«Ein Geheimtipp», hatten uns Bikefreunde aus Basel zugeflüstert. Die Grenzstadt ist längst im Rückspiegel verschwunden, als links des Rheins ein Bergriegel aus dem Dunst auftaucht – die Vogesen. Gekrönt von einem glatzköpfigen Gipfel, dem Grand Ballon. Flo googelt: 1424 Meter hoch, kältester Ort des Elsass. Tiefste gemessene Temperatur: -30,2 Grad Celsius. Häufige Stürme. Davon ist gerade wenig zu spüren: Die Temperaturanzeige im Auto schwankt zwischen 38 und 39 Grad Aussentemperatur. «Wird eher ein heisser Ritt», murmelt Flo. Trotz Klimaanlage stehen ihm schon jetzt die Schweisstropfen auf der Stirn.
Trailparadies der französischen Bike-Stars
Zwischen Weinbergen, Wiesen und Wäldern, vorbei an schmucken Dörfchen mit Fachwerkhäusern, kurbeln wir am nächsten Morgen von Wintzenheim bei Colmar nach Munster. Oliver und Stefano, die Bikeguides von «Ride les Vosges», haben eine zweitägige Tour zu den beiden markantesten Gipfeln der Südvogesen vorgeschlagen – auf den Petit Ballon (1272 m) und den Grand Ballon (1424 m). Eine Ballon-Fahrt sozusagen, wenngleich der Name irreführend ist. Denn obwohl die beiden glatzköpfigen Kuppen aus der Ferne betrachtet durchaus eine gewisse ball- oder ballonartige Form erkennen lassen, hat ihre Bezeichnung einen ganz anderen Ursprung: Um etwa 500 v. Chr. wurde hier der keltische Sonnengott Belenus verehrt, von dem vermutlich der Name Ballon, zu Deutsch Belchen, abgeleitet ist. Diesen Namen tragen im Dreiländereck Schweiz-Deutschland-Frankreich gleich fünf Berge: der Elsässer Belchen (Ballon d’Alsace), der 73 Kilometer östlich gelegene Schwarzwald-Belchen, der 88 Kilometer südöstlich gelegene Jura-Belchen sowie der Kleine Belchen (Petit Ballon) und der Grosse Belchen (Grand Ballon). Forschungen haben ergeben, dass keltische Druiden diese Gipfel nutzten, um Raum und Zeit zu messen. So bestimmten sie damit die Tage der Sommer- und Wintersonnenwende. Für Biker und Wanderer haben die oben fast baumlosen Erhebungen noch einen ganz anderen Vorteil: Sie bieten eine fantastische Aussicht – in die Rheinebene, in den Schwarzwald und noch viel weiter ...
«An die 1000 Höhenmeter werden wir bis zum Gipfel zurücklegen», erklärt Stefano. Für ein Mittelgebirge ganz schön üppig. Doch zunächst geht es eher flach dahin. Wieder durch einen malerischen Ort mit putzigen Fachwerkhäusern. Als am Marktplatz ein leises Rauschen die Luft erfüllt und ein Schatten über ihn gleitet, blickt Flo irritiert nach oben. Mit einer Spannweite von zwei Metern ist gerade ein Storch über ihn hinweggesegelt. Wir staunen nicht schlecht. An der Kirche, auf den Giebeln der Hausdächer – überall Storchennester. Zwischen 200 Kilo und zwei Tonnen wiegen die luftigen Landeplätze und Aufzuchtstätten für den Nachwuchs. Mitte der Siebzigerjahre waren die Störche im Elsass fast ausgestorben. Heute pendeln wieder rund 800 Exemplare zwischen ihren Arrondissements am Fuss der Vogesen und Afrika. Und einige bleiben sogar das ganze Jahr.
Leere Trinkrucksäcke, glühende Köpfe
Nach einem kurzen Stopp sind die ersten Symptome der Dehydrierung behoben. Die Beine kreiseln wieder frisch und rhythmisch. Der Wald wird lichter. Wenigstens weht auf den letzten baumfreien Höhenmetern ein leichtes Lüftchen. Denn die Sonne brennt immer noch unbarmherzig vom blauen Himmel. Am Gipfel flattern an einem Weidezaun tibetische Gebetsfahnen sanft im Wind. Ein paar Schritte weiter markiert eine Marienstatue den höchsten Punkt. Die Gipfelfotos haben fast schon alpines Flair.
Und jetzt? «... beginnt der spassige Teil des Tages», kündigt Stefano an, als er die Karte aus dem Rucksack zieht und einige Trail-Varianten für die Abfahrt erklärt. Flowige Wiesentrails führen die ersten Höhenmeter nach unten. «Mehr davon!», fordert Flo grinsend. «Kommt noch», verspricht Stefano. «Erst mal machen wir aber Pause!» Er öffnet die knarzende Tür zur Ferme Auberge Strohberg. Rundherum grasen schwarzweiss gefleckte Vogesenrinder. Drinnen herrscht Hochbetrieb. Es ist Sonntagmittag. Die Bedienungen schleppen riesige Tabletts mit Käse, Schinken, Fleisch und dampfenden Kartoffelgerichten. Das hat hier Tradition wie Rösti, Capuns, Pizzoccheri und Bündner Fleisch in der Schweiz – nur noch eine Spur deftiger. Hauptsache reichlich und schwer verdaulich. Hausgemachter Käse ist hier ein Grundnahrungsmittel. Den streng riechenden Münsterkäse gibt es zusammen mit Würsten, Pasteten und Schinken als Entree, oder als Hauptgericht «Brägele» in Form von überbackenen Bratkartoffeln. Der «Bargkass» ist ein Bergkäse aus Rohmilch ... und ebenfalls in jeder erdenklichen Zubereitungsform zu finden.
«Brägele» und «Siasskass» – herzhaft und hochprozentig
Immerhin, Kollisionsgefahr besteht allenfalls mit Bäumen. Auf den Trails ist kaum eine Menschenseele unterwegs. Kein Wunder, es gibt in den Vogesen an die 20’000 Kilometer Wanderwege. Und da verteilen sich Wanderer und Biker eben recht gut. «Ausserdem gibt es in den Höhenlagen kaum Ortschaften», erzählt Stefano. So sind viele Bereiche noch ursprünglicher und etwas wilder als der Schwarzwald auf der östlichen Rheinseite. Dezent verschmelzen viele Wanderwege mit ihrer Umgebung. Kleine Naturpfade, ideal für Biker. «Und es gibt noch ein Argument für die Vogesen», ergänzt Stefano begeistert. «Hier gibt es keine pauschalen Bike-Verbote wie die Zwei-Meter-Regelung drüben in Baden-Württemberg.»
Der Fahrtwind kühlt. Blätter rascheln. Serpentinenkurven wechseln mit längeren Traversen. Die fahrtechnischen Schwierigkeiten halten sich in Grenzen. Genau das Richtige für einen flowigen Sonntagnachmittag. «Schade eigentlich», meint Flo, als der Talgrund erreicht ist und die Abfahrtssause ein Ende hat. Es ist Sommer, und es ist lange hell. Ausserdem ist es mittlerweile nicht mehr ganz so heiss. Die Entscheidung fällt schnell: Nach einer kurzen Autofahrt geht es auf einer verkürzten Route nochmals hinauf zum Gipfel des Petit Ballon. Oben angekommen, ziehen am Horizont dunkle Wolken heran. Ein frischer Wind steigert sich fast zum Sturm. Jetzt lässt sich erahnen, weshalb die Elsässer hier oben keine Ortschaften gründen wollten. Zu oft ist das Wetter einfach zu rau. Dafür sind die Stimmungen in der Natur umso einzigartiger. Gerade schiebt sich die Sonne wieder unter einer schwarzen Wolkenbank hindurch und taucht die ausgedörrten Bergwiesen in abendliches Gold.
Donner am Morgen bringt … Gänsehaut
Wieder fauchen wilde Windböen daher. Jetzt zeigen sie, was sie können. Innerhalb von Minuten zerreissen sie den Vorhang aus Nebel und Wolken. Und oben am Gipfel taucht tatsächlich ein Ballon auf. Weiss gestrichen und mit einem Durchmesser von gut und gerne zehn Metern. Er gehört zur Radarstation, die wie ein Raumschiff am höchsten Punkt des Grand Ballon angedockt ist und Signale für die Flughäfen Basel-Mulhouse und Strassburg verarbeitet.
Oliver und Flo zieht es aber wieder bergab. Für die Strecke hinab zum Col de Judenhut hat Oli seinen Lieblingstrail ausgesucht. Gleich hinter der Passhöhe am Col du Grand Ballon verschwindet er im Wald. Immer wieder wechselt dichtes Gebüsch mit grün leuchtenden Farnen und offenen, lichten Buchenwäldern. Mal ein leicht ruppiger, dann wieder ein flowiger Trail durch eine Waldlandschaft wie aus einem Märchen. Und nach einigen Höhenmetern bergauf führt er schliesslich sogar noch an einen kleinen Traumstrand. Der waldumsäumte Karsee Lac du Ballon am Fuss des Grand Ballon entstand einst an einer Moräne, wurde im 16. Jahrhundert durch eine Staumauer vergrössert und dient heute als Trinkwasser-Reservoir für die Gemeinden im Tal.
Fast wie in den Alpen – Blick bis zum Mont Blanc
Kurz bevor er den nächsten Trail bergab einschlägt, bleibt Oliver nochmals stehen. Sein Arm zeigt Richtung Süden. «An klaren Tagen», schwärmt er, «siehst du von hier die Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau. Und wenn du Glück hast, taucht ganz hinten sogar der Mont Blanc auf.» Ein bisschen Alpen gibt’s also auch in den Vogesen.
ca. 200 – 1424 m (Grand Ballon)
CHARAKTER
Mittelgebirgslandschaft mit Wechsel von Wald- und Wiesenwegen; teils befestigte Wege, teils Naturpfade. Die meisten Trails sind eher flowig, aber auch einige knackige, technisch anspruchsvolle Trails lassen sich finden.
BESTE JAHRESZEIT
April bis November
GUIDING
Ride les Vosges
ride-les-vosges.ch
TOURENMÖGLICHKEITEN
Alles von Tagestouren bis zur einwöchigen Vogesen-Traverse.
tourisme-alsace.com/de/mountainbike-im-vogesen
UNTERKUNFT
Hotels, Ferienwohnungen und Pensionen in allen Kategorien.
tourisme-alsace.com
Hütten: Einige Fermes Auberges bieten Unterkunftsmöglichkeiten.
elsass-netz.de
KARTEN
Wanderkarten Club Vosgien, 1:50‘000;
Supertrail Map Vosges/Lac Blanc
outdoormediashop.com
EVENTS
Cannondale Enduro Tour
cannondale-endurotour.com
Girls Camps Ride les Vosges
ride-les-vosges.ch
BIKEPARK
Bikepark Lac Blanc in der Nähe von Orbey, netter Park mit neun Strecken für Einsteiger, Fortgeschrittene und Könner. Bikeverleih. Biketransport mit Sessellift.
lacblanc-bikepark.com
Tourenveranstalter Ride les Vosges aus Basel bietet ein umfangreiches Programm:
Individuell massgeschneiderte Halbtages-, Ganztages- oder Mehrtagestouren mit persönlicher Routenplanung. Vogesen-Traverse: in einer Woche von Süd nach Nord, die schönsten Vogesengipfel, die spektakulärsten Abfahrten, täglich bis zu 60 Kilometer und 1400 Höhenmeter. Zwei-Tages-Touren mit unterschiedlichen Themen: Girls Camps; Geniessen wie Gott in Frankreich; Enduro Singletrails.
NOCH MEHR SPORT
Klettern: Die Vogesen bieten einige Sportklettergebiete. Neben griffigem Buntsandstein gibt es auch Gebiete mit Granitrouten. vallee-munster.eu
Trailrunning: Die zahlreichen Pfade in den Vogesen sind wie geschaffen für Trailrunner.
vallee-munster.eu
Wieder fauchen wilde Windböen daher. Jetzt zeigen sie, was sie können. Innerhalb von Minuten zerreissen sie den Vorhang aus Nebel und Wolken. Und oben am Gipfel taucht tatsächlich ein Ballon auf. Weiss gestrichen und mit einem Durchmesser von gut und gerne zehn Metern. Er gehört zur Radarstation, die wie ein Raumschiff am höchsten Punkt des Grand Ballon angedockt ist und Signale für die Flughäfen Basel-Mulhouse und Strassburg verarbeitet.
Oliver und Flo zieht es aber wieder bergab. Für die Strecke hinab zum Col de Judenhut hat Oli seinen Lieblingstrail ausgesucht. Gleich hinter der Passhöhe am Col du Grand Ballon verschwindet er im Wald. Immer wieder wechselt dichtes Gebüsch mit grün leuchtenden Farnen und offenen, lichten Buchenwäldern. Mal ein leicht ruppiger, dann wieder ein flowiger Trail durch eine Waldlandschaft wie aus einem Märchen. Und nach einigen Höhenmetern bergauf führt er schliesslich sogar noch an einen kleinen Traumstrand. Der waldumsäumte Karsee Lac du Ballon am Fuss des Grand Ballon entstand einst an einer Moräne, wurde im 16. Jahrhundert durch eine Staumauer vergrössert und dient heute als Trinkwasser-Reservoir für die Gemeinden im Tal.
Weitere Artikel und Tests
-
Trail-BikesGetestet
Rocky Mountain Instinct Powerplay SL Carbon 50
Premieren haben immer etwas Besonderes an sich. Und so war das BORN-Testteam mehr als gespannt auf das Instinct Powerplay SL Carbon 50. Denn das Trail-Bike ist das erste der kanadischen Schmiede [..]
Zum Test8'599.00 CHF202520.000 g -
DiversesEntdeckt
Body Glide cycle
Schutz statt Schmerz: Hautbalsam für den Allerwertesten auf dem Prüfstand. Zum Saisonstart, bei Wochenendausfahrten oder längeren Touren werden Reibung und wunde Stellen im Sattelbereich häufig [..]
Zum Produkt19.90 CHF2025 -
HardshellhosenAusprobiert
7Mesh Guardian Apex Pant
Der kanadische Bike-Spezialist 7Mesh erweitert sein Angebot um die polysportive Bekleidungslinie Guardian. Wir haben das Männermodell der Guardian Apex Pant getestet. Die Hardshellhose ist auf [..]
Zum Test395.00 CHF2026232 g -
ElektronikGetestet
Insta360 X5
Die Kameras von Insta360 stehen seit Jahren für einen kreativen Ansatz in der Action-Welt. 360-Grad-Capture, maximale Freiheit in der Nachbearbeitung und eine starke Software-Integration bilden das [..]
Zum Test599.00 CHF