Man würde Lanz jetzt gern fragen, wie er zu Peroni steht, ob sie sich kennen, sich einmal getroffen haben. Schliesslich stammen beide aus dem kleinen Südtirol, so wie auch Messner, Kammerlander und andere alpine Grosstäter. Allein: Die berühmten Südtiroler Bergfexe waren sich selten besonders grün. Aus früheren Interviews weiss man: Peroni war mit einem der jüngeren Messner-Brüder, der in den Dolomiten später abstürzte, befreundet. Aber was Peroni (74) über Reinhold Messner (74) zu sagen hat, druckt man besser nicht in einem Magazin. Gilt das auch für Peroni und Lanz? Vielleicht sind sich die beiden einfach herzlich egal. Fragen mag man nicht, Lanz zieht die Kapuze noch tiefer ins Gesicht. Und dann ist er am Flughafen auch schon verschwunden.
Von Kulusuk geht es mit dem Hubschrauber weiter nach Tasiilaq, Peronis Wahlheimat. Er kommt persönlich zum kleinen Heli-Landeplatz, um die Gruppe abzuholen. Aber er ist kurz angebunden, ein kurzer Gruss an den Reiseleiter, das muss genügen. Sein weisser Land Rover wirkt wie ein Ufo in diesem 2000-Seelen- und 1000-Schlittenhunde-Ort, in dem es zwar Strassen gibt, die aber allesamt am Ortsschild enden. Tasiilaq ist im Winter nur per Helikopter zu erreichen, im Sommer auch mit dem Boot. An der fast 2000 Kilometer langen Ostküste fahren die Inuit mit Hunde- oder Motorschlitten übers Meereis zu den wenigen anderen Siedlungen hier.
Wal, Robbe, Eisbär
Erlebt man schon das richtige, das authentische Grönland, wenn man in einem warmen, kuscheligen Gästehaus Eisbären-Fleisch kaut? Warum suchen Touristen, vor allem die aus westlichen Industrienationen anscheinend besonders dringend, überhaupt immer nach authentischen Erlebnissen im Urlaub? Beim Blick durchs Fenster sieht man zumindest auch ein anderes Grönland: eine Müllhalde am Fjord, Sozialwohnungen in bunt gestrichenen Container-Häusern, müde dreinschauende Inuit, die aus dem Supermarkt Plastiktüten nach Hause schleppen. Heute gibt es dort «Bounty»-Riegel im Sonderangebot für fünf Dänen-Kronen. Eine Tomate kostet zehn Kronen, etwa 1.50 Schweizer Franken. Ohne die dänischen Subventionen wäre sie noch viel teurer. Welches ist denn nun das echte, das richtige Grönland? Die Käseglocke «Rotes Haus», der soziale Treff- und Brennpunkt Supermarkt? Die Fischer an der Eiskante auf dem Fjord? Die Inuit-Kinder, die mit Schlittengespannen und jungen Hunden das Anfahren üben? Markus Lanz schreibt in seinem Buch: «Grönland ist für mich mehr als eine Landschaft, eher eine Sehnsucht. Man kann dort eine Menge reindenken und projizieren. Sie müssen sich allerdings mit Haut und Haar auf das Land einlassen, die Landschaft erobern. Sie müssen sie spüren.»
Genau das tun aber die wenigsten Touristen. Und ja, leider auch die wenigsten Journalisten. Sie schauen sich Grönland bei einer bequemen Kreuzfahrt an, die sich wichtigtuerisch «Expedition» nennt. Oder sie blicken zwei Wochen lang im «Roten Haus» zum Fenster hinaus und warten, bis endlich ein Sturm, der berüchtigte Piteraq, aufzieht. Dann schreiben sie mit dramatischen Worten auf, wie sie in dem Nest Tasiilaq zehn Tage festsassen, weil der Hubschrauber nach Kulusuk nicht starten konnte und herumfliegende Kiesel die Fensterscheiben zerdepperten. Aber kann man so Grönland, die grösste Insel der Erde, begreifen?
Das Eis knackt und knarzt
Die Skitouren sind übrigens wirklich ein Traum: keine Konkurrenten um erste Spuren im Tiefschnee wie in den Alpen. Im Packeis eingefrorene Eisberge, die in allen nur erdenklichen Blautönen schimmern. Fernblicke auf die unendliche Weite des Inlandeises am Horizont mit Gipfeln, die wie Eispilze aus Zuckerguss aussehen. Dazu idyllische Ausfahrten mit den Inuit und deren Hundeschlitten zu den Startpunkten der Touren. Okay, einmal haben die Hunde Durchfall: Würde der Wind jetzt drehen, hätten wir Sommersprossen à la Grönland im Gesicht. Dann zwingt uns der Piteraq Rasttage im «Roten Haus» auf. Zeit, sich Filme über die schmelzenden Gletscher Grönlands anzuschauen. Und vor allem: sich mit Robert Peronis bewegter Vergangenheit zu befassen. 1983 bricht dieser mit den beiden Südtirolern Wolf Tomaseth und Pepi Schrott auf, um die Eiskappe Grönlands an ihrer breitesten Stelle zu überqueren: 1400 Kilometer, ohne Hunde, ohne Satellitentelefon und GPS, ohne Lebensmitteldepots, mit mehr als 200 Kilo schweren Schlitten. 500 Kilometer gelten damals als die maximale Distanz, die Menschen auf der Eiskappe ohne fremde Hilfe schaffen können. Man prophezeit ihnen, sie werden verhungern, erfrieren. Grönlands Polizeiminister hätte die Expedition verboten, wenn er früher davon erfahren hätte. Der Pilot, der das Trio am Rande des Eispanzers absetzt, sagt zu Peroni: «Sie sind ein Verrückter, Sir! Jawohl, ein Verrückter.» Am ersten Tag kommen sie gerade einmal 100 Meter weit – und brauchen dafür zwölf Stunden.
88 Tage in der Eiswüste
Inzwischen haben alle vier – das Helden-Trio untereinander und diese mit Köhlmeier – Frieden geschlossen. Vielleicht auch deshalb, weil Peroni seit etwa zehn Jahren an einer seltenen Blutkrankheit leidet und es ihm zwischenzeitlich sehr schlecht ging. «Ich habe tausendmal über diese Erlebnisse nachgedacht», erzählt Peroni. «Sie haben einen tiefen Platz in mir. Wir sind damals bis ans Limit und darüber hinausgegangen. Es war eine der letzten ganz grossen Expeditionen des 20. Jahrhunderts, wir standen in einer Reihe mit den grossen Entdeckern. Aber da kommen eben auch Sachen raus, die du selbst nicht weisst. Da stehst du nackt vor dir selbst da.» Vor zwei Jahren habe er in Südtirol ein grosses Fest gegeben, Tomaseth und Schrott seien auch gekommen. «Ich bin jedes Mal froh, wenn ich einen von beiden wiedersehe. Wolfi war auch schon hier im Roten Haus.» Vieles sehe er heute abgeklärter. Und er habe auch akzeptiert, dass für ihn die Zeit der grossen Touren vorbei ist: «Ich war dauernd am Sterben, hatte grosse Schmerzen. An die Berge habe ich da nicht mehr gedacht. Ich war froh, weiterleben zu dürfen. Da relativiert sich vieles.»
Der Übermensch wird menschlich
Neue Heimat
«Die Inuit-Kultur löst sich auf»
Die letzte Skitour steht an. Wir waren viele Stunden draussen unterwegs in der vergangenen Woche. Haben Wind, Kälte und Ausgesetztheit hautnah gespürt. Und dennoch: Beim Blick vom Gipfel zur unendlichen Weite des Inlandeises kommt Wehmut auf. Müsste man nicht dort drüben sein, mit nichts als einer Pulka und einem Zelt losziehen? So wie die vier bärtigen Männer, die gestern für einen letzten Zwischenstopp in der Zivilisation im «Roten Haus» eingecheckt hatten, um heute ihre Expedition zu beginnen? Ist Peronis Haus nicht eine eher störende Käseglocke? Hat Markus Lanz nicht gesagt, man müsse sich «mit Haut und Haar auf das Land einlassen»? Das Land – das können die Landschaften sein. Oder auch die Menschen. Menschen wie Peroni. Wie seine Inuit-Helfer. Am besten, man versucht, beide Welten zu entdecken. Fragezeichen bleiben dann immer noch genug.
Mit Icelandair (www.icelandair.de) von München oder Frankfurt am Main nach Keflavik, Islands internationalem Flughafen. Zwischenübernachtung im Hotel Keflavik (kef.is), am nächsten Tag Weiterflug mit Air Iceland (airiceland.is) nach Kulusuk, von hier Helikopter-Transfer mit Air Greenland nach Tasilaaq (airgreenland.com).
Veranstalter
Rund zweiwöchige Reisen für Skitouren- und Schneeschuh-Geher mit dem «Roten Haus»
als Stützpunkt bietet Hauser-Exkursionen im Frühling 2019 an, Termine und Preise: www.hauser-exkursionen.de;
Rotes Haus: the-red-house.com
Literatur
Robert Peroni: «Die magische Grenze», Hoffmann und Campe
Robert Peroni: «Der weisse Horizont. Drei Männer durchqueren Grönlands unerforschte Eiswüste», Hoffmann und Campe
Francesco Casolo und Robert Peroni: «Dove il vento grida più forte. La mia seconda vita con il popolo dei ghiacci», Sperling & Kupfer, Oktober 2013
Michael Köhlmeier: «Spielplatz der Helden», Deutscher Taschenbuch Verlag
Markus Lanz: «Grönland. Meine Reisen ans Ende der Welt», National Geographic Deutschland
Freddy Langer: «Grönland. Ein Reiselesebuch», Ellert & Richter Verlag
Weitere Artikel und Tests
-
SkitourenschuheAusprobiert
Fischer Travers Tour WS
Mit dem Fischer Travers Tour WS bringt Fischer Sports einen klar aufstiegsorientierten Tourenskischuh für ambitionierte Skitourengeherinnen auf den Markt. Das Modell ist konsequent auf geringes [..]
Zum Test650.00 CHF2025/262.160 g -
EisausrüstungGetestet
Blue Ice Akila LT
Mit dem Akila LT hat Blue Ice einen perfekten Begleiter für anspruchsvolle Touren in Firn, Eis und Schnee geschaffen. Durch einen kurzen Schaft wurde jede Menge Gewicht gespart.Bauweise und [..]
Zum Test145.00 CHF2025/26292 g -
KlettergurteGetestet
Dynafit DNA Harness
Der Dynafit DNA Klettergurt wurde speziell für den kompromisslosen Einsatz im SkiMo Racing entwickelt und soll mit minimalem Gewicht und entsprechenden Features überzeugen – wie er sich im Praxistest [..]
Zum Test80.00 CHF202572 g -
TourenbindungenGetestet
Selun A230G
Die Selun A230G ist eine klassische, puristische Pin-Bindung mit klarem Fokus auf geringem Gewicht, direkter Kraftübertragung und sauberem Handling im Aufstieg. Entwickelt und gefertigt im Toggenburg [..]
Zum Test549.00 CHF2025/26460 g