5. September, Tag 16,
622 Kilometer
622 Kilometer
16 Tage zuvor: In der sibirischen Metropole Irkutsk am Baikalsee beginnt für den deutschen Abenteurer Richard die grosse Reise. Sein Ziel: den Sajan, das Tannu-ola-Gebirge und den Altai auf direktem Wege zu durchqueren. Mehr als 2100 Kilometer, gut 300 davon paddelnd mit dem leichten Boot. An einer der Fischbuden am Südwestufer des Baikalsees kauft er frisch geräucherten Baikal-Omul. Danach zieht die Strasse in Richtung Westen. Kilometer für Kilometer entfernt er sich von der Zivilisation. Sozialistische Plattenbauten weichen sibirischen Holzhäuschen, der Asphalt irgendwann den Schotterpisten. Zwischen 50 und 60 Kilometer pro Tag radelt der 34-jährige Berliner durch das Tunka-Tal. Mal bei Regen und fünf Grad, mal bei spätsommerlichen 25 Grad. Auf einem alten, klapprigen Mountainbike, das er acht Jahre zuvor für nicht einmal 80 Franken auf einem mongolischen Basar erstanden hatte. Im Norden heben sich die Gipfel des Ostsajans. Die Route führt am Fluss Irkut entlang durch lichte Lärchenwälder und über karges Weideland. Immer wieder entdeckt er kleine buddhistische Schreine und heilige Plätze, an denen die Reisenden kleine Opfergaben ablegen. Ähnlich wie in der nahen Mongolei kombinieren die Burjaten Buddhismus und Schamanismus. Einatmen, innehalten, eintauchen in den Rhythmus der Natur – in die absolute Freiheit.
Nicht ganz. Die russische Grenze zur Mongolei ist militärisches Sicherheitsgebiet. Ausländer benötigen für den Aufenthalt in der Grenzregion eine Genehmigung des russischen Geheimdienstes FSB. Richard hatte das Permit zwar noch rechtzeitig vor seinem Abflug in Berlin beantragt, aber keine Bestätigung erhalten, ob es je genehmigt wurde. Im Grenzort Mondy passiert er ziemlich nervös den Kontrollposten. Die freundliche Grenzerin winkt ihn durch – ohne Permit. Den nächsten kleinen Tempel umrundet Richard in buddhistischer Tradition dankbar im Uhrzeigersinn.
Einsamkeit ertragen
419 km, Dauerregen, 8 °C
Wie kommt man auf die Idee, Sibirien allein zu durchqueren? 2001 hatte Richard mit seinem Velo die Ostsee umrundet und dabei festgestellt, dass er irgendwie ganz gern alleine unterwegs ist. Dass er die Einsamkeit ertragen kann. Und dass die Menschen, denen er begegnet, viel herzlicher und aufgeschlossener sind, wenn er solo reist. Den studierten Meteorologen und Geografen zieht die Weite Sibiriens schier magisch an. Ihre Wildnis nährt Richards Wunsch, «noch etwas selbst erkunden zu können, die weissen Flecken auf der persönlichen Landkarte im Kopf zu schliessen.» Seine Touren recherchiert er im Internet. Meist findet er nicht viel mehr als ein paar dürftige Einträge in Foren, meist auf russisch. Hier ein kurzer Reisebericht, dort ein paar Fotos. Die Strecke legt Richard anhand alter sowjetischer Militärkarten und der Recherche auf Google Earth fest – samt Alternativen für den Fall, dass es gar kein Weiterkommen gibt.
Wildwasser und Wodka
663 km, wolkig, 17 °C
313 Kilometer und 13 Tage verbringt Richard auf dem Izig-Sug und dem Hamsara, er paddelt, lässt sich treiben und quält sich bei Gegenwind über zwei grosse Seen. Und immer wieder stellt er fest, dass die Wildnis gar nicht so einsam ist: Er trifft den Jäger Sergej, der in einer kleinen Hütte am Ufer des zweiten Sees auf den Winter wartet, um dann vier Monate alleine zu jagen. Oder später auf die Jäger Viktor und Yuri. Sie laden ihn ein zu frisch gefangenem Fisch, spanischen Oliven und natürlich ein paar Gläschen Wodka. Am Lagerfeuer diskutieren sie über den Konflikt in der Ukraine. Manchmal übernachtet Richard in kleinen Jagdhütten, meist aber im Zelt. Stromschnellen im Nebel umschifft er «rein nach Gehör». Einmal stoppt er gerade noch rechtzeitig vor einem sechs Meter tiefen Wasserfall – und findet am Ufer einen perfekten Lagerplatz. Ins Tagebuch notiert er: «10.9., Tag 21: Klarer Abendhimmel, -4 °C, tosender Wasserfall, einsame Taiga, das Zelt am Abgrund und über allem der Vollmond … Dafür reise ich, dafür lebe ich!»
Am nächsten Morgen ballt der Winter zum ersten Mal seine sibirische Faust. Der Fluss dampft. Schneeflocken, gross wie Toastbrote, flatschen auf das Boot. Im Trockenanzug lässt es sich gerade noch so aushalten. Im kleinen Dorf Chasylar, das von der Aussenwelt komplett abgeschnitten am Fluss liegt, trifft er auf die ersten Tuwiner. Etwas zu kaufen gibt es in dem Dörfchen nicht. Stattdessen schenkt man ihm selbst gebackenes Brot – was für ein Luxusgut in der Wildnis.
Zwischenstopp in der Zivilisation
Eiskalter Endgegner Altai
Tags darauf ist es mit dieser herrlichen Stimmung dahin. Im Schneesturm verpasst Richard den Abzweig, erst Stunden später ist er wieder auf der richtigen Route. Seit einer Flussdurchquerung ist die Hinterradnabe festgefroren. Hilft nur noch schieben. Der Wind dröhnt, als würde ein ganzer Chor Mongolen seinen rauen Kehlkopfgesang anstimmen. Oder dreht er langsam durch? Am Gebirgssee Khindiktig auf 2380 Meter über dem Meer schlägt Richard sein Zelt auf. Im Schlafsack notiert er: «Eigentlich ist es Wahnsinn weiterzugehen, ein Wettlauf gegen die Zeit, gegen jeden Zentimeter Schnee, der täglich hinzukommt … Schon jetzt ist das Vorankommen eine üble Plackerei, durch 10 – 20 cm jungfräulichen Schnee muss ich mir meinen Weg selber spuren.» Zum ersten Mal seit er gestartet ist, verlassen Richard Löwenherz Mut und Zuversicht. Er hat ernsthafte Bedenken.
Jenseits des Sees liegt zum Glück weniger Schnee. Richard kommt besser voran, marschiert aber nach wie vor zu Fuss. Die Kälte ist ein ausdauernder Gegner: Bei klaren -20 °C bläst nachts der Wind durchs Zelt. Er liegt auf einer dünnen Billig-Isoliermatte. Seine Füsse stecken tagsüber in zwei Paar Socken, durch Gefriertüten getrennt, um zu verhindern, dass der Schweiss die Schuhe vereist. Am Morgen des vierten Tages begegnet Richard einem Geländewagen, an dessen Fahrspuren er sich fortan orientieren kann. Die Zuversicht ist zurück. Das freundliche Angebot der Männer, jetzt einfach einzusteigen, ist verlockend. Doch Richard lehnt ab. Er will seinen Weg unbedingt aus eigener Kraft schaffen. Seit fünf Tagen kämpft er sich zu Fuss durch das Altai-Gebirge, als er den höchsten Punkt seiner Reise, den Buguzun-Pass, auf 2600 Metern passiert. Endlich geht es abwärts. Durch tiefe Furchen im Schnee und viele halb gefrorene Eisfurten. Auf die Zähne beissen, Schuhe ausziehen, die unbedingt trocken bleiben müssen … und durch. Oft bricht er barfuss durchs dünne Eis.
Der pure Wille
«Die letzte Passhöhe ist geschafft, vor mir im Tal sehe ich die Lichter von Kosh-Agach. Nur noch 17 km, dann bin ich durch! Erleichterung, Erschöpfung, Erfüllung … Zwei Monate war ich getrieben von dem festen Wunsch, bis hierhin zu gehen. Es ist ein überwältigendes Gefühl, dieses selbst gesteckte Ziel trotz aller Schwierigkeiten erreicht zu haben. Jetzt zieht es mich nur noch auf direktem Wege nach Hause.»
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