Zwar entdecken allmählich immer mehr Mountainbiker, welches Potenzial die historisch entstandenen Nomandenwege im Hohen Atlas für Velo-Abenteuer bergen, doch die meisten geführten Gruppen rollen über breite Schotterpisten. Und die Bergpfade gehören immer noch weitgehend den Berbern, die noch heute mit ihren Schaf- und Ziegenherden als Nomaden und Halbnomaden durch die karge Gebirgslandschaft ziehen. So wie es ihre Vorfahren schon vor Jahrtausenden taten.
Einige Kilometer weiter führt die Route Flo und Lena auf eine mit Geländewagen befahrbare Schotterpiste. Die Luft über der Hochebene flirrt. Aus der Ferne nähern sich drei kleine Staubwolken. Zwei französische Enduro-Motorradfahrer samt Begleitfahrzeug. Als sich der Staub legt, taucht am Streckenrand eine Schafherde auf. Beinahe wüstenartig wirkt die Berglandschaft hier. Zwischen den Steinen suchen die Tiere nach ein paar trockenen Halmen. Es sieht aus, als würden sie am Fels knabbern. Keine Spur von saftigen Almwiesen wie in den Alpen. Doch sobald sich die Augen an die Felslandschaft gewöhnt haben, entdecken sie mittendrin stachlige, aber grüne Pflanzenpolster, Grasbüschel und hin und wieder sogar ein paar Blümchen.
Auf der Fährte des «Wüstenfuchses»
Staunend ziehen Lena und Flo ein paar Kilometer weiter die Bremsen, nachdem sie von der Schotterpiste auf einen schmalen Pfad abgezweigt sind. Mitten in dieser öden Wildnis stehen plötzlich zwei kleine Jungen am Wegesrand. Kaum älter als sechs, sieben Jahre. Irgendwo hinter der nächsten oder übernächsten oder überübernächsten Hügelkette sind wohl ihre Eltern. Doch für die Nomadenjungen sind die beiden vollgefederten Velos viel spannender, als Ziegen zu hüten. Nach ein paar Fotos schwingen sich Lena und Flo wieder in den Sattel. Etwa zwei Kilometer weiter legen sie nochmals einen kurzen Fotostopp ein. Und die beiden Jungen stehen an der nächsten Kurve schon wieder mit grossen Augen an der Strecke. Wie hingezaubert.
Nicht weniger grosse Augen machen Flo und Lena, als der Weg aus einem Canyon hinunter nach Ait Youl führt. Zwischen rauen Felsmassiven wachsen stolze Kasbahs in den blauen Himmel. »Das sind typische Wohnburgen der Berber«, erklärt Mustafa, ein Verwandter Mohamads, der Flo und Lena als einheimischer Guide begleitet. Die Bauwerke sind nur zu einem geringen Teil aus Stein gemauert.Die Wände bestehen aus getrocknetem Lehm, vermischt mit Schottersteinen und Spreu vom Weizen. Das hält das Raumklima im Inneren im Sommer kühl und im Winter halbwegs warm. Fenster gibt es nur wenige. Durch schmale Schlitze in den Wänden, durch die spärlich Licht ins das dämmrige Innere eindringt. Diese Öffnungen dienten früher auch als Schiessscharten, wenn der Ort gegen feindliche Stämme verteidigt werden musste.
Affenfinger aus Stein und andere Märchengestalten
Traum oder Wirklichkeit? Mohamad hat wohl nicht zu viel versprochen. Dieser Mountainbike-Trip gleicht einer Zeitreise in die ferne Vergangenheit. Auf der Weiterfahrt vermischen sich die Bilder der kargen Berglandschaft mit den Impressionen des Marktes zu einer orientalisch unwirklichen Melange. Zauberhaft! Nicht ganz. Die Felder in der Ebene südlich von Boumalne Wirken aus der Ferne wie mit blauen Blumen gesprenkelt. Doch die entpuppen sich aus der Nähe als weggeworfene Plastiktüten, die der Wind angeweht hat. Wie einzigartig und schützenswert diese Märchenwelt ist, ist offenbar nicht allen klar.
Mit jeder Pedalumdrehung werden die Häuser von Boumalne kleiner. Aus der Ferne wirkt die Kulisse der Lehm- und Steinmauern der Stadt nun wie eine Burg, hinter der sich am Horizont die bis zu 4000 Meter hohen, dick verschneiten Flanken des Hohen Atlas auftürmen. Auch wenn es hier südlich des mächtigen Bergkammes tagsüber sommerlich warm ist, hält ebenso wie in den Hochlagen des Hohen Atlas im November der Winter Einzug. Bei der Anfahrt über die Passstrassen zwei Tage zuvor tobte ein Unwetter. Manche Streckenabschnitte verwandelten sich in wilde Bäche, die selbst per Geländewagen kaum noch befahrbar waren. Autogrosse Felsblöcke, die von den Berghängen auf die Strassen gepoltert waren, erschwerten das Durchkommen.
«Whiskey Berbère» – ein süsses Willkommen
Derweilen bereitet Achmed, der die beiden Bike-Abenteurer zusammen mit Guide Mustafa begleitet, nebenan das Dinner vor. Eine Komposition für den Gaumen, die die Sinne betört. Die traditionelle Harirasuppe mit Linsen und Kichererbsen, fein abgeschmeckt mit Ingwer, Safran, Paprika und Koriander. Im nächsten Gang serviert Achmed Tajine mit Kartoffen, Huhn, Rindfleisch und Trockenpflaumen. Und da Mountainbiker nie genug Kohlenhydrate bekommen können, krönt Achmed das Mahl zum Nachtisch mit Berbernudeln – feinfädrigen Teigwaren, garniert mit Zimt, Zucker und Nüssen.
Die Extraportion Energie kann nicht schaden. Denn am nächsten Morgen windet sich die Schotterpiste immer höher hinauf in die Lavaberge des Jbel-Sarhro-Massivs. Städte gibt es in dem 430 Kilometer langen und 50 bis 150 Kilometer breiten Gebirgszug nicht. Ein paar kleine, karge Dörfer und einsame Nomadensiedlungen sind die einzigen Zeugen der Zivilisation, die diese felsige Einsamkeit durchbrechen. Kein Wunder, Wasser ist in dem letzten grossen Gebirgszug vor der Sahara Mangelware. Flo und Lisa spüren das Wüstenklima am eigenen Körper. Seit sie der Ruf des Muezzin am Morgen geweckt hat, plagen sie Hals- und Kopfschmerzen. «Das liegt an der trockenen Luft», erklärt Mustafa. Nach den ersten Serpentinen ist Tiout erreicht. Eine kleine Siedlung inmitten der Felswüste. Kinder heften sich ans Hinterrad, laufen kilometerweit hinterher, scheinbar ohne ausser Atem zu kommen. Langsam wird klar, weshalb Mohamad ein so erfolgreicher Ultraläufer ist. Wer hier zügig vorwärtskommen will, dem bleiben nur zwei Alternativen: laufen oder reiten. Das Leben in den marokkanischen Bergen ist hart. Härter, als man es aus der verklärten, romantischen Perspektive des Reisenden wahrnimmt. Ein gesellschaftliches Problem kennen die Bewohner hier jedenfalls nicht: übergewichtige, durch Bewegungsarmut degenerierte Computer-Kids.
Verloren in der Felswüste
Einer Sage zufolge handelt es sich bei den beiden Felsen Bab n'Ali um eine Hochzeitsgesellschaft. Der linke Felsen ist der Bräutigam, der rechte die Braut mit ihren Kindern. Lena und Flo feiern am nächsten Morgen mit – bei einem Ausritt auf traumhaften Singletrails. Die führen weiter in einen Wald aus oben abgerundeten Steinsäulen. Zwischendrin findet sich der eine oder andere überdimensionale versteinerte Dromedar-Höcker für einen Ritt wie in der Achterbahn.
Wo die Freiheit wohnt – ein Ort wie am Ende der Welt
Die Frauen im Lager wenden sich ab, kein Fremder soll sie ansehen. Doch dann regt sich etwas. Ein Junge kommt herüber zum Pfad. Erst zögernd, dann lässig schlendernd, dann im Laufschritt. Wie heisst du? «Rachid», kommt die Antwort. Und dann deutet er auch schon auf den Bike-Sattel. Das Velo ist für ihn drei Grössen zu gross, doch egal, diese Chance will sich Rachid nicht entgehen lassen. Im Stehen tritt er in die Pedale, wackelt, schaukelt, holpert über die Felsen wie auf einem Hochrad. Da schleicht seine Schwester daher. Sie schiebt ein Klapprad mit Bonanza-Lenker. Die Kette fehlt. Flo und Lena würden gerne helfen, doch auch sie haben keinen Ersatz.
Nach einer kleinen Pause schwingen sich Flo und Lena auf die Velos. Rachid und seine Schwester schauen etwas traurig hinterher. Sie wissen wohl, was sie da gerade verpassen. In unzähligen Kurven windet sich der Singletrail hinab ins Tal, zum nächsten Dorf. Als Flo eine halbe Stunde später anhält, dringen die ersten Laute von unten herauf. Ein Hahn schreit. Noch ein Stück weiter. Schafe blöken. Dann meckern Ziegen. Kinderrufe mischen sich darunter, hell und unbeschwert. Zurück aus der Bergwüste, zurück im Grün. An einem Bachlauf wachsen Palmen. Unter einer hat Achmed eine Decke ausgebreitet. Lachend tischt er auf: Reis mit Fisch, Tomaten, Gurken, Eier, Orangen. «Bismillah ...!»
Sternenzelt überm Wüstensand
HÖHENLAGE
ca. 700 – 4167 Meter (Jbel Toubkal)
CHARAKTER
Die Landschaft des Hohen Atlas bietet einen imposanten Wechsel aus Hügellandschaften, Felsmassiven, tiefen Canyons und teils fruchtbaren, teils wüstenartigen Hochtälern. Das südlich des Hohen Atlas gelegene Jbel Sarhro Gebirge ist noch felsiger und trockener und entsprechend noch weniger erschlossen. Offizielle und markierte Mountainbike Trails gibt es kaum, auch wenn das Netz an Bergpfaden enorm ist.
BESTE JAHRESZEIT
Frühjahr (April, Mai) und Herbst (September bis Anfang November); im Sommer mit Ausnahme der Hochlagen sehr heiss.
GUIDING
Mohamad Ahansal (spricht Deutsch), ahansal-brothers.com
Auch verschiedene Bikereise-Veranstalter bieten komplett organisierte Biketouren in Marokko an.
UNTERKUNFT
Guide Mohamad Ahansal organisiert auch Übernachtungen und Verpflegung in Gîtes sowie Transfers zu Start- und Endpunkten der Routen. Individuelle Gestaltung der Routen möglich.
ANREISE
Flug nach Marrakesch; per Auto oder Taxi-Shuttle in den Hohen Atlas, je nach Region ist dafür ein halber bis ganzer Tag Fahrt zu veranschlagen.
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