Normalerweise bedarf es eines ordentlich überspannten Verhältnisses zur Fantasie, um solche Hirngespinste in den Bereich des Möglichen zu rücken. Doch an diesem Abend scheint keine der unheimlichen Varianten ausgeschlossen. Abgelegen genug ist dieses Berghotel auf gut 2000 Metern Höhe jedenfalls. Die aus dem Schnee wachsenden Natursteinfundamente des Baus und die holzvertäfelten Flure erinnern tatsächlich an Stanley Kubricks «Shining». Obendrein steht das Haus im transsilvanischen Teil der Südkarpaten. Und zu guter Letzt diente die einstige «Villa Paltinu» dem «Conducător» als Retreat für die Gämsenjagd. Diktator Nicolae Ceauşescu und seine Gemahlin Elena gönnten sich hier gerne mal eine Auszeit vom Regieren. Dann logierten sie in den Zimmern Nummer 1 und 2. Realität? Illusion? Die Grenzen verschwimmen. Ich stehe auf und schliesse die Tür. Der Sturm, der seit Stunden das Glas der Fenster zittern lässt, hat sie aufgedrückt. Ruhe. Sekunden später ein Knarren im Rücken. Die Flügeltür neben der Bar fliegt auf. Es ist der Ober. «Ein Bier?»
Auf die Idee einer Tourenwoche in den Südkarpaten war Tim ein Jahr zuvor gekommen, bei einem Fotoshooting im späten Frühjahr. Zum Skifahren lag damals schon zu wenig Schnee. Aber die Grate und Couloirs, die sich in einem grossen U um den See ziehen, liessen ihn nicht los. «Das sind hier Hänge wie in den Hochlagen am Arlberg», schwärmt er. Die Gipfel rund um den Lacul Bâlea sind die höchsten der Südkarpaten. Bis gut 2500 Meter ragt der Hauptkamm auf. Er trennt die Provinzen Transsilvanien und die Walachei. Făgăraş nennen die Einheimischen den Gebirgszug. Im Gegensatz zu den Waldbergen der West-, Nord- und Ostkarpaten sind die Gipfelregionen hier felsig und steil, vor allem die Nordseiten. Trotz der imposanten Berge ist Tim mit der Tourenausbeute der vergangenen Tage nicht zufrieden. Lisa und Louis nicken leicht genervt. «Das Wetter! Sturm, Whiteout, zwischendurch ein paar Wolkenlücken ...» Wie eine Mauer trennt der Hauptkamm kontinentale Kaltluft im Norden von milder Schwarzmeerluft im Süden. Bisweilen eine Hexenküche mit schwer vorhersagbaren Wetterkapriolen. Jetzt, im Februar 2016, hat der Südwind die Oberhand. Er ist ähnlich unkalkulierbar wie der Föhn in den Alpen.
Deutscher Ostblock-Charme: Lidl, Siemens und schäbige Geldwechselbuden
2007 war Hermannstadt, wie Sibiu auf Deutsch heisst, zusammen mit Luxemburg Europas Kulturhauptstadt. 1150 wurde sie von deutschen Siedlern gegründet. Überhaupt wirkt Sibiu auch jetzt ziemlich deutsch. Seit dem EU-Beitritt hat sich Hermannstadt zu einem Zentrum deutscher Automobilzulieferer entwickelt. Continental produziert und entwickelt hier. Ebenso Thyssen-Krupp. Auch Siemens ist mit drei Werken vor Ort. Die Arbeitslosenquote bewegt sich auf dem Niveau von Zürich. Gut, ein paar Gepflogenheiten wirken dann doch etwas schräg. «Geld wechseln?», fragt Marius auf Deutsch. Ich nicke. Ein paar Strassenblöcke weiter hält er vor einem schäbigen Gebäude. Es wirkt wie eine Melange aus heruntergekommener Pommes-Bude und billigem Stripclub. Der Titel der Neonreklame «Exchange non stop» ist seriöser, als der Schriftzug optisch wirkt. «Hier?» Marius nickt. Hinter einem kleinen, offenen Fenster sitzt eine Kassiererin, vollbusig, tiefer Ausschnitt in der Bluse. Mit einem dicken Bündel rumänischer Leu springe ich zurück ins Taxi. Ab in die Berge!
«Ich war früher selbst oft in den Karpaten, aber jetzt, du weisst schon, ... die Arbeit ...!», schwadroniert Marius in tadellosem Deutsch. Die Fahrt führt vorbei am Städtchen Avrig. Gestrichene Fassaden, gefegte Bürgersteige, wie eine Schweizer Kleinstadt. Der deutschstämmige Bürgermeister Arnold Klingeis will sie bis 2020 zum Vorreiter für die Nutzung erneuerbarer Energien machen. 2030 soll Avrig vollkommen unabhängig von Öl und Erdgas sein und von den innovativen Umwelttechnologien leben können. Siebenbürgen ist eine Region im Aufbruch. Rumänien – ein Land zwischen Ochsenkarren und Hightech. «Auch der Tourismus hilft uns voranzukommen», erklärt Marius. «Schliesslich zählen die Karpaten zu den ursprünglichsten Naturlandschaften Europas.» Urig sind auch noch die Dörfer, wie Scoreiu oder Cartisoara, die am Taxifenster vorbeihuschen: Frauen und Männer in historischen Trachten plauschen am Rande ungeteerter Strassen, welche durch geduckte Häuschen mit einer Patina aus Staub führen.
Ganz schön windig – Abenteuer in der Gondel
Es geht bergan – doch mit einem Ruck stoppt die Gondel. «Oh my good, I’m so scared!», quiekt eine Engländerin mit knallroten Lippen und dicker Schminke im Gesicht. Mit ihrem Begleiter will sie im Eishotel oben am See die Nacht verbringen. Die Gondel schaukelt. Kurz vor Stütze zwei. Dann wird es ruhiger. Langsam geht die Fahrt weiter. Puhh! Vor Stütze drei nochmals das gleiche Spiel. Draussen beginnt es zu dämmern. Nach fast einer Stunde «stop and go» ist die Bergstation erreicht. Skipisten gibt es rund um den Bâlea-See keine. Dafür aber grenzenlose Tourenmöglichkeiten. Beim Nachtessen schwärmen Louis, Lisa und Tim von den Routen und Lines, die sie rund um die Nachbargipfel Paltinu, Negoiu und Vânătoarea gesichtet haben.
Am nächsten Morgen hat sich der Sturm gelegt. Tim und Lisa spuren hinauf zum Paltinu-Grat. Da schiebt sich die nächste Wolkenbank über die Bergschulter. Ein kleines Schneebrett löst sich. Solange die Sicht nicht wirklich gut ist und Schneeaufbau und -struktur nicht klar zu erkennen sind, sind die steilen Nordhänge zu heikel. Rückzug! Zurück zur Hütte. Lageanalyse.
Endlich glücklich – Licht am Ende des Tunnels
«Ich glaub’ ich träum», Lisa kann es genauso wenig fassen wie Tim und Louis. Während sie im Dunklen tappten, haben sich die Wolken auf der Nordseite komplett verzogen. Blauer Himmel, Pulverschnee. Und unberührte Hänge, so weit das Auge reicht. Jetzt, bei klarer Sicht, ist auch erkennbar, welche Hänge ohne grosses Risiko befahrbar sind. Ein weites Couloir am Gämsenjoch zwischen den Gipfeln Paltinu und Vânătoarea hat der Wind fast freigefegt. Die Neuschneeauflage ist hier nur dünn. Noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang. «Felle aufziehen und hoch», gibt Tim das Signal. Im Nu führt eine Zickzackspur hinauf in eine Märchenwelt aus dick vereisten Felsskulpturen. Ein Stück weiter hängen stalaktitengleich Vorhänge aus monströsen Eiszapfen von überhängenden Felswänden. Langsam senkt sich die Sonne auf den Grat. In weiten Schwüngen ziehen Lisa, Louis und Tim hintereinander hinab zum See. Ein paar Männer dort unten wirken nicht grösser als Ameisen. Sie haben ein Loch ins Eis getrieben und warten mit kalten Füssen, dass die Fische beissen.
Verdammt stürmisch – gefangen in der Hütte
24 Stunden später ist der Spuk vorbei. Der Nebelschleier lüftet sich. Und eine gute Stunde nach dem Start ist der Paltinu-Gipfel (2399 m) erreicht. Eine Bergkette reiht sich an die nächste. Makellos. Weite Hänge wechseln mit engen Rinnen. Keine Spur, so weit das Auge reicht. «Ich sag’s doch, ein Paradies», strahlt Tim. Fast. Denn dann wäre der Schnee vermutlich pulvrig – und nicht sulzig und schwer wie heute. Doch zumindest scheint die Sonne. Und auch ein paar Genussabfahrten entlang des Gipfelkamms sind drin. Die Abendsonne taucht die Bergspitzen bereits in intensives Orange, als Louis, Lisa und Tim die letzten steilen Schwünge hinab zum See und zur Lodge ziehen. Als sie die betreten, ertönt Applaus. Schulterklopfen. Händeschütteln. Verwundert und ziemlich überrumpelt machen die drei das Spiel mit. Dann dämmert es ihnen. Die Cabana Paltinu steht wie eine VIP-Tribüne inmitten der Arena der umliegenden Couloirs. Und natürlich haben die beiden Skitourengruppen aus Deutschland und Frankreich, die heute angekommen sind, durch die grossen Panoramafenster jeden Schwung genau mitverfolgt. Mit von der Partie ist Cosmin Andron, ein rumänischer Bergführer. Er hat in England mit Doktorabschluss studiert, Philosophie und klassische Literatur an der University of London doziert und war Leiter einer Privatschule in China. Als Ceauşescu 1989 gestürzt wurde, war er 13 Jahre alt. «Im Prinzip», sagt er, «ist Rumänien heute ein EU-Land wie viele andere. Aber zumindest auf dem Land und in den Bergen sind wir noch auf dem Stand wie andere Staaten in den 50er-Jahren. Doch gerade diese Zeitreise fasziniert viele Touristen.»
Rumänien – (noch) ein Geheimtipp für Skitourenfans
Leichte Sorgen bereitet Cosmin nur die aktuelle Schneelage. «Solche Bedingungen wie gerade», sagt er, «haben wir normalerweise im Mai und nicht jetzt im Februar.» Immerhin friert es nachts leicht. Und so ist am nächsten Tag endlich der Zeitpunkt für die steilen Nordrinnen gekommen. Schon wieder treibt ein böiger Wind graue Wolkenpakete von Südwesten heran. Für eine Weile sieht es im Aufstieg aus, als könnten die geplanten Abfahrten doch wieder im Whiteout scheitern. Es beginnt zu schneien. Dicke, nasse Flocken klatschen gegen die Scheiben der Skibrillen. «Egal», meinen Tim und Louis, «wir versuchen es.» Und tatsächlich klart es nach einer Gratwanderung zwischen Hoffen und Bangen etwas auf. Firnige Schneebänder schlängeln sich steil zwischen den Felsriegeln der Nordseite des Vânătoarea hinab bis an die Kehren der Transfăgăraşan-Passstrasse. Ein Frühjahrs-Highlight im Hochwinter.
Ganz schön wild – steile Lines durch einsame Couloirs
Das Făgăraş-Gebirge ist ein rund 70 Kilometer langer und 40 Kilometer breiter Gebirgskamm in den Südkarpaten. Er wird von der 90 Kilometer langen Transfăgăraşan-Höhenstrasse durchzogen. Hier stehen auch die höchsten Gipfel der Südkarpaten. Sie erreichen Höhen um die 2500 Meter. Die felsigen Kammlagen wirken sehr hochalpin und sind vor allem nach Norden hin recht steil. Eine geschlossene Schneedecke liegt hier von November bis Mai. In anspruchsvolle Couloirs und Karen kommen auch freeride-orientierte Skifahrer auf ihre Kosten. Aber auch sanftere Hänge ermöglichen genussvolle Touren. Mit Ausnahme der Gondelbahn Bâlea Lac gibt es in der Region keine Liftanlagen. Auch präparierte Pisten existieren nicht. Vor allem im Winter sind die Gebirgszüge sehr einsam und abgelegen. In viele Täler gibt es keine Zufahrtsstrassen. So lässt sich auf Skitouren eine Bergeinsamkeit geniessen, wie sie in den Alpen nur noch in sehr entlegenen Ecken zu finden ist. Da es auch kein Netz von bewirtschafteten Hütten gibt, sind die beiden Berghotels an der Bergstation der Gondelbahn Bâlea Lac ein ideales Basislager. Zeitweilig ist hier auch Heliski möglich.
Die Schneehöhen bewegen sich in der Regel zwischen ein und zwei Metern. Im Winter liegen die Temperaturen im Schnitt zwischen -10 Grad nachts und um die -4 Grad am Tag. Bisweilen starke Winde können im steilen Gelände zu einer hohen Lawinengefahr führen. Es gibt in Bâlea Lac zwar eine Station des nationalen Lawinenwarndienstes, allerdings werden für die Bulletins nur die Daten der Wetterstation verwendet, was die tatsächlichen Verhältnisse im Tourengelände nicht unbedingt widerspiegelt. Ausreichende Erfahrung in der Beurteilung der Lawinenlage und im Verhalten bei Notfällen ist deshalb dringend ratsam. Wer nicht genügend Erfahrung mitbringt, sollte sich auf jeden Fall einem ortskundigen Bergführer anvertrauen. Das ist auch deshalb ratsam, da es keine entsprechende Tourenführer-Literatur für das Făgăraş-Gebirges gibt.
Wer nach Rumänien reist, sollte das nicht nur zum Skitourengehen tun. Es lohnt sich, Kultur, Land und Leute kennenzulernen. Das siebenbürgische Sibiu (Hermannstadt) ist ein idealer Ausgangspunkt.
ANFAHRT
Flug nach Sibiu (Hermannstadt). Weiter per Taxi-Shuttle nach Cascada Bâlea. Mit der Gondelbahn nach Bâlea Lac. Transfers: Carpathian Travel Center, +40 269 211344, carpathian-travel-center.com
Nationale Fluggesellschaft: Tarom, tarom.ro
ALLGEMEINE INFOS
Rumänisches Touristenamt, Tel. +49 30 26 46 22, rumaenien-tourismus.de
Touristen-Informationszentrum Sibiu,turism.sibiu.ro
UNTERKÜNFTE
Berghütte Bâlea Lac, Tel. +40 745 072602, balealac.ro
Cabana Paltinu, Tel. +40 269 211703, balea-turism.ro
BERGFÜHRER
Cosmin Andron,cosmin-andron.com
Adrian Vălean,adventureguide.ro, contact@adventureguide.ro
HELISKI
Die österreichischen Freerider Martin und Bezi Freinademetz organisieren regelmässig Heliski-Wochen in Bâlea Lac und in anderen Bergregionen Rumäniens. Info: heliskiromania.com
KARTEN
Muntii Nostri Wanderkarten Făgăraş 1:75.000 und 1:35.000, MN07, www.muntii-nostri.ro (erhältlich auch in den Buchhandlungen in Sibiu)
BESTE JAHRESZEIT
Beste Schneeverhältnisse im Februar und März, aber auch im April sind Frühlingstouren noch gut möglich.
BEKLEIDUNG / ACCESSOIRES
GoreTex-Jacke, Skitouren- oder Skihose, SoftShell- oder Fleece-Jacke, dünne, winddichte Fingerhandschuhe, warme Finger- oder Fausthandschuhe, Mütze, evtl. Stirnband oder Buff, funktionelle Socken (1 Ersatzpaar), funktionelle Unterwäsche kurz/lang.
Rucksack mit Hüftgurt (30-40 L), Sonnenbrille und Skibrille, Sonnen- und Lippencrème, Sonnenhut oder Kappe, Trinkflasche, mit Vorteil Thermosflasche Taschenmesser, Stirnlampe mit neuer Batterie, Erste-Hilfe-Set, Heftpflaster, Compeed-Blasenpflaster, Alpenvereinsausweis, Fotoapparat, evtl. Feldstecher
Technische Ausrüstung:
Tourenski, Felle, Harscheisen, Skitourenschuhe, Steigeisen, Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), Lawinenschaufel und -sonde, Ski- oder Teleskopstöcke (grosse Teller).
SICHERHEIT
Die Freeride-Touren führen zu grossen Teilen durch ungesichertes alpines und hochalpines Gelände. Entsprechende Tourenerfahrung und Know-How in puncto Einschätzung der Lawinengefahr sind deshalb unbedingt nötig. Im Zweifel einen Guide/Bergführer buchen.
Ein LVS-Gerät und ein Rucksack mit Schaufel und Lawinensonde gehören zur Pflichtausstattung.
Orientierung: Genaues Kartenmaterial ist wichtig – am besten vor der Tour.
Unbedingt jeden Tag vor dem Start die Wetter- und Lawinenlage checken.
Route: Bei schlechter Sicht oder Lawinengefahr sollte auf Abfahrten in unbekanntes Gelände verzichtet werden.
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