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Lawinensicherheit – Entscheidet euch!

Lawinensicherheit – Entscheidet euch!
Text: Thomas Werz | Datum: 15.11.2019
Lawinensicherheit – Entscheidet euch!
Beim Risikomanagement und der Lawinensicherheit geht es meist um den Unfall und um die Kameradenrettung. Doch ebenso wichtig ist das Training unserer Entscheidungen, die wir im Gelände treffen. Und: Wir müssen endlich mehr reden!
Da steht man nun in diesem wunderbaren Hang. Die Sonne strahlt mit dem glitzernden Neuschnee um die Wette. Der Gipfel und damit die noch unverspurte Abfahrt sind nicht mehr weit. Der böige Wind lässt die Schneekristalle über die Kuppe tanzen, bei jedem Schritt sinken wir etwas weiter ein. Hat wohl doch mehr geschneit als vorhergesagt. Die beiden Kollegen spuren gut gelaunt voran und plaudern über das Fussballspiel vom Vorabend und über den neuen Ski, den sich der eine endlich kaufen möchte. Bei einem selbst will irgendwie dieses komische Gefühl im Bauch nicht verschwinden. Jetzt anhalten und eine Diskussion vom Zaun brechen? Ach komm, ist doch nicht mehr weit. Wird schon gut gehen …

Welcher Tourengeher oder Freerider kennt diese Situation nicht? Am Vorabend ist man über der Karte gesessen, hat mit dem aktuellen Lawinenbulletin geplant, die Route eingezeichnet, Schlüsselstellen markiert, das Wetter und Alternativen gecheckt – und sich auf den kommenden Morgen gefreut. Doch auf dem Weg von der warmen Stube hinaus in den Schnee verändert sich die Situation. Mal ist das Wetter schlechter als angenommen, mal ist eine Person abgesprungen, oder ein Kollege bringt einen Freund mit, mit dem bisher noch keiner auf Tour war. Kurz: Die Ausgangsbedingungen und die Verhältnisse auf der geplanten Route sind anders als erwartet.

Erfahrung vs. Computer

Für die erste Entscheidung während der Tourenplanung stehen neben dem aktuellen Lawinenbulletin zahlreiche Tools zur Verfügung, mit denen man das Risiko des Vorhabens abschätzen kann. Mit am bekanntesten, aber auch unter erfahrenen Tourengehern nicht ganz unumstritten, ist die Grafische Reduktionsmethode (GRM). Denn ihr grösster Vorteil ist gleichzeitig auch ihre Schwäche: Sie ist zwar simpel in der Anwendung, aber sie vereinfacht stark, da sie als Hauptfaktoren nur die Warnstufe und die Hangneigung berücksichtigt. Deutlich komplexer geht der «Skitourenguru» (skitourenguru.ch, s. Seite 110) vor. Aus einem Höhenmodell nutzt das Programm neben der Hangneigung noch zusätzliche topografische Parameter, wie die Hanggrösse und -form (Rücken, offene Hänge, Rinnen) sowie die Bewaldung und berechnet aus ihnen einen sogenannten Terrain-Indicator. Dieser gibt an, wie potenziell geeignet ein Punkt im Gelände für eine Lawinenauslösung ist. Diesen Wert kombiniert er mit dem sogenannten Danger-Indicator. Der Danger-Indicator ist der Gefahrenstufe ähnlich, nur wird auch die Information zu den besonderen Gefahrenstellen (kritische Expositionen und kritische Höhenstufen) genutzt. Terrain-Indicator und Danger-Indicator werden anschliessend in der sogenannten Quantitativen Reduktionsmethode (QRM) zu einer Auslösewahrscheinlichkeit kombiniert. Die QRM wurde aus 1500 dokumentierten Lawinenunfällen und den GPS-Tracks von 47‘500 Kilometern Skitouren abgeleitet. Ziel des Ganzen ist es, eine auf dem Rechenmodell basierende Auswahl an Skitouren zu generieren, die zu den Schnee- und Lawinenverhältnissen gemäss dem aktuellen Lawinenbulletin passt. Die Webplattform wird von dem Zürcher Günter Schmudlach entwickelt und betrieben. «Der Skitourenguru verschneidet die Geländeeigenschaften mit den Daten aus dem Lagebericht, daraus leitet er einen Risikoindikator ab – von einem tiefen über ein mittleres bis zu einem hohen Risiko für die jeweilige Tour», erklärt Schmudlach. «Der Vorteil: Der Algorithmus rechnet konsequent und lässt sich nicht von persönlichen Befindlichkeiten leiten.» Aber Schmudlach macht auch deutlich, dass seine Software die Beurteilung vor Ort und im Einzelhang nicht leisten könne: «Das Modell weiss beispielsweise nicht, ob durch Windverfrachtung an einem bestimmten Punkt überhaupt Schnee liegt, oder nicht.»

Zurück in den Hang. Eine Entscheidung muss her. Aber wie fällen wir sie als Gruppe, und vor allem wer entscheidet und mit welchen Argumenten? «Das Lawinenbulletin und die GRM vereinfachen stark, die Einflussfaktoren auf den Einzelhang sind viel komplexer, als dass sie ein Tool abbilden könnte», sagt auch Benjamin Zweifel, Lawinenprognostiker am WSL Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF. Hilft dann die eigene Intuition? «Eher schlecht», erklärt Zweifel. Das Problem sei, dass sich die Intuition aus der direkten Erfahrung speise. «Du haust dir mit dem Hammer auf den Daumen und du weisst, dass du mit dem Hammer aufpassen musst. Aber: Du fährst und hast keine Lawine ausgelöst. Das gibt dir ein positives Feedback. Du weisst aber nicht, wie nahe du an einer Auslösung warst.»
S O C I A L

Das Gruppen-Check-Tool «SOCIAL» entstand aus der Doktorarbeit des Lawinenprognostikers Benjamin Zweifel. Es soll helfen, gruppenspezifische Risikofaktoren auf Skitouren zu minimieren. SOCIAL gibt es als Kärtchen und kann über das SLF (sekretariat@slf.ch) bezogen werden.

Skills:
Passt die Tour zum Können und zur Grösse der Gruppe? Mit welchen Fähigkeiten, aber auch Schwächen muss man planen? Bringt jemand eine fremde Person mit und was kann sie?

Organisation:
Wie ist die Gruppe zusammengesetzt, welche Rollen gibt es? Passt die Zusammensetzung zum Vorhaben? Manchmal ist es sinnvoll, die Gruppe zu teilen, um das Risiko zu minimieren.

Communication:
Während der Planung und auf Tour sehr wichtig. Wenn Parameter oder der Ablauf sich ändern, offen und klar kommunizieren. Kommt es zu Abweichungen vom Plan, stoppen und gezielt Veränderungen ansprechen.

Identifications:
Im Vorfeld die Erwartungen der Gruppenmitglieder klären, Alternativen diskutieren.

Anomalies:
Verändern sich Einflussfaktoren zur Planung, etwas ist «komisch», kann auch ein diffuses Gefühl sein. Sich die Frage stellen: Würde ich alleine genau gleich entscheiden?

Leadership:
Gibt es eine klare Rollenverteilung? Der Gruppenführer muss mögliche Probleme offen ansprechen und dadurch präventiv Druck abbauen.

Risikofaktor Mensch 

Zweifel hat sich in seiner Dissertation intensiv mit der Gruppendynamik von Wintersportlern im Lawinengelände beschäftigt. Daraus entwickelte er zusammen mit dem Kernausbildungsteam «Lawinenprävention Schneesport» das Gruppen-Check-Tool «SOCIAL» (s. Kasten). Dieses beschäftigt sich nicht mit den schnee- oder geländerelevanten Risikofaktoren, sondern mit dem Menschen und seinem Verhalten in der Gruppe. Das grösste Problem sei, sagt Zweifel, dass auf Tour viel zu wenig kommuniziert wird. «Wir reden über alles Mögliche. Aber viel zu wenig über die aktuelle Situation.» Das habe mehrere Gründe. «Wenn man mit Kollegen unterwegs ist und alle sind ähnlich erfahren, gibt es selten einen klaren Leader. Keiner möchte sich vor den anderen aufspielen.» Oft sei es auch so, dass ein weniger erfahrenes Gruppenmitglied mit der Situation überfordert ist, sich aber nicht traut, die eigene Unsicherheit anzusprechen. Oder der Gruppenführer merkt, dass die Verhältnisse kritischer sind als erwartet – und dies ebenfalls nicht oder zu wenig aktiv kommuniziert. «Sobald etwas wesentlich anders abläuft als geplant, sollte man die Veränderungen unbedingt ansprechen. Mutig sein, stoppen, diskutieren», lautet Zweifels Appell. «Wenn das Wetter oder die Bedingungen sich verschlechtern, muss der Gruppenführer kurz erklären, dass sich die Route ändert, oder alle Gas geben müssen – anstatt nur schneller zu gehen.» Meist sei der Rest der Gruppe froh, wenn einer aktiv den Verzicht des Gipfels oder eine defensive Variante vorschlägt – oder den Mut hat, die Gruppe aufzuteilen. «Das nimmt den Druck von den Schwächeren.»

Aufs Bauchgefühl hören 

­Doch wann wird aus einem «geht schon» ein «wir drehen um»? Zweifels Tipp: «Wenn das Bauchgefühl NEIN schreit, dann NEIN! Wenn es Ja sagt, aktiv nach Argumenten suchen, die das Ja auch stützen.» Und natürlich sollte man während der Tour das Gelände auf Gefahrenzeichen checken. Bei spontanen Lawinenabgängen im direkten Umfeld sei die Situation sehr ernst. «Klares Zeichen: Verzicht!», sagt Zweifel. Frischer Triebschnee lasse sich in der Regel sehr gut erkennen und umgehen. Ein weiteres Zeichen für den Abbruch sind «Wumm»-Geräusche. Nicht zuletzt plädiert Zweifel dafür, ein Lawinenproblem ganz besonders zu beachten: «Das Altschneeproblem ist tückisch und trügerisch. Wird im Bulletin darauf verwiesen, ist diese Information sehr hoch zu gewichten – selbst wenn man schon drei Tage in einem Gebiet unterwegs ist», erklärt der Experte. «Wir predigen das immer wieder. Selbst bei einem positiven Schneeprofil ist das eine Lotterie. Und wenn es hier zur Auslösung kommt, ist diese sehr oft tödlich.»