Die Magie des Moments festhalten
Ein bisschen etwas davon kann sich jeder abschauen – für seine Fotos im Urlaub, am Wochenende oder auf der Feierabendtour. Klar, nicht jeder soll und will ein zweiter Ansel Adams werden. Dennoch, es lohnt sich, kurz zu reflektieren, ehe man drauflosschiesst – mit Serienbildfunktion, Autofokus und automatischer Szenenerkennung.
Die technischen Voraussetzungen, gute Bilder zu machen, waren noch nie so gut wie heute – egal, ob Smartphone, Kompaktkamera oder sündteure Spiegelreflex.* Doch nutzen wir sie auch wirklich? Wer sich mit den Grundlagen der Fotografie vertraut macht, beginnt intuitiv genauer hinzusehen. Die Lust am qualitativen Fotografieren wächst – der Appetit auf Foto-Fastfood sinkt.
Grosse Erinnerungen wachhalten
Intensive Gefühle widerspiegeln
Gute Vertreter ihres Fachs haben die Gabe, die Momente, in denen solche Botschaften entstehen, zu erspüren. Wer viel Zeit in der Natur verbringt oder mit der Sportart, die er im Bild festhalten will, tut sich dabei leichter. Ansel Adams verband eine lebenslange Faszination mit der Natur, er verbrachte einen Grossteil seines Lebens in Nationalparks und Indianerreservaten. Und auch heute weiss es Thomas Senf zu schätzen, dass die Natur ihn ebenso geprägt hat wie seine Bilder: «Am liebsten bin ich in schwierigen Wänden, an gefrorenen Wasserfällen in wilden Landschaften unterwegs. Dort, wo der Mensch ganz klein wird im Verhältnis zu seiner Umgebung. Wo die Komfortzone aufhört und die alten Werte wie Kameradschaft, Zuverlässigkeit und Durchhaltewillen wieder an Bedeutung gewinnen.»
Spiegelreflexkameras und spiegellose Systemkameras
Pro
grosser Bildsensor, hohe Bildqualität gute Autofokus-Systeme für bewegte Motive gut für bewegte Motive mit Serienbildfunktion hohe Auslösegeschwindigkeit bei hochwertigen Modellen relativ geringes Bildrauschen bei hohen ISO-Einstellungen extrem hohe Objektivqualität möglich grosse Auswahl an Zubehör viele Modelle auch sehr gut zumsemiprofessionellen Filmen geeignet
Contra
mit Wechselobjektiven schwer, grosser Platzbedarf im Rucksack in der Anschaffung meist relativ teuer Bildqualität auch stark von den Objektiven abhängig
Kompaktkameras
Pro
geringes Gewicht, kleine Masse unterschiedliche Sensorqualität (die Sensorgrösse sollte mindestens 1 Zoll betragen; Sensortyp: MFT oder APS-C empfehlenswert) Serienbildfunktion unterschiedlich (mindestens 5 Bilder/Sekunde empfehlenswert)
Contra
eingeschränkte Brennweiten geringere Lichtempfindlichkeit geringere Objektivqualität reduzierte Auslösegeschwindigkeit
Bridgekameras mit festem Zoom-Objektiv
Pro
guter Kompromiss aus Spiegelreflexkamera und Kompaktkamera handlich und praktisch für Reisen und Touren grosser Brennweitenbereich mit oft starkem Tele-Zoom
Contra
begrenzter Weitwinkelbereich im Vergleich zu Spiegelreflexkameras geringere Bildqualität im Vergleich zu hochwertigen Spiegelreflexkameras
Smartphones
Smartphones mit hochwertigen Fotofunktionen verdrängen zunehmend günstige Kompaktkameras mit Objektivaufsätzen sind sogar unterschiedliche Brennweiten möglich mit Aufsätzen wie der «DxO One» Kamera für Apple iPhones lassen sich sogar Einstellungen wie bei einer Spiegelreflexkamera vornehmen (www.dxo.com)
Den richtigen Moment erspüren
Doch persönliche und göttliche Planung ist nur ein Teil. Den anderen bilden Spontaneität und Kreativität. Wenn die Traumtour mal sprichwörtlich ins Wasser fällt – sollte man gänzlich drauf verzichten? Wieso? Close-up-Shots von matschverschmierten Schuhen, von Wassertropfen, die aus den klatschnassen Haaren über die Stirn triefen, Momentaufnahmen von enttäuschten, ausgelaugten Kameraden können mitreissender sein als der hundertste Sonnenuntergang überm Berggrat. «Ein gutes Bild muss für mich möglichst authentisch und nicht gestellt sein», meint Kletterspezialist und -fotograf Rainer Eder. Bei Action-Fotos ist eine schnelle, routinierte Reaktion für die Person hinter der Kamera genauso wichtig wie für das Model vor der Linse. Fokussierung, Belichtung, Blende – alle wichtigen Einstellungen müssen passend justiert sein, um sich voll auf die Bewegung und das Motiv konzentrieren zu können. «Bruchteile von Sekunden entscheiden, ob das Bild auf dem Cover landet oder im Papierkorb», weiss Thomas Senf. Zum Beispiel bei dem bislang höchsten Basejump der Geschichte. Dabei sprang der Russe Valery Rozov von einem Felsvorsprung auf 7500 Metern Höhe am Everest. Der logistische Aufwand für die Expedition und der finanzielle Einsatz waren enorm. Für den entscheidenden Teil seines Fotojobs hatte Thomas Senf ganze ein bis zwei Sekunden Zeit. Ein zweiter Versuch: absolut ausgeschlossen!
Den richtigen Standpunkt finden
Outdoor zu fotografieren ist eben ein Abenteuer – genau wie eine Trekkingtour, eine Hochtour, ein Transalp-Ritt mit dem Mountainbike. Um die spannendsten Momente nicht zu verpassen, lohnt es sich, die Kamera möglichst griffbereit zu haben. Tief im Rucksack macht auch die beste Spiegelreflexkamera mit sündteuren Objektiven keine guten Bilder. «Jeder Moment ist einzigartig ... und kommt selten zweimal im Leben», mahnt Christian Pfanzelt augenzwinkernd. Das dachte sich wohl auch Ansel Adams am 17. April 1927. Ein anderes seiner Bilder, «The Tetons and the Snake River», wurde auserwählt als eine von 115 Bilddateien, die sich auf den Datenplatten an Bord der interstellaren Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 befinden. Vielleicht teilt Ansel Adams jenen magischen Augenblick in der Berglandschaft Wyomings eines Tages sogar mit Ausserirdischen und nicht nur mit den Besuchern im «Center for Creative Photography» in Tucson, Arizona. Damit hätte er nicht nur einen grossartigen Moment in der Natur auf faszinierende Weise eingefangen.
Er hätte die Menschheit auch auf die nächste Stufe der sozialen Kommunikation gestellt und etwas für die Ewigkeit geschaffen.
KreativitätsTraining
Technische Grundlagen
Lichtregler 1: Mit der Blende lässt sich die Lichtmenge regulieren, die auf den Sensor der Kamera fällt. Kleine Blendenzahlen (2.8) bedeuten eine grosse Öffnung, grosse Blendenzahlen (22) eine kleine mit wenig Licht. Die Blende beeinflusst die Tiefenschärfe.
BELICHTUNGSZEIT
Lichtregler 2: Die Belichtungs- oder Verschlusszeit gibt an, wie lange Licht auf den Bildsensor der Kamera fällt. Bei langen Belichtungszeiten besteht die Gefahr von Verwacklungen durch eine Bewegung der Kamera oder des Motivs. Lange Belichtungszeiten lassen sich aber auch kreativ nutzen, um Bewegungen dynamisch einzufangen. Kurze Verschlusszeiten frieren Bewegungen ein.
ISO-EINSTELLUNG
Lichtregler 3: Der ISO-Wert gibt die Lichtempfindlichkeit des Bildsensors wieder. Bei schlechten Lichtverhältnissen empfiehlt es sich, den ISO-Wert zu erhöhen, um zu lange Belichtungszeiten zu vermeiden (Verwacklungsgefahr). Hohe ISO-Werte können je nach Qualität der Kamera allerdings zu einer schlechteren Bildqualität («Bildrauschen») führen.
BRENNWEITE
Tele oder Weitwinkel? Die Brennweite gibt den Bildwinkel wieder. Kleine Brennweiten (< 35 mm) stehen für weitwinklige Aufnahmen, grosse Brennweiten für Teleaufnahmen. Letztere holen wie ein Fernglas das Motiv näher ran.
Bildgestaltung
Eine klare Idee ist wie bei allen Projekten auch beim Fotografieren von Vorteil. Was möchten Sie mit dem Bild aussagen? Für eine harmonische Bildaufteilung ist der Goldene Schnitt nach wie vor eine sinnvolle Grundregel – die natürlich auch bewusst gebrochen werden darf, wie jede Regel. Will man Überraschungen erzeugen, muss man häufig sogar Regeln brechen. Es lohnt sich, gute Bilder bewusst zu studieren, weshalb sie genau diese oder jene Wirkung erzielen. Machen Sie sich Gedanken über Location und Wetter. Spielen Sie vor oder während der Tour schon mal im Geiste durch, welche Möglichkeiten sich für Fotos ergeben könnten. Arbeiten Sie bewusst mit Vorder- und Hintergrund. Ein unscharfer Vordergrund mit Gräsern oder Zweigen gibt dem Bild Tiefe. Machen Sie sich Gedanken über das passende Format. Bringt ein Hochformat das Motiv besser zur Geltung oder ein Querformat?
LICHT – LASSEN SIE IHRE BILDER LEUCHTEN
Tages- und Jahreszeit sowie Lichtverhältnisse stehen in einem engen Zusammenhang. Fast immer ist am Morgen und Abend das Licht am schönsten und modelliert Formen und Farben wie sonst selten. Im Winter, bei tief stehender Sonne, dauert diese Periode in unseren Breiten fast den ganzen Tag. Im Sommer ist sie viel kürzer. Steht die Sonne hoch, wird das Licht hart und steil, Gesichter, Felsen und Wälder bekommen einen grauen, schattigen Touch. Früh aufzustehen und spät zu Abend essen, ist der Preis für viele gelungene Fotos. Reizvoll sein können aber auch Nebelschwaden oder ein aufziehendes Gewitter. Und Langzeitbelichtungen mit leuchtendem Sternenhimmel (Stativ und Fernauslöser nicht vergessen) sind immer ein Hingucker. Gegenlichtaufnahmen wirken bei automatischer Belichtung zwar oft unterbelichtet. Doch dagegen gibt es ein einfaches Rezept: Experimentieren Sie mit unterschiedlichen Belichtungen und verwenden Sie Weitwinkelobjektive.
BLICKWINKEL – SEINEN SIE EIN ABENTEUER
Nur selten wird es spannend, wenn man bequem auf dem Wanderweg steht und die Kamera vor die Nase hält. Hier gilt es zu experimentieren. Hinter Moosbärte kriechen, die von Ästen hängen, die Nase in den Dreck legen oder auch mal auf einen Felsblock klettern, um die Szene aus der Vogelperspektive einzufangen. Nicht alles funktioniert, schon gar nicht auf Anhieb. Doch mit etwas Erfahrung gelingt es, mögliche Bilder und Perspektiven im Kopf entstehen zu lassen und sie dann im Gelände umzusetzen. Seien Sie neugierig und erkunden Sie ungewohntes Terrain. Gehen sie mit Teleobjektiven nah heran. Sorgen Sie mit Detailbildern für Abwechslung. Oder nutzen Sie Weitwinkelobjektive, um die majestätische Grösse von Felswänden einzufangen, grossartige Panoramaaufnahmen zu machen oder Gegenlichtaufnahmen mit beeindruckenden Sonnensternen. Halten Sie die Kamera nicht immer nur gerade – schräge Perspektiven können Spannung und Bildwitz erzeugen. Nutzen Sie ein Zoomobjektiv, so können Sie mit unterschiedlichen Bildausschnitten experimentieren. Und insgesamt wird das Fotografieren so selbst zu einem Abenteuer ...
TIEFENSCHÄRFE – EUZEUGEN SIE RÄUMLICHE PERSPEKTIVE
Die Tiefenschärfe lässt sich über die Blende regeln. Mit geöffneter Blende (kleine Blendenwerte) lassen sich Teile des Motivs scharf darstellen, während andere im unscharfen Hintergrund oder unscharfen Vordergrund verschwimmen. So legen Sie im wahrsten Sinnen den Fokus auf etwas. Bei Panoramaaufnahmen dagegen ist oft eine grosse Tiefenschärfe erwünscht. Vom Bach im Vordergrund bis zur Bergspitze im Hintergrund soll alles knackig scharf sein. Hier wählt man eine möglichst grosse Blendenzahl.
Ihnen sind bereits einige ansprechende Landschaftsaufnahmen und Porträts gelungen? Dann geben Sie jetzt Gas! Halten Sie Ihre Freunde beim Outdoor-Sport in voller Dynamik und Geschwindigkeit fest: superscharf durch möglichst kurze Belichtungszeiten (1/500 und kürzer); oder erzeugen Sie mithilfe langer Belichtungszeiten eine gezielte Bewegungsunschärfe. Mit einem Blitz können Sie eine solche Szene sogar «einfrieren» und brillante Effekte erzielen. Ebenso «besonders» sind Mitzieher: Je nach Geschwindigkeit des Sportlers arbeiten Sie mit relativ kurzen Belichtungszeiten von 1/30 oder 1/60 Sekunde und schwenken die Kamera mit dem Sportler mit. Ergebnis: Der Sportler ist scharf, der Hintergrund bekommt einen beeindruckenden Wischeffekt. Auch Profis gelingt das nicht immer auf Anhieb. Aber probieren Sie es aus, Sie werden stolz sein auf Ihren ersten gelungenen Mitzieher! Auch vermeintlich statischen Landschaftsbildern können Sie Bewegung einhauchen. An einem Bach zum Beispiel montieren Sie die Kamera auf einem Stativ und stellen eine kurze Belichtungszeit (länger als 1/30 Sekunde) ein. So wird der gurgelnde Wasserlauf zum bewegten Element, während die Landschaft aussenrum erstarrt. Das Ganze funktioniert natürlich auch mit Wanderern, Bikern oder Tieren.
EMOTIONEN – FOKUSSIEREN SIE SICH AUF DAS GESICHT
Schau’ mir in die Augen, Kleines! Triumph, Anspannung, Schmerz, Siegestaumel, Niedergeschlagenheit: Alles das lässt sich in den Augen der Sportler entdecken. Diese Emotionen gilt es einzufangen. Sie hauchen dem Bild Leben ein, geben Persönlichkeit. Gehen Sie ruhig auch mal ganz nahe ran, stellen Sie auf die Augen scharf – egal, ob während der Action, bei der Vorbereitung oder erschöpft nach der Tour oder auf dem Gipfel.
BEWEGUNGEN – KONZENTRIEREN SIE SICH!
Um bei Sportaufnahmen tatsächlich im entscheidenden Moment auf den Auslöser zu drücken, ist es nützlich, wenn man den Sport selbst betreibt und Bewegungsabläufen und ihrem Rhythmus intuitiv folgen kann. Bewegungen lassen sich so leichter antizipieren, und man weiss, wann der Augenblick für die beste Action gekommen ist. So gelingt es, den Höhepunkt der Szene treffsicher festzuhalten. Um auf Nummer sicher zu gehen, ist eine Kamera mit schnellem Autofokus hilfreich. Ähnlich verhält es sich bei der Tierfotografie: Je mehr Sie die Verhaltensweisen der Tiere studieren, desto grösser sind die Erfolgsaussichten auf eine Fototrophäe von Murmeltier, Steinbock, Biber und Co.
LOSSCHIESSEN – SEIEN SIE BEREIT!
Auch wenn gute Bilder in der Regel kein Zufall sind – viele Motive, Stimmungen, Begegnungen entwickeln sich unvermutet. Deshalb ist es von Vorteil, die Kamera griffbereit zu haben und nicht tief unten im Rucksack zu verstauen. Hin und wieder allerdings lohnt es sich auch, ohne Kamera loszuziehen, bewusst den Blick durch den Sucher abzulegen und offen zu sein für neue Perspektiven.
NACHBEARBEITUNG – FOTOGRAFIEREN SIE IM RAW-FORMAT
Holen Sie in der Nachbearbeitung am Computer noch mehr aus Ihren Bildern heraus. Stellen Sie beim Fotografieren die Bildqualität Ihrer Kamera auf «Raw». Das erfordert zwar eine digitale Entwicklung mithilfe sogenannter Raw-Converter oder weiterer Bildbearbeitungssoftware, Sie können damit aber noch mehr an Dynamik, Kontrast und Farben aus Ihrem Bild herausholen und Belichtungen besser korrigieren. Ausserdem lässt sich so zum Beispiel nachträglich Dunst aus den Bildern filtern oder die Bildatmosphäre aufwärmen. Haben Sie erst mal die Grundlagen der digitalen Bildbearbeitung entdeckt, werden Sie merken, dass sich dahinter ein ebenso grosses, kreatives Feld verbirgt wie das der Fotografie selbst.
AUSSCHUSS RISKIEREN – SEIEN SIE EXPERIMENTIERFREUDIG!
«Zwölf gute Fotos in einem Jahr sind eine gute Ausbeute», hat Meisterfotograf Ansel Adams einmal gesagt. Spielen Sie! Seien Sie kreativ! Und lassen Sie sich vor allem nicht entmutigen, wenn etwas nicht klappt – auch grosse Fotografen produzieren Ausschuss. Wenn der nicht durch gedankenloses Herumknipsen entsteht, sondern durch risikofreudiges Experimentieren, ist das durchaus in Ordnung. Sie werden daraus lernen.
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