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Zeitreise in der Kuhgondel – Skitourensafari in Engelberg

Zeitreise in der Kuhgondel – Skitourensafari in Engelberg
Text: Christian Penning | Fotos: Christian Penning | Datum: 15.11.2017
Zeitreise in der Kuhgondel – Skitourensafari in Engelberg
Mit den Buiräbähnli transportieren Schweizer Bergbauern schon seit mehr als hundert Jahren Menschen, Tiere und Material vom Tal auf den Berg und wieder hinab. Und mittlerweile immer öfter auch Skitourengeher.
Bergbahnstationen werden heutzutage gerne von Stararchitekten entworfen, wirken wie Raumstationen. Im wahrsten Sinne abgedreht bewegt sich auch die verspiegelte Titlis-Gondel in Engelberg gen Gipfel. Während der Fahrt kreist sie um ihre eigene Achse wie eine riesige Spieluhr. Dabei bietet sie Platz für mehr als ein halbes Dutzend Fussballmannschaften, erlaubt Panoramablicke aus stets wechselnden Blickwinkeln. Die Gondel­fahrt als theatralisch inszeniertes Erlebnis. «Big is beautiful», so lautet der Slogan, wenn es in den Bergen ums Big Business geht. Davon ist zehn Kilometer weiter unten im Engelberger Tal wenig zu spüren. Die Station Nechimatt sieht eher aus wie eine Scheune. Drinnen parken ein paar aufgemotzte, klapprige Töfflis mit Chopper-Lenker – Puch, Baujahr um die 1980. Jürg und Frédéric sitzen auf der ausrangierten, ausgebauten Rückbank eines Transporters. Sie lehnt an einer grauen Betonwand. Daneben ein Kehrbesen. Und die Ski der beiden, Baujahr 2017. Noch etwas müde blinzeln die beiden Skitourengeher nach oben. Ihre Augen folgen den Stahlseilen, die im milchigen Nichts des konturlosen Winterhimmels verschwinden. Assoziativ erklingen im Kopf die Piano- und Orgel-Akkorde aus John Carpenters «The Fog». Da tauchen aus dem Nebel die Umrisse einer Gondel auf. «Also, ...!», gibt Jürg das ­Zeichen zum Aufbruch. Langsam trottet er, gefolgt von Frédéric, die paar Schritte nach vorne zum Bahnsteig. Gedränge? Ausser den beiden ist weit und breit niemand zu sehen. Bergführer Thomas Odermatt ist schon voraus. Jürg parkt seinen Rucksack auf der Ladeplattform ausserhalb der Gondel. Denn drinnen, da ist es eng. «Wohin mit den langen Latten?» Nachdem das Schiebefenster geöffnet ist, finden auch sie Platz – halb drinnen, halb draussen. Jürg drückt auf den Knopf. Die Tür schliesst sich. Wenig später setzt sich die Gondel in Bewegung. Als hätte er einen magischen Schalter umgelegt, fallen beim Schweben durch den Nebel Hektik und Stress der vergangenen Woche ab. Ein langes Wochenende wie in Zeitlupe beginnt.
Neben Heuballen und Vieh transportieren die Buiräbähnli auch Skifahrer.
Zeitreise in der Kuhgondel – Skitourensafari in Engelberg
Neben Heuballen und Vieh transportieren die Buiräbähnli auch Skifahrer.
Zeitreise in der Kuhgondel – Skitourensafari in Engelberg

14 Minuten – eine Fahrt in eine andere Welt

Sieben Minuten später. Die Gondel erreicht die Mittelstation. Diegisbalm. Ein Bio-Berghof. Milchwirtschaft. Braunvieh, Ziegen. Eine Idylle. Als wären die Uhren hier vor 100 Jahren stehen geblieben. Unzählige kleine Schindeln schützen wie eine Reptilienhaut die Hauswand vor Wind und Wetter. Ein Obstbaum rankt zwischen sechsteiligen Fenstern die Fassade hinauf. Im pulvrigen Schnee stapfen Jürg und Frédéric ums Haus, weiter zur nächsten Gondel. ­«Buiräbähnli» ­heissen diese kleinen Bergbahnen, stählerne Lebensadern zu entlegenen Bergbauernhöfen. Insgesamt existieren in der Schweiz noch etwa 120 solcher Liftgefährte. «Ist doch super, so sparen wir uns fast 900 Höhenmeter», freut sich Frédéric über den verkürzten Aufstieg auf die Höhenzüge westlich des Engelberger Tals. Bis auf gut 2000 Meter reichen die Erhebungen am Arvigrat.

Weitere sieben Minuten später. Bergstation Oberalp. 1413 Meter. Endstation. Jürg wirft den Obulus für die Liftfahrt in die Kasse: sechs Franken. «Den fahrenden Personen ist sowohl beim Ein- und Aussteigen als auch während der Fahrt die grösste Vorsicht geboten. Sie sollen sich möglichst günstig und sicher in den Wagen setzen, die vorhandenen Abschrankungen gut schliessen und während der Fahrt sich gut festhalten und ruhig sein.» Jürg fährt ein amüsiertes Schmunzeln durchs Gesicht, als er im Ausstieg die «Betriebs-Verordnung für Luftseil-Anlagen» überfliegt. «Naja, die ist nicht mehr ganz aktuell», lacht Toni Arnold. Er ist der Chef auf Oberalp. Sein Urgrossvater war es, der die Bahn hinauf zu den steilen Alpwiesen unterhalb des Ronengrats gebaut hat. Das war 1927. Die Betriebsverordnung, die als Devotionalie leicht vergilbt in einem Rahmen an der Holzwand hängt, stammt von 1929. Einen Motor und eine vollautomatische Steuerung wie heute hatte die Bahn damals nicht. «Oben wurde ein Wasserbehälter gefüllt, der an der Gondel hing, den Rest erledigte die Schwerkraft», erklärt Toni das damalige Prinzip. «Man musste halt im richtigen Moment wieder bremsen.»

Selbst miterlebt hat er diese Zeit nicht mehr. 1973, fünf Jahre bevor er selbst geboren wurde, liess sein Vater Toni Arnold das Bähnli von Grund auf renovieren. Für ihn war die Bahn von Anfang an eine essenzielle Verbindung zum Rest der Welt, mit ihr wurde alles befördert, um den Bergbauernhof auf den abschüssigen Hängen in exponierter Lage ganzjährig bewirtschaften zu können. Sozusagen ein etwas behäbiger, blecherner, analoger Vorläufer einer Internet-Verbindung – nur eben mit ziemlich dicken Drähten.
Einsamer Aufstieg zum Salistock und Widderfeld Stock.
Zeitreise in der Kuhgondel – Skitourensafari in Engelberg
Einsamer Aufstieg zum Salistock und Widderfeld Stock.
Die langen Abfahrten vom Arvigrat nach Kerns oder St. Jakob bieten bis zu 1500 Meter Höhenunterschied.
Zeitreise in der Kuhgondel – Skitourensafari in Engelberg
Die langen Abfahrten vom Arvigrat nach Kerns oder St. Jakob bieten bis zu 1500 Meter Höhenunterschied.
Für Bergbauer Toni Arnold senior waren die Stahlseile des Buiräbähnli im Winter lange Zeit der einzige Draht ins Tal.
Zeitreise in der Kuhgondel – Skitourensafari in Engelberg
Für Bergbauer Toni Arnold senior waren die Stahlseile des Buiräbähnli im Winter lange Zeit der einzige Draht ins Tal.

Moderner Realismus statt Heidi-Romantik

Heute hat der Oberalp-Hof schnelles Internet via Funk. Toni kann sich mit seinen Kindern Spielfilme im Streaming anschauen. «Auch wenn es vielleicht manchmal so scheint, wir sind hier oben nicht weg von der Welt», verrät Toni bei einem Kaffee drinnen in der Stube. Die Seilbahn sei trotzdem immer noch der wichtigere Anschluss ins Tal und an die Welt. Jetzt im Winter ist Oberalp selbst mit einem Allradfahrzeug nicht erreichbar. «Sobald Schnee liegt», sagt Toni, «ist hier fertig.»

Drunten im Tal hängt noch der Nebel. Hier oben wärmt die Wintersonne. Drüben, hinterm Hörnligrat blitzt der Titlisgipfel, frisch verschneit und unter einem makellos blauen Himmel. Wie lebt es sich hier – ohne Strassenlärm, ohne Parkplatzprobleme, mit Frischluft im Überfluss jeden Tag, aber auch ohne Bäcker nebenan, ohne Supermarkt? Eine Einöde? Ein Paradies? Eine vergessene Insel zwischen Gestern und Heute?

Toni schüttelt den Kopf: «Viele stellen sich das hier vor wie im Heidiland. Mit Grossvater und Geissenpeter. Aber wir sind ja auch Teil eines Systems. Nicht anders als die drunten im Tal. Die Welt bewegt sich weiter. Und wir mit ihr. Wir können uns da nicht mit Hut und Stock hinstellen und sagen, so, ich bin der Bergbub. So geht das nicht!»
Heimelig ist es in der Stube trotzdem. Der Holz-ofen bollert. Die 40 Stück Vieh und vier Geissen sind versorgt. Vor der Tür kauert Finn, ein Treib­hund-Mischling. Die Katze schleicht um die Beine. Am Boden in der Ecke liegt eine Decke mit Spielzeug. Fünf Kinder füllen an diesem Samstag den Hof auf Oberalp mit Leben. Doch sie sind nicht immer alle hier. «Meine erste Frau ist davon, die ist nimmer da», erzählt Toni. Sandra, die einen kleinen Blondschopf im Arm hält, ist seine zweite Frau. Real gelebtes Patchwork statt Heidis vermeintliche Traumwelt. Sandra ist eigentlich Gestalterin, kommt aus Zürich. Anfangs pendelte sie. Eine halbe Woche hier, eine halbe Woche da. Seit vier Jahren ist sie permanent auf Oberalp und kommt nur noch sporadisch in die Grossstadt. «Dann krieg’ ich erst wieder mit, wie hektisch es dort zugeht. Es ist einfacher, von Zürich wieder hierher- zukommen als andersherum.» – «Mein Glück!», scherzt Toni und lacht.

«Es gibt viele schöne Momente da heroben», sagt Toni nickend. «So wie jetzt. Die Arbeit ist getan. Du hast Zeit für die Kinder.» Ja, die sind ihm wichtig. «Alleine, ohne Familie wär’ das nix.» Und überhaupt, die Zeit. «Das ist ein grosser Schatz, dieses Leben hier oben.» Immer wieder überlegt Toni. «Man müsst’ die Zeit, die wir hier haben, in eine Schachtel packen und verkaufen können.»
Dabei sind auch er und Sandra gut beschäftigt. Um das ganze Jahr über ein Auskommen für die Familie zu haben, hat Toni den Hof in den vergangenen Jahren kräftig umstrukturiert. Er produziert Bio-Rindfleisch. Im Stall stehen 15 Kühe, 10 Rinder, an die 15 Kälber. Rhätisches Grauvieh, in der Schweiz vor Jahren schon ausgestorben, schliesslich wieder angesiedelt und heute geschätzt für sein zartes, feinfaseriges Fleisch. Sommers hält Toni die Alpwiesen in der Umgebung in Schuss und kümmert sich dort um 80 Stück Jungvieh von Talbauern. Ausserdem spaltet er Schindeln mit Holz aus dem eigenen Wald. Per Hand, so wie die 55’000 Fichtenschindeln, die die Fassade des Hofes vor Wind und Wetter schützen. «Mit dem Schaffen ist das so eine Sache», sagt Toni. «Ich könnte nachts auch noch arbeiten, das ist nicht das Problem.» Dann hätte er schnell mal den gleichen Stress wie die Manager und Banker in Zürich. Man müsse sich eben einfach Grenzen setzen und sagen: «S’ isch guat.»

Jeden Tag schaut Toni von seinem Hof auf die Berggrate in der Umgebung. Für ihn ist auch sein Unternehmen Bergbauernhof eine Gratwanderung. Zwischen Tradition und Fortschritt. Dabei macht er sich nichts vor: «Die Jungen sehen ja, was in der Welt passiert. Und ich möchte, dass der Hof hier weitergeführt wird, wenn es geht. Da kann ich keinen nostalgischen Träumen nachhängen. Das geht nimmer. Das wär’ nicht zukunftsfähig.» Bergbauern waren immer schon mehr Realisten als Träumer. Die romantischen Träumer, das sind die Städter.
Rasante Abfahrten am Chaiserstuel nahe dem kleinen Skigebiet Bannalp. 
Zeitreise in der Kuhgondel – Skitourensafari in Engelberg
Rasante Abfahrten am Chaiserstuel nahe dem kleinen Skigebiet Bannalp. 

300 Kilo Lebendgewicht – mit Rind in der Gondel

Damit Tonis und Sandras Zukunftsträume eine Chance haben, sich zu erfüllen, wird ihr Buiräbähnli wohl noch eine ganze Weile mindestens genauso wichtig sein wie das Internet. Dank der Kleinbahn sind Kinder wie Erwachsene in einer Viertelstunde im Tal. Eine weitere halbe Stunde später können sie in Luzern sein, in der Stadt. Mit dem Bähnli wird transportiert, was reingeht. Rauf zu Grosseinkäufe für mehrere Wochen, runter zu auch mal ein Rind auf dem Weg zum Schlachter. So drei, vier Mal im Winter. An die 300 Kilo Lebendgewicht. «Und die passen wirklich rein?», fragt Jürg, der schon mit seinen Ski Problemen hatte. «Ja, gerade so!», grinst Toni. – «Da fährst du aber nicht mehr mit?», entgegnet Jürg ungläubig. «Wohl, wohl!», lacht Toni. «Ich muss mit. So schräg halt, ich schau’ halb zur Scheibe raus. Einer muss sie ja beruhigen, wenn was ist.» Einen Moment hält Toni inne. Dann beendet er das Thema: «Und für die Giraffe haben wir eine Öffnung oben im Gondeldach.»

Auch Jürg und Frédéric bekommen langsam lange Hälse. Immer wieder lugen sie nach draussen. «Der Pulver ruft», sagt Jürg mit aufbrechendem Nicken. Ein paar Minuten später spuren sie hinter Bergführer Thomas Odermatt hinauf zur Lochhütte. Die Schneekristalle funkeln in der Sonne. «In Engelberg herrscht jetzt Hochbetrieb», meint Thomas. «Wir haben’s entspannt hier. Toll, wie leicht man mit den Buiräbähnli Höhenmeter macht, und das weit abseits von den Massen.» Dann schlägt er einen Haken hinauf zur Egghütte. Im Tal zwischen Laucherstock und Gräfimattgrat gäbe es noch eine Menge lohnender Tourenabfahrten, aber dafür ist es nun schon etwas spät. Und auch von der Überschreitung des Arvigrats rät er heute ab. «Der ist nach dem Sturm der letzten Tage oben ziemlich abgeblasen.» Doch Thomas hat noch eine weitere lohnende Variante parat. In feinstem Pulver geht es hinter der Langbodenhütte in den nordseitigen Kessel hinab zum Dürrenboden und nach einem kurzen Zwischenanstieg unter den Südflanken des Chli Horn über feine Alphänge hinab nach St. Jakob. Wieder vorbei an verstreuten Bergbauernhöfen. Glitzernder Pulverstaub liegt in der Luft. Und das auf mittlerweile nicht mal 1000 Meter Meereshöhe. Auch kleine Berge können viel Spass machen – und grosse Höhenunterschiede bieten. Bis hinab nach St. Jakob bei Alpnach kommen an diesem Tourentag fast 1500 Höhenmeter zusammen. «Eines braucht man für solche Unternehmungen allerdings schon», gesteht Thomas: «Genügend Schnee bis in tiefe Lagen. Sonst kann es sein, dass man am Ende ein Stück zu Fuss laufen muss.» Doch Jürg und Frédéric haben Glück. Der Schnee reicht bis in den Ort auf rund 540 Meter Höhe. Mit Bus und Bahn geht’s zurück nach Engelberg. Zeit, um Pläne für den nächsten Tag zu schmieden. «Wie wär’s mit einer Runde auf der östlichen Seite des Engelberger Tals?», schlägt Thomas vor. «Auch dort müsste noch genügend frischer Pulver zu finden sein.» Jürg muss da nicht lange überlegen. «Wann starten wir?»
Zeitreise in der Kuhgondel – Skitourensafari in Engelberg
«Um jeden Gast dankbar»
Wer steckt hinter den Buiräbähnli? Es sind private Betreiber wie Toni Arnold (38).
Er ist auf dem Bergbauernhof Oberalp im Engelberger Tal aufgewachsen.
Im Winter ist der Hof nur zu Fuss, mit Ski oder dem Bähnli zugänglich.

Wie hat sich das Leben seit deiner Jugend hier oben verändert?
Es hat sich viel getan. Wir haben viel gebaut, den Betrieb umstrukturiert, auf Biofleisch-Produktion und Landschaftspflege. Ausserdem stellen wir handgefertigte Holzschindeln her. Ein Schlüssel, all das auf einem entlegenen Hof machen zu können, sind die mechanischen Gerätschaften. Dazu gehört auch die Gondelbahn.

Du möchtest nirgendwo anders leben?
Nein.

Weshalb? Was ist das Besondere für dich hier oben? 
Die Ruah! Seit Tagen liegt unten im Tal der Nebel. Hier oben scheint die Sonne. Das ist doch wie im Paradies. Aber nicht nur das. Auch die Arbeit ist anders. Du hast keinen, der dich drängt. Hast Ruah! Du kannst und musst vieles selbst entscheiden. 

Eine solche Bahn ist eine ziemliche Investition, die kostet sicher um einiges mehr als ein Auto? 
Kommt darauf an, was für ein Automodell das ist (lacht). So eine Bahn heute neu zu bauen, würde wohl mindestens zwei Millionen Franken kosten. Und eine umfassende Revision mit neuem Seil, neuer Steuerung etc. kommt auf rund eine halbe Million. Wir haben die Seilbahn vor einigen Jahren auf Automatikbetrieb umgestellt. Du musst dir das vorstellen. Früher musste immer jemand da sein. Das war ein Familienkiller. Jetzt ist das eine riesige Erleichterung.

Wie kann man so was finanzieren? Für zwei Millionen musst du viel Milch verkaufen. 
Vor allem, wenn das Vieh nicht mal Milch gibt (lacht). Wir sind ja ein Fleisch produzierender Betrieb. Umbaumassnahmen der Seilbahn fördern Bund und Kanton zu etwa 66 Prozent. Den Rest müssen wir selber tragen. Da bleibt immer noch eine grosse Investition. Die Vorschriften werden immer schärfer. Damit kämpfen wir. Zum Beispiel kann heute einem Passagier wohl nicht mehr zugemutet werden, dass er die Tür ordentlich schliesst. Also soll das automatisch gehen. 

Wie aufwendig ist es, die Bahn in Betrieb zu halten? 
Wir versuchen, möglichst viel selbst zu machen. Rollen und Lager wechseln. Seil schmieren. Und viele Kleinigkeiten. Die Steuerung ist das grösste Problem. Auch da können wir mit Unterstützung einer Hotline des Herstellers viel selber machen. Aber handwerklich geschickt musst du auf jeden Fall sein. 

Was transportiert ihr so alles mit der Seilbahn?
Natürlich Lebensmittel. Da wird nach einem Grosseinkauf die Gondel vollgestapelt. Ansonsten auch mal Holz oder einen Kühlschrank. Und natürlich das Vieh, wenn wir es zum Schlachter bringen. Und die Kinder nutzen die Bahn natürlich für den Schulweg.

Wer nützt die Bahn ausser euch privat?
Im Sommer gibt es hier einige Alpbetriebe, die die Bahn brauchen. Und dann natürlich Tourismus in kleinem Rahmen. Wir sind froh um jeden Einzelnen, der kommt. Das hilft uns, den Unterhalt zu gewährleisten. 

Nutzt ihr die Bahn bei Powder-Alarm auch mal zum Skifahren?
Naja, das Gelände direkt vom Hof ins Tal eignet sich weniger. Wenn es hier am Südosthang einen halben Tag Sonne hat, ist es mit dem Schnee wieder vorbei. Aber wir gehen auch hin und wieder mit der Familie Skifahren. Obwohl ich eigentlich einer bin, der nicht so unbedingt Urlaub braucht. Wir haben es wirklich schön hier oben. 

Bleibt da auch Zeit, die Natur bewusst zu geniessen?
Das muss ich mir einteilen. Und die Frage ist auch: Wie geniesst man die Natur bewusst? Das macht jeder anders. Ich bin den ganzen Tag am Schaffen. Da werde ich schon mal gefragt, ob ich mich nicht auch mal umschaue. Wohl, das tu ich schon. Das macht halt jeder anders.
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Verkürzte Aufstiege – verlängerter Pulverspass

Es ist noch frostig kalt, als Jürg und Thomas am nächsten Morgen die erste Bahn in das kleine Skigebiet Bannalp nehmen. «So sparen wir uns 800 Höhenmeter», sagt Thomas. «Aber keine Angst, wir steigen heute noch viel genug auf. Noch mehr aber werden wir abfahren.» Die Hänge liegen noch im Schatten der mächtigen Walenstöcke. Die Thermometeranzeige dümpelt um die Minus-15-Grad-Marke. Gut, dass sich bald die Sonne überm Grat zeigt. Mit jedem Meter die Bannalp hinauf wird die Szenerie hochalpiner. Am Grat zum Chaiserstuel (2400 m) hängen mächtige Wechten. Doch am Vorgipfel entdeckt Jürg einen Einstieg. Wenig später fegt er, gefolgt von einer riesigen Staubfahne, eines der Couloirs hinab zu den weiten Pulverhängen der Oberalp. «Du hattest recht!», stimmt er Thomas zu: «Kleine Bahn, grosser Spass!» Und das Vergnügen ist noch lange nicht zu Ende. Bis hinab nach Schattenberg sind es 1400 Höhenmeter Abfahrt.

Im Tal angekommen, wartet schon die nächste Aufstiegshilfe: Die pink gepinselte Kleingondel hinauf zum Berggasthaus Gitschenen. Jürg hat mittlerweile schon Routine als Gondelschaffner. «Alle da?» Dann drückt er den Schalterknopf, und die bunte Büchse nimmt für die nächsten 550 Höhenmeter Fahrt auf. «Eigentlich hätten wir heute rund um den Bärenstock und den Oberalper Grat mit ein paar Zwischenanstiegen noch ein paar Abfahrten mehr machen und dann im Gasthaus Gitschenen übernachten können», überlegt Thomas laut. Aber wir haben ja morgen noch mehr vor. «Bähnli gibt’s schliesslich genug!» Und dann erzählt er von seinen Plänen zu einer grandiosen Panoramatour: «Mit dem Buiräbähnli aus dem Engelberger Tal hinauf auf Eggen und dann mit den Steigfellen auf den Salistock. Traumblicke auf den Titlis und die Gletscher am Chli und Gross Spannort. Und wenn es die Verhältnisse zulassen, könnten wir sogar den Widderfeld Stock machen – das wären dann gut 1700 Höhenmeter Abfahrt im Pulver.»

Schwebend ins Abenteuer

Noch aber geht es bergauf. «Adler schweben, Engel schweben, ein Pferd schwebt selten wie du jetzt», fabuliert ein an die Scheibe der Gondel geklebter Vers. Jürg wird in diesen Nachmittagsstunden noch mehrmals an diesen Spruch denken. Denn die anfangs flache Spur hinauf zum Schönegg-Pass wird im hinteren Sulztal noch ganz schön steil. Doch was soll’s! Hinterm Pass warten schon die nächsten 1000 Höhenmeter im Pulver, hinab nach Oberrickenbach. «Als ich ein Junge war, haben wir die Buiräbähnli wirklich oft benutzt», erzählt Thomas in einer Verschnaufpause auf halber Höhe. «Wir sind damit aufgewachsen. Diese Hänge waren unser Abenteuerspielplatz.»

Auch Jürg kann von diesen kleinen Abenteuern gar nicht genug kriegen. Hinter jeder Geländekante tauchen in dem kupierten Gelände neue Abfahrtsvarianten auf. «Hey, lass uns nochmal hoch», ruft er Thomas zu, als die beiden bei Oberspies die nächste Alpgondel passieren. In einer überdachten, schwebenden Holzkiste, die tatsächlich mehr auf Heu- und Viehtransporte als für Skifahrer ausgelegt scheint, geht es noch einmal bergan. 500 zusätzliche Höhenmeter Pulver als Zugabe. Die zurückliegende hektische Arbeitswoche wirkt längst wie eine Erinnerung aus einem fernen früheren Leben. «Schön, dass diese Zeitreise morgen noch weitergeht», jubelt Jürg. Denn eines haben ihm die beiden vergangenen Tage gezeigt: Im Alten liegt eine grosse Chance zu neuen unvergesslichen Erlebnissen. «Mögen die Buiräbähnli noch lange weiterlaufen», hofft Jürg. Und mögen sie erhalten bleiben als das, was sie sind: eine wertvolle Verbindung für die Bergbewohner zum Rest der Welt – und für den Rest der Welt eine unbezahlbare Gelegenheit, dem immer schnelleren Karussell des Lebens für ein paar Tage zu entkommen.
Mit «fliegenden Kisten» auf die Alp. Den Traumblick von Eggen auf die Walenstöcke gibt's gratis.
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Mit «fliegenden Kisten» auf die Alp. Den Traumblick von Eggen auf die Walenstöcke gibt's gratis.