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Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski

Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Text: Christian Penning | Fotos: Christian Penning | Datum: 15.11.2016
Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Wilde Berge wie in den Alpen, aber so gut wie menschenleer. Dazu zwei Berghotels und eine Gondelbahn. Bâlea Lac in den rumänischen Südkarpaten ist ein grandioses Basislager für Skitourenabenteuer abseits des Mainstreams – prickelndes Gruseln inklusive.
Bammm!» – Erst ein Krachen, dann ein klirrendes Scheppern. Wie von selbst springt die gerade noch fest verschlossene Tür auf. Durch den menschenleeren Speisesaal der Cabana Paltinu fegt ein kalter Hauch. Ein böser Traum? Szenen aus «Shining» und «Dracula – Schloss des Schreckens» wirbeln durch den Kopf. Oder sind es die Geister von Nicolae Ceaușescu? Der Windstoss lässt die schwach glimmende Glut im Kamin feurig aufflackern.

Normalerweise bedarf es eines ordentlich überspannten Verhältnisses zur Fantasie, um solche Hirngespinste in den Bereich des Möglichen zu rücken. Doch an diesem Abend scheint keine der unheimlichen Varianten ausgeschlossen. Abgelegen genug ist dieses Berghotel auf gut 2000 Metern Höhe jedenfalls. Die aus dem Schnee wachsenden Natursteinfundamente des Baus und die holzvertäfelten Flure erinnern tatsächlich an Stanley Kubricks «Shining». Obendrein steht das Haus im transsilvanischen Teil der Südkarpaten. Und zu guter Letzt diente die einstige «Villa Paltinu» dem «Conducător» als Retreat für die Gämsenjagd. Diktator Nicolae Ceauşescu und seine Gemahlin Elena gönnten sich hier gerne mal eine Auszeit vom Regieren. Dann logierten sie in den Zimmern Nummer 1 und 2. Realität? Illusion? Die Grenzen verschwimmen. Ich stehe auf und schliesse die Tür. Der Sturm, der seit Stunden das Glas der Fenster zittern lässt, hat sie aufgedrückt. Ruhe. Sekunden später ein Knarren im Rücken. Die Flügeltür neben der Bar fliegt auf. Es ist der Ober. «Ein Bier?»
Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Basislager:  Die Berghütten von Bâlea Lac sind ein perfekter und leicht erreichbarer Stützpunkt für Tourengeher.
Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Basislager:  Die Berghütten von Bâlea Lac sind ein perfekter und leicht erreichbarer Stützpunkt für Tourengeher.
«Das Einzige, was einem im Winter hier oben zusetzen kann, ist diese absolute Einsamkeit», sagt die Off-Stimme von Jack Nicolson in «Shining». Einsam kann es im Winter in den Karpaten in der Tat sein. Gut, wenn man den weiteren Abend in Gesellschaft verbringen darf. Ein paar Minuten später sitzen Tim, Lisa und Louis mit am Tisch. «Zum Wohl!» Die drei sind schon ein paar Tage länger hier. Bei kleinen Erkundungstouren haben sie die Gegend um den Bergsee Bâlea Lac ausgekundschaftet. Nun diskutieren wir über eine Landkarte gebeugt die morgige Route.

Auf die Idee einer Tourenwoche in den Südkarpaten war Tim ein Jahr zuvor gekommen, bei einem Fotoshooting im späten Frühjahr. Zum Skifahren lag damals schon zu wenig Schnee. Aber die Grate und Couloirs, die sich in einem grossen U um den See ziehen, liessen ihn nicht los. «Das sind hier Hänge wie in den Hochlagen am Arlberg», schwärmt er. Die Gipfel rund um den Lacul Bâlea sind die höchsten der Südkarpaten. Bis gut 2500 Meter ragt der Hauptkamm auf. Er trennt die Provinzen Transsilvanien und die Walachei. Făgăraş nennen die Einheimischen den Gebirgszug. Im Gegensatz zu den Waldbergen der West-, Nord- und Ostkarpaten sind die Gipfelregionen hier felsig und steil, vor allem die Nordseiten. Trotz der imposanten Berge ist Tim mit der Tourenausbeute der vergangenen Tage nicht zufrieden. Lisa und Louis nicken leicht genervt. «Das Wetter! Sturm, Whiteout, zwischendurch ein paar Wolkenlücken ...» Wie eine Mauer trennt der Hauptkamm kontinentale Kaltluft im Norden von milder Schwarzmeerluft im Süden. Bisweilen eine Hexenküche mit schwer vorhersagbaren Wetterkapriolen. Jetzt, im Februar 2016, hat der Südwind die Oberhand. Er ist ähnlich unkalkulierbar wie der Föhn in den Alpen.

Deutscher Ostblock-Charme: Lidl, Siemens und schäbige Geldwechselbuden

So, wie schon vor zwei Tagen: Heftige Windböen schaukeln die kleine Passagiermaschine beim Landeanflug auf Sibiu heftig durch und knallen sie unsanft auf die Landebahn. Mit flauem Magen stakse ich die Gangway hinab, die weissen Karpatengipfel zum Greifen nah. Es ist mild. Wie an einem Vorfrühlingstag im Alpenvorland. Eine Viertelstunde später chauffiert mich Marius samt Skisack und Rucksack im Taxi-Van durch die Aussenbezirke von Hermannstadt. Einkaufszentren. Supermärkte. Lidl, dm, Kaufland – das also ist der angeblich so rückständige, korrupte und kriminelle Osten Europas. Naja, die Zeiten ändern sich schnell, Vorurteile wohl nur langsam.

2007 war Hermannstadt, wie Sibiu auf Deutsch heisst, zusammen mit Luxemburg Europas Kulturhauptstadt. 1150 wurde sie von deutschen Siedlern gegründet. Überhaupt wirkt Sibiu auch jetzt ziemlich deutsch. Seit dem EU-Beitritt hat sich Hermannstadt zu einem Zentrum deutscher Automobilzulieferer entwickelt. Continental produziert und entwickelt hier. Ebenso Thyssen-Krupp. Auch Siemens ist mit drei Werken vor Ort. Die Arbeitslosenquote bewegt sich auf dem Niveau von Zürich. Gut, ein paar Gepflogenheiten wirken dann doch etwas schräg. «Geld wechseln?», fragt Marius auf Deutsch. Ich nicke. Ein paar Strassenblöcke weiter hält er vor einem schäbigen Gebäude. Es wirkt wie eine Melange aus heruntergekommener Pommes-Bude und billigem Stripclub. Der Titel der Neonreklame «Exchange non stop» ist seriöser, als der Schriftzug optisch wirkt. «Hier?» Marius nickt. Hinter einem kleinen, offenen Fenster sitzt eine Kassiererin, vollbusig, tiefer Ausschnitt in der Bluse. Mit einem dicken Bündel rumänischer Leu springe ich zurück ins Taxi. Ab in die Berge!

«Ich war früher selbst oft in den Karpaten, aber jetzt, du weisst schon, ... die Arbeit ...!», schwadroniert Marius in tadellosem Deutsch. Die Fahrt führt vorbei am Städtchen Avrig. Gestrichene Fassaden, gefegte Bürgersteige, wie eine Schweizer Kleinstadt. Der deutschstämmige Bürgermeister Arnold Klingeis will sie bis 2020 zum Vorreiter für die Nutzung erneuerbarer Energien machen. 2030 soll Avrig vollkommen unabhängig von Öl und Erdgas sein und von den innovativen Umwelttechnologien leben können. Siebenbürgen ist eine Region im Aufbruch. Rumänien – ein Land zwischen Ochsenkarren und Hightech. «Auch der Tourismus hilft uns voranzukommen», erklärt Marius. «Schliesslich zählen die Karpaten zu den ursprünglichsten Naturlandschaften Europas.» Urig sind auch noch die Dörfer, wie Scoreiu oder Cartisoara, die am Taxifenster vorbeihuschen: Frauen und Männer in historischen Trachten plauschen am Rande ungeteerter Strassen, welche durch geduckte Häuschen mit einer Patina aus Staub führen.
Gratwanderung: Luftiger Zustieg zu den Couloirs am Vânătoarea.
Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Gratwanderung: Luftiger Zustieg zu den Couloirs am Vânătoarea.
Frühling im Februar: Statt zwei Meter Pulverschnee Firn auf den Nordseiten.
Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Frühling im Februar: Statt zwei Meter Pulverschnee Firn auf den Nordseiten.
Frühling im Februar: Statt zwei Meter Pulverschnee Firn auf den Nordseiten.
Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Frühling im Februar: Statt zwei Meter Pulverschnee Firn auf den Nordseiten.

Ganz schön windig – Abenteuer in der Gondel

Nach etwa eineinhalb Stunden stellt Marius am Ende der Strasse in einem engen Bergtal den Motor ab. «Umsteigen, bitte!» Weiter geht es per Seilbahn. Auf knapp vier Kilometern Länge überwindet sie 800 Höhenmeter hinauf zum Bâlea-See. «Perfekter Lift in unser Basislager oben auf der Hütte», hat Tim per Handy-Nachricht durchgegeben. Der einzige kleine Haken: das Baujahr – 1975. Seitdem hat sich technisch an der Bahn nichts geändert. Mit zusammengekniffenen Augen starrt der Liftmann in die grauen Wolken, die der Sturm das Tal hinabtreibt. Abwägend legt er den Kopf mal auf die eine, dann auf die andere Seite. Dann winkt er. «Schnell, einsteigen.» Eine Viertelstunde später hängt die rote Gondel im romantischen Spielzeug-Look immer noch in der Talstation. «Viel Wind», deutet er mit einer wirbelnden Handbewegung an. «Aussteigen.» Eine halbe Stunde vergeht. Zeit, um intensiv die Wintermode der anderen Passagiere zu studieren. Uschankas, die russischen Fellmützen, scheinen absolut hip, kombiniert mit 80er-Jahre-Zweiteilern, Lederhalbschuhen oder Ugg-Boot-Kopien. Dafür hat der Seilbahnfahrer keinen Blick. Er fixiert die zweite Stütze. Nach einer weiteren halben Stunde schickt er einen Kollegen vor. Testfahrt. Das Gepäck bleibt in der Gondel. Als Ballast. Ein Windmesser existiert auf Stütze zwei nicht. An die 30 Minuten baumelt die Gondel kurz vor der Stütze. Mal ein paar Meter vor, mal ein paar Meter zurück. Dann kehrt der Kollege zur Talstation zurück. Er schüttelt den Kopf. «Zu viel Wind.» Warten. Unser Liftboy steckt sich eine Zigarette an. Noch eine und noch eine ..., immer wieder suchen seine Augen Stütze zwei. Nach einer gefühlten Ewigkeit bittet er schliesslich doch in sein im wahrsten Sinne windiges Gefährt.

Es geht bergan – doch mit einem Ruck stoppt die Gondel. «Oh my good, I’m so scared!», quiekt eine Engländerin mit knallroten Lippen und dicker Schminke im Gesicht. Mit ihrem Begleiter will sie im Eishotel oben am See die Nacht verbringen. Die Gondel schaukelt. Kurz vor Stütze zwei. Dann wird es ruhiger. Langsam geht die Fahrt weiter. Puhh! Vor Stütze drei nochmals das gleiche Spiel. Draussen beginnt es zu dämmern. Nach fast einer Stunde «stop and go» ist die Bergstation erreicht. Skipisten gibt es rund um den Bâlea-See keine. Dafür aber grenzenlose Tourenmöglichkeiten. Beim Nachtessen schwärmen Louis, Lisa und Tim von den Routen und Lines, die sie rund um die Nachbargipfel Paltinu, Negoiu und Vânătoarea gesichtet haben.

Am nächsten Morgen hat sich der Sturm gelegt. Tim und Lisa spuren hinauf zum Paltinu-Grat. Da schiebt sich die nächste Wolkenbank über die Bergschulter. Ein kleines Schneebrett löst sich. Solange die Sicht nicht wirklich gut ist und Schneeaufbau und -struktur nicht klar zu erkennen sind, sind die steilen Nordhänge zu heikel. Rückzug! Zurück zur Hütte. Lageanalyse.
Nichts für schwache Nerven: die Gondelfahrt bei Sturm – ein aufregendes Abenteuer.
Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Nichts für schwache Nerven: die Gondelfahrt bei Sturm – ein aufregendes Abenteuer.
Tourenterrain so weit das Auge reicht. In den Südkarpaten hat man die Berge nicht selten für sich ganz alleine.
Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Tourenterrain so weit das Auge reicht. In den Südkarpaten hat man die Berge nicht selten für sich ganz alleine.

Endlich glücklich – Licht am Ende des Tunnels

«Wie wäre es mit einem Versuch auf der Südseite der Bergkette?», schlägt Tim vor. Dorthin gelangt man aber nur über genau jene Nordhänge. Oder ...? – Ein Glück, es gibt einen Trick. Ein «Schleichweg» führt durch den Bâlea-Tunnel. Schlangenartige Serpentinen lassen sich unter der Schneedecke erahnen. Sie ziehen sich durch das Tal nach Bâlea Lac hinauf – die Kurven der Passstrasse Transfăgăraşan. Sie verbindet Transsilvanien mit der Walachei. Im Sommer herrscht hier Trubel wie am Grossen Sankt Bernhard oder am Stilfser Joch. In den Siebzigerjahren war die Nord-Süd-Traverse eines der ganz grossen Projekte von Diktator Ceauşescu. Die Statistik liest sich wie ein Kriegstagebuch: offiziell 40 Todesopfer, 240 Verletzte, 6000 Tonnen Dynamit, Länge: über 90 Kilometer. Von den Karpaten bis zum Schwarzen Meer überwindet sie 2042 Höhenmeter durch wilde Berglandschaften. Zeitzeugen sprechen sogar von 400 Toten. Wie auch immer, heute zählt die Route zu den schönsten Passstrassen Europas. Sportwagenfirmen wie Porsche nutzen sie als Teststrecke. Auf Höhe der Cabana Paltinu durchbohrt die im Winter gesperrte Transfăgăraşan im 900 Meter langen Bâlea-Tun-nel die Transsilvanischen Alpen, wie die Südkarpaten auch genannt werden. Mit jedem hallenden Schritt durch die Röhre wächst die Hoffnung auf bessere Verhältnisse auf der Südseite. Es ist hell am Ende des Tunnels. Doch schliesslich ist es nur ein blendendes, konturloses Weiss – Nebel, Whiteout, Enttäuschung. Zurück!

«Ich glaub’ ich träum», Lisa kann es genauso wenig fassen wie Tim und Louis. Während sie im Dunklen tappten, haben sich die Wolken auf der Nordseite komplett verzogen. Blauer Himmel, Pulverschnee. Und unberührte Hänge, so weit das Auge reicht. Jetzt, bei klarer Sicht, ist auch erkennbar, welche Hänge ohne grosses Risiko befahrbar sind. Ein weites Couloir am Gämsenjoch zwischen den Gipfeln Paltinu und Vânătoarea hat der Wind fast freigefegt. Die Neuschneeauflage ist hier nur dünn. Noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang. «Felle aufziehen und hoch», gibt Tim das Signal. Im Nu führt eine Zickzackspur hinauf in eine Märchenwelt aus dick vereisten Felsskulpturen. Ein Stück weiter hängen stalaktitengleich Vorhänge aus monströsen Eiszapfen von überhängenden Felswänden. Langsam senkt sich die Sonne auf den Grat. In weiten Schwüngen ziehen Lisa, Louis und Tim hintereinander hinab zum See. Ein paar Männer dort unten wirken nicht grösser als Ameisen. Sie haben ein Loch ins Eis getrieben und warten mit kalten Füssen, dass die Fische beissen.

Verdammt stürmisch – gefangen in der Hütte

Lisa wärmt ihre Zehen lieber am offenen Kamin im Salon der Cabana Paltinu. «Wenn sich der Schnee noch etwas setzt, ist morgen die erste grosse Runde drin», hofft sie. In der Tat, der Schnee hat Lisas Wunsch am nächsten Tag erhört. Doch vor die Tür zu gehen, daran will keiner denken. Draussen sieht man die Hand vor dem Gesicht nicht. Windböen mit über 100 Kilometern pro Stunde lassen das Gebälk der Herberge ächzen – der Wind peitscht Regentropfen horizontal gegen die Fenster. Obwohl in einem Bergkessel gelegen, sind Stürme hier oben keine Seltenheit. 1974, gerade mal zwei Jahre nach der Fertigstellung der Villa Paltinu, flog das Dach von Ceauşescus Jagdresidenz weg und landete im See. Seitdem ist es mit einer zusätzlichen Balkenkonstruktion fest mit dem Mauerwerk verbunden. Entsprechende Vorsicht erfordert die Beurteilung der Lawinenlage.

24 Stunden später ist der Spuk vorbei. Der Nebelschleier lüftet sich. Und eine gute Stunde nach dem Start ist der Paltinu-Gipfel (2399 m) erreicht. Eine Bergkette reiht sich an die nächste. Makellos. Weite Hänge wechseln mit engen Rinnen. Keine Spur, so weit das Auge reicht. «Ich sag’s doch, ein Paradies», strahlt Tim. Fast. Denn dann wäre der Schnee vermutlich pulvrig – und nicht sulzig und schwer wie heute. Doch zumindest scheint die Sonne. Und auch ein paar Genussabfahrten entlang des Gipfelkamms sind drin. Die Abendsonne taucht die Bergspitzen bereits in intensives Orange, als Louis, Lisa und Tim die letzten steilen Schwünge hinab zum See und zur Lodge ziehen. Als sie die betreten, ertönt Applaus. Schulterklopfen. Händeschütteln. Verwundert und ziemlich überrumpelt machen die drei das Spiel mit. Dann dämmert es ihnen. Die Cabana Paltinu steht wie eine VIP-Tribüne inmitten der Arena der umliegenden Couloirs. Und natürlich haben die beiden Skitourengruppen aus Deutschland und Frankreich, die heute angekommen sind, durch die grossen Panoramafenster jeden Schwung genau mitverfolgt. Mit von der Partie ist Cosmin Andron, ein rumänischer Bergführer. Er hat in England mit Doktorabschluss studiert, Philosophie und klassische Literatur an der University of London doziert und war Leiter einer Privatschule in China. Als Ceauşescu 1989 gestürzt wurde, war er 13 Jahre alt. «Im Prinzip», sagt er, «ist Rumänien heute ein EU-Land wie viele andere. Aber zumindest auf dem Land und in den Bergen sind wir noch auf dem Stand wie andere Staaten in den 50er-Jahren. Doch gerade diese Zeitreise fasziniert viele Touristen.»
Fast Food auf Rumänisch: Strassenstände mit Schafskäse auf dem Weg in die Berge.
Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Fast Food auf Rumänisch: Strassenstände mit Schafskäse auf dem Weg in die Berge.
Seitenwechsel: Durch den Tunnel auf die Südseite des Paltinu.
Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Seitenwechsel: Durch den Tunnel auf die Südseite des Paltinu.

Rumänien – (noch) ein Geheimtipp für Skitourenfans

Als Bergführer war Cosmin schon viele Male in den Alpen, im Himalaya und in Afrika unterwegs. «Gemessen an den Höhenmetern sind unsere Berge kleiner», gesteht er. «Aber nicht, was den Abenteuerfaktor betrifft. Massentourismus ist hier noch ein Fremdwort. Du kannst tagelang durch die Berge touren, ohne eine Menschenseele zu treffen. Auch gibt es weder perfekt ausgeschilderte Wege noch ein lückenloses Netz an Berghütten, Strassen und Wegen. Wenn eine Schlechtwetterfront aufzieht, fühlst du dich hier auf 2500 Metern wie in den Alpen auf 4000 Metern.» Gleichzeitig bieten die Flanken der Făgăraş-Berge hochkarätige Abfahrten. «In den vergangenen Jahren war am Paltinu sogar ein paar Mal die Freeride World Tour mit Qualifier-Rennen zu Gast», erzählt Cosmin. Für ihn ist Bâlea Lac zweifellos die Region mit dem skifahrerisch grössten Potenzial in Rumänien. Skifahren war in Transsilvanien schon Ende des 19. Jahrhunderts ein beliebter Zeitvertreib in den Skiclubs des Österreichisch-Ungarischen Kaiserreiches. «Wir Rumänen haben ein Herz für Outdoor-Sport», plaudert Cosmin bei einem Bier. «Aber wir haben den Übergang von den staatlich unterstützten Vereinen zum privat organisierten Sport noch nicht ganz geschafft. Langsam jedoch wächst auch hierzulande die Zahl der Skitourengeher.»

Leichte Sorgen bereitet Cosmin nur die aktuelle Schneelage. «Solche Bedingungen wie gerade», sagt er, «haben wir normalerweise im Mai und nicht jetzt im Februar.» Immerhin friert es nachts leicht. Und so ist am nächsten Tag endlich der Zeitpunkt für die steilen Nordrinnen gekommen. Schon wieder treibt ein böiger Wind graue Wolkenpakete von Südwesten heran. Für eine Weile sieht es im Aufstieg aus, als könnten die geplanten Abfahrten doch wieder im Whiteout scheitern. Es beginnt zu schneien. Dicke, nasse Flocken klatschen gegen die Scheiben der Skibrillen. «Egal», meinen Tim und Louis, «wir versuchen es.» Und tatsächlich klart es nach einer Gratwanderung zwischen Hoffen und Bangen etwas auf. Firnige Schneebänder schlängeln sich steil zwischen den Felsriegeln der Nordseite des Vânătoarea hinab bis an die Kehren der Transfăgăraşan-Passstrasse. Ein Frühjahrs-Highlight im Hochwinter.
Wie in den Alpen: Aussicht vom Gipfel des Paltinu.
Wenn Dracula faucht – Transilvanien Zeitreise auf Tourenski
Wie in den Alpen: Aussicht vom Gipfel des Paltinu.

Ganz schön wild – steile Lines durch einsame Couloirs

«Wow, schöne Lines seid ihr gefahren», bemerkt Cosmin beim Abendessen anerkennend. «Ihr müsst wiederkommen, wenn es hier richtig Winter ist.» Mit Schneehöhen von bis zu zwei Metern bieten die Făgăraş-Berge in der Regel die besten Skibedingungen in Rumänien. «Aber auch das westlich gelegene Retezat-Gebirge und das zahmere Rodnaer-Gebirge im Norden bieten grossartige Wintererlebnisse in beeindruckend entlegenen Landstrichen», erzählt Cosmin. Doch solche Pläne bleiben Zukunftsmusik. Am nächsten Morgen hat der Föhnsturm wieder zugelegt. Teil zwei des Gondel-Albtraums beginnt. Wie ein fauchender Graf Dracula fegt der Wind über die Grate. Es dauert Stunden, bis er eine Atempause einlegt und die Talfahrt erlaubt. Später, beim Bummel durch die barocke Altstadt von Sibiu, bleibt Louis plötzlich stehen. «Ein bisschen gruselig waren die Tourenbedingungen schon», meint er. «Aber das kann’s doch nicht gewesen sein!» Er schüttelt den Kopf, als könnte er nicht glauben, dass dieses Abenteuer schon zu Ende ist. Die Rahmenbedingungen für grossartige Tourenprojekte sind einfach zu gut. «Wir  kommen  wieder», sagt er bestimmt und betont jedes einzelne Wort. Und Tim stimmt drohend ein: «Dann dreh’ ich Dracula die Luft ab!» Cosmin würde bei solchen Sprüchen vermutlich die Augen verdrehen. «Transsilvanien bietet mehr als nur Graf Dracula», hat er immer wieder gesagt. Recht hat er. Viel mehr!
Indoor-Skitouren: Der Zugang zum Bâlea-Tunnel.
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Indoor-Skitouren: Der Zugang zum Bâlea-Tunnel.