott Odin gelegentlich mit Wolfskopf dargestellt. Der Urahne unserer Haushunde ist Sinnbild für wilde Aggressivität, er steht aber auch für Kraft, Mut und Zusammenhalt, lobenswerte Charakterzüge. Schon die Germanen gaben ihren Kindern deshalb gerne Namen, in denen «Wolf» als Bestandteil vorkommt, wie Wolfgang oder Wolfram, Adolf oder Rudolf. In der Märchenwelt ist er Isegrim, der gefrässige Bösewicht. Je sesshafter der Mensch wurde, umso ärger verteufelte er den Wolf. Für den Bauern war er existenzielle Bedrohung. In einigen Alpenländern zahlte der Staat Abschussprämien. Der Konflikt kam mit der zunehmenden Nutztierhaltung, der Rodung von Wäldern, dem unkontrollierten Jagen. Die Dezimierung der natürlichen Beutetiere des Wolfes zwangen ihn, sich an Haustieren zu vergreifen.
Nur wenn die Sonne im Zenit steht, fallen ein paar Strahlen in den engen Schlund der Taminaschlucht.
Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda
Nur wenn die Sonne im Zenit steht, fallen ein paar Strahlen in den engen Schlund der Taminaschlucht.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz ausgerottet, kehrt Isegrim nun wieder zurück. Die ersten Wölfe auf eidgenössischem Boden tauchten 1995 im Wallis auf, eingewandert aus Italien, wo der Wolf seit 1976 unter Schutz steht und sich somit dessen Population wieder vergrösserte. Wölfe sind Weitwanderer. Wenn sie im Alter von zwei Jahren als geschlechtsreife Jungwölfe die Familie verlassen, sich einen Partner und ein neues Revier suchen, legen sie nicht selten Strecken von über 1000 Kilometern zurück. Im Calanda-Gebiet siedelte sich 2011 ein Wolfspaar an. Die Auswertung von DNA-Proben aus Kot ergab, dass es sich um F7 und M30 (das in der Schweiz registrierte 7. Weibchen und 30. Männchen) handelt, die sich zuvor im Wallis aufgehalten hatten und aus der italienischen Population stammen. Wildhüter richteten Fotofallen ein, in die 2012 Wolfswelpen hineintapsten. Das erste Wolfsrudel in der Schweiz, ging es durch die Medien. Jedes Jahr folgte ein weiterer Wurf mit jeweils drei bis sechs Welpen. Momentan mögen, laut Jagdinspektion, so sieben bis acht Wölfe durch das Calanda-Gebiet streifen. Ihr Revier umfasst eine Grösse von 150 bis 200 Quadratkilometern, reicht bis ins Calfeisen- und Weisstannental.

Mit Wölfen im Kopf und Salsiz, Käse und Nussgipfeli im Gepäck verlassen wir das Buura Beizli mit den ersten Sonnenstrahlen. Susis Rat beim Abschied: «Bloss nicht irgendwo die Hosen runterlassen und sch ..., denn es hat überall Fotofallen.»

Die magische Linie

Über der Salzer Alp türmt sich reizvoll der Berger Calanda. Der alte Alpweg hinüber zur Mastrilser Alp scheint, seit es Zufahrtsstrassen gibt, in Vergessenheit zu geraten. Spurensuche zwischen unzähligen Kuhpfaden und wachsam nach den Markierungen spähen. Die Vazer Alp bietet Getränkepause. Friederike mit ihrem drei Monate alten Oskar hält die Stellung, während die Sennen weit droben mit dem Vieh beschäftigt sind. Käsefans sei der mit Rotwein gebürstete Rahmkäse empfohlen. Unser Rucksack ist nun nochmals ein Kilo schwerer. Nein, an Kühen würden sich die Wölfe nicht vergreifen, sagt ein Bauer – ausgerechnet am Wolfegg, wie ein Geländestreifen nicht weit von der Calandahütte heisst –, aber drüben an der Alp Ramoza hätten sie schon Schafe gerissen. Bei munterem Kuhgebimmel steigen wir weiter auf. Erst an der Calandahütte begegnen uns Wandertouristen, die den Weg von Haldenstein heraufkamen.

Dass der Wolf ausgesetzt worden sein soll, wie einige Einheimische behaupten, das sei doch ein Märli, meint Ruth, die Hüttenwirtin. Wer sollte denn daran Interesse haben? Isegrim geistert durch unsere Träume, bis das Handy weckt und wir noch schlaftrunken vor dem z'Morge den Haldensteiner Calanda besteigen. Oben am Plateau unterm Gipfel äsen Steingeissen mit ihren Kitzen und lassen sich durch uns nicht aus der Ruhe bringen. Feuerrot flammen die Felsabbrüche auf, streifen die Strahlen über tief eingegrabene Schluchten. Das Calfeisental wird noch lange im Schatten liegen, aber die Glarner Hauptüberschiebung, die sich als markante Linie durch die Gipfel von Ringelspitz und Sardona zieht, leuchtet die Morgensonne theatralisch an. Wie ein offenes Geologiebuch liegen die Mysterien der Alpenfaltung hier zu Füssen. Altes Gestein über jüngeres geschoben, ein nirgends so deutlich sichtbares Phänomen, weshalb sich 1999 der Verein Geopark Sarganserland-Walensee-Glarnerland formierte, dessen Kernzone 2008 als Tektonikarena Sardona Eingang in die UNESCO-Welterbe-Liste fand. Mit der Erweiterung des Geoparks auf Graubündner Gelände kam die Umbenennung zum Geopark Sardona, denn auf dem Piz Sardona treffen sich die Grenzen der drei mitwirkenden Kantone: Glarus, St. Gallen, Graubünden.

 Später am Kunkelspass klären uns Schautafeln näher auf: Sogenannte Verrucano-Gesteine, 250 bis 300 Millionen Jahre alt, schoben sich während der Entstehung der Alpen über wesentlich jüngere Flysch-Gesteine (35 bis 50 Millionen Jahre alt). Der dazwischen liegende Lochsitenkalk soll dabei als eine Art Schmiermittel fungiert haben. In der beeindruckenden Gebirgsumrahmung des Kunkelspasses spitzt neben den dominanten Orglen denn auch tatsächlich der Ringelspitz als Anschauungsmaterial hervor.
Unter dem Felsobelisken des Magerrains spendet ein Gebirgsbach erfrischende Fusskühlung.
Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda
Unter dem Felsobelisken des Magerrains spendet ein Gebirgsbach erfrischende Fusskühlung.
Alpmeister Ernst Boner sammelt die Schätze der Malanser Alp ein.
Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda
Alpmeister Ernst Boner sammelt die Schätze der Malanser Alp ein.
Volker ­Watznauer liebt sein Hirtenleben am Spitzmeilen.
Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda
Volker ­Watznauer liebt sein Hirtenleben am Spitzmeilen.

Tempo da lupi

Das Gasthaus Überruf vis-à-vis des Inforaums dient uns als heimelige Herberge. Die mautpflichtige Zufahrt reduziert den Autoverkehr auf ein Minimum und seit Mai 2015 bringen neue Pächter wieder Schwung in das einst etwas vernachlässigte Haus. Marlis und Hansi Derungs führten ein gut gehendes Restaurant, erst in der Ilanzer Altstadt, dann im Skigebiet Obersaxen, und wollten doch noch mehr in die stille Natur. Ihr Motto: keine Pommes Frites, keine Cola, keine Pizza, kein Kebab, sondern ehrliche, regionale Küche. Die wachsende Zahl der Stammgäste aus den nahen Ferienhäusern spricht für sich. Kaum einer von ihnen, der nicht einen Wolf gesehen habe. Das passiere fast täglich am helllichten Tag. Hmm, wie gerne würde ich dieses geheimnisumwitterte Wesen vor die Linse bekommen. Doch beim Toilettengang des Nachts über den Hof ist mir dann doch mulmig. Was, wenn mich im Strahl meiner Stirnlampe glühende Augen anstarren? Mystisch wabern Nebel am frühen Morgen. Tempo da Lupi, Wolfswetter, nennen die Italiener diese Wettersituation, weil der Wolf dann gerne herumstreicht. Doch so gut unsere Augen auch die Gegend absuchen, kein huschender Schatten auf dem Weg gen Taminatal. Dafür treffen wir auf den Wildhüter Rolf Wildhaber. Nomen est omen. Aus seinen Augen sprüht die Hingabe für seinen Beruf, am Ohrläppchen glitzert ein goldener Steinbockkopf. Ja, es stimme, dass sich Wolfsichtungen häufen, denn im Menschen erkenne dieser keine Bedrohung mehr. Dringt das Rotwild zu den Dörfern vor, ist auch der Wolf nicht weit. Er folgt seiner Nahrung und nimmt auch gerne leicht Verdientes an, wie Hunde- oder Katzenfutter, das in Schalen vor der Haustür steht. Wie oft muss Wildhaber den Bauern einbläuen, die Nachgeburt der Kuh nicht auf den Miststock zu werfen. Werden bestimmte Verhaltensregeln eingehalten, kann ein Zusammenleben von Mensch und Wolf funktionieren, ist Wildhaber überzeugt. Der Wolf greift einen Menschen genauso wenig an wie der Fuchs, von daher wäre die Angst ums eigene Wohl unbegründet. Aber er ist durchaus wichtig, denn er reguliert das ökologische Gleichgewicht. Die schwachen Tiere werden so aussortiert, und er hält damit den Wildbestand gesund und lässt auch Aas nicht liegen. Ein faszinierendes Wesen: extrem anpassungsfähig, hochintelligent und mit ausgeklügelter Jagdstrategie ausgestattet. Aber natürlich hat ein Wolf im Dorf nichts zu suchen. Momentan überlege man mit den Behörden Abschreckungsmöglichkeiten.

Die Stimmen der verstorbenen Seelen

Die Sonne kriecht bereits ins Tal. Wollten wir nicht über die Orglen ins Calfeisental vordringen? Eine zeitintensive Tour. Wir verabschieden uns vom spannenden Gesprächspartner und steigen auf wildem Pfad zur Alp Ramoza auf. In Blickrichtung begeistert die den Dolomiten ähnliche Kulisse der Orglen. An der Dritt Hütt kommen wir mit Peter, einem Jäger, ins Gespräch. Er hilft gelegentlich auf der Alp aus, die stark vom Wolfsrudel betroffen sei. Im Sommer 2012 befand sich die Wurfhöhle ganz in der Nähe – und die Zürcher Kantonale Schafzuchtgenossenschaft, die das Gelände hier beweidet, musste 22 Schafrisse einstecken. Seither bewachen Hirtenschutzhunde die rund 400 Schafe. Ein reges Bimmeln antwortet aus der oberen Etage. Keine Wolfsattacke sei seither mehr geschehen. Aber das Wild, klagt Peter, sucht sich eben andere Fressgründe, wird es vom Wolf gejagt. Wir kommen vom Hundertsten ins Tausende. Der Uhrzeiger rutscht auf nach Mittag und warnt zum Aufbruch. Den Hochgang, eine uralte Jägerroute entlang der Orglenabstürze, können wir um diese Zeit vergessen, also unten herum über den normalen Wanderweg ins Calfeisental.

Dort zwängt sich wie ein Fjord der Stausee Gigerwald zwischen Steilflanken ein. An seinem Ende liegt St. Martin, eine Walsersiedlung wie aus dem Bilderbuch. Wettergegerbte Holzhäuser, die Fenster geschmückt mit roten Geranien, auf einem kleinen Weiher schnattern Enten miteinander.

Im Beinhaus an der geschichtsträchtigen Kapelle harren die Knochen der letzten, die hier ums Überleben kämpften. Die Stimmen der verstorbenen Seelen höre man hier manchmal noch, verrät Christoph Bacher aus eigener Erfahrung. Vielleicht riefen sie auch den 45-jährigen Walliser, der, als er St. Martin zum ersten Mal im Sommer 2014 besuchte, prompt sein Leben umkrempelte. Bacher verkaufte seine Firma, pachtete St. Martin und wechselte damit vom Anästhesiefachmann zum Gastronom. Man spürt die Passion in Küche und Gastfreundschaft. Ganz in der Tradition der Walser wird alles selbst gemacht, vom Brot bis zu den Pizzoccheri. In den liebevoll eingerichteten Zimmern fühlt man sich um Jahrhunderte zurückversetzt.

Schwer, sich von St. Martin zu lösen. Wir starten später als geplant und erreichen die Malanser Alp gerade, als Alpmeister Ernst Boner jede Menge Käselaibe in sein Auto wuchtet. Das prächtige Resultat eines Sommers, an die sechs Tonnen Käse, 800 Kilo Butter. Boner strahlt. Er erzählt uns, dass nicht nur die Malanser Alp, sondern auch die Sardona Alp zwar im Kanton St. Gallen liegen, doch im Besitz von Graubündnern seien. Das käme noch aus der Zeit der Walser. So zogen beispielsweise einige Walser aus dem Calfeisental nach Malans. Man sprach ihnen dort das Bürgerrecht zu und als Gegenleistung bekam die Gemeinde die Alp. Nicht nur Kühe, auch Pferde bevölkern die Weiden. Wir folgen nun der seit 2010 zum Sardona-Welterbe-Weg ernannten Route, die uns über das Weisstannental, die Spitzmeilenhütte und die Murgseen zum Walensee führen wird. Am Heidelpass weist eine Schautafel auf das Eidgenössische Jagdbanngebiet «Graue Hörner» hin – eine der artenreichsten Gebirgslandschaften der Schweiz, darunter eine Kolonie von rund 500
Goldene Felsenburg: der Haldensteiner Calanda bei Sonnen­aufgang.
Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda
Goldene Felsenburg: der Haldensteiner Calanda bei Sonnen­aufgang.

Steinreich

Ein schonungsloser Steilabstieg von bald 1400 Höhenmetern führt uns durch den imposanten Felsenkessel von Batöni mit seinen stiebenden Wasserfällen hinunter nach Weisstannen. Der historische Alpenhof im Dorfzentrum ist nur an ausgesuchten Tagen offen. Beim halben Kilo­meter langen Extrahatsch die Dorfstrasse runter murren die Beine, an denen glühende Füsse hängen. Doch die köstlich gebratenen Forellen von Helene Schönbächler, Wirtin der «Gemse» am Dorfeingang, machen alles wieder wett. Seit letztem Jahr scheint auch hier der Wolf ein Thema. Er riss Schafe. Walliser hätten da nicht lang gefackelt und zur Selbstjustiz gegriffen, murmelt ein Gast in seinen Bart. In der kleinen Hausbibliothek weckt das Buch «Zurückgekehrt» unser Interesse. Nicht um den Wolf, sondern um den Steinbock geht’s darin. Am 8. Mai 1911 schleppten kräftige Männer merkwürdige Kisten auf den Berg. Das lebendige Gut wog schwer. Zwei Steinböcke und drei Steingeissen, eine davon trächtig, entliess man an diesem denkwürdigen Tag in die Freiheit. «Da oben bei der Rappenlochalp war das», sagt die Wirtin und zeigt hinauf. Geschmuggelt aus dem Gran-Paradiso-Gebiet, dem dazumal letzten Überlebenswinkel der Steinböcke, sollten sie sich endlich auch wieder in der Schweiz ansiedeln. Heute ist der Steinbock nicht mehr wegzudenken aus den Alpen. Ob das mit dem Wolf auch funktionieren wird?

Die Gedanken versenken sich beim Aufstieg zur Alp Obersiez aber eher in die Geologie. Der Foostock hält den Blick gefangen. Durch den wuchtigen Berg zieht sich die magische Linie der Glarner Hauptüberschiebung. Eine Etage höher an der Fansfurggla empfängt eine Farbenorgie. Weisse Gesteinstrümmer auf rotem Grund, grüne Matten, bunte Blumenteppiche. Der Spitzmeilen, fürwahr ein spitzer Meilenstein, gibt die Orientierung. Unter seinem erhobenen Finger folgen wir einem malerisch von Wollgras umsäumten Bach, der sich plötzlich in Luft auflöst. Ein Ponor, ein Schwundloch, sei des Rätsels Lösung, erklärt uns später Geo-Guide Ruedi Zuber. Das Wasser verschwindet im Karstsystem. Ums Eck gebogen taucht die Spitzmeilenhütte vor der dramatischen Kulisse der Churfirsten auf. Wie ein Raubtiergebiss bohren sich die Felszähne in den Himmel. Dann lenkt die Gesteinsvielfalt wieder ab. Rund um die Spitzmeilenhütte zeigen sich alle Gesteine des Trias, begeistert sich Ruedi Zuber. Gips, Quartenschiefer, Melsersandstein, Rötidolomit. Dem Laien fällt vor allem der rot schillernde Verrucano auf. Verrucano bezeichnet keinen Gesteinstyp, sondern eine Entstehungssituation. In Trögen abgelagertes Material, das sich mit der Zeit verfestigte: Brekzie, Schiefer, Ton. Durch Verwitterung und Oxidation erhält der Verrucano seine rote Färbung. An manchen Stellen setzt er grünliche Akzente und der Kenner spricht von reduziertem Eisen.

Glitzernde Seen und Badepools

Die Spitzmeilenhütte bietet fast Hotelkomfort. Und doch, ein naher Gebirgsbach wusch herrliche Badepools aus. Keine Dusche könnte schöner sein. Ebenso unschlagbar der Sonnenaufgang am etwas oberhalb gelegenen Madseeli, wenn die Farbenpalette der umliegenden Berge besonders schön zur Geltung kommt. Der Nervenkitzel bei der Besteigung des Spitzmeilen stimuliert zusätzlich. Auf unserer letzten Etappe hinüber ins Murgtal begegnet uns Volker. Geflüchtet aus dem städtischen Mief, um über die Sommer als Hirte den Frieden der Berge zu atmen. Sein Retrolook, seine Gelassenheit, sein zufriedenes Lächeln stehen ganz im Kontrast zu den in bunten Hightech-Klamotten gestylten Ausflüglern, die am Wochenende von der nahen Seilbahn her zur Spitzmeilenhütte oder auf einen der Gipfel hetzen. Auch die Fischerhütte am oberen Murgsee wird an Wochenenden regelrecht überfallen. Vielleicht wirkt die Wirtin deshalb so müde und mürrisch, selbst an ruhigen Tagen unter der Woche. Schade, denn an solch einem verträumten Ort zu arbeiten, müsste doch glücklich machen. Sanfter Wind streicht über das tiefblaue Wasser, lässt es an den Ufern melodisch plätschern. Ein einsamer Angler wirft seine Rute aus, versinkt in Meditation. Wir überwinden die Murgseefurggel. Mächtig erhebt sich der Mürtschenstock über einem mäandernden Bach. Moorwiesen, knorrige Arven am Wegesrand. Bald wird uns der Talsee entgegenleuchten. Bald der Walensee. Zur gleichen Zeit sichten jenseits an den Churfirsten Wanderer einen Wolf, lesen wir später in der Zeitung.
Hoch über dem Einschnitt des Walensees thront die Spitzmeilenhütte
Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda
Hoch über dem Einschnitt des Walensees thront die Spitzmeilenhütte
Fast kitschig schön: eine Übernachtung im Walserdorf St. Martin
Bunte Berge, wilde Wölfe – Auf Spurensuche am Calanda
Fast kitschig schön: eine Übernachtung im Walserdorf St. Martin