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Sprachbarrieren – Wandern im Wallis

Hochgefühl – Am Meidpass liegt das Turtmanntal zu Füssen mit einem Prachtblick zum Brunegg-, Bis- und Weisshorn.
Foto: Iris Kürschner
Sprachbarrieren – Wandern im Wallis
Text: Iris Kürschner | Fotos: Iris Kürschner | Datum: 24.06.2020
Sprachbarrieren – Wandern im Wallis
Eine Grenztour par excellence: Entlang der Walliser Sprachgrenze führt ein einsamer Trek zum höchsten Wanderberg der Alpen und ins tiefste Tal der Schweiz. Auf einer Variante der Röstigraben-Route durch die Walliser Alpen.
Auf der anderen Seite des Wildbachs, der im dunklen Illloch entsprang, sich tief in den Waldboden eingefressen hatte und bei Unwettern Tonnen von Schlamm und Gestein ins Tal donnern liess, lag der weite und verrufene Pfynwald, den wir nicht betreten durften. Eine weite und sehr gefährliche Wildnis sei dort, sagten die Erwachsenen», beschreibt der Historiker Wilfried Meichtry eine seiner Kindheitserinnerungen. Der Abgrund des Illgrabens bedeutete für ihn damals das Ende der Welt. «Es ist dies wohl der schauerlichste Krachen der Alpen, ein Werk fortwährender Zerstörung. Kein Halm, kein Baum vermochte im ganzen weiten Illgraben Wurzel zu fassen», schrieb schon Ferdinand Otto Wolf 1886 seinen Blick vom Illhorn. Im Geographischen Lexikon der Schweiz von 1902 wird das Illhorn mit einer Höhe von 2724 Metern angegeben, die aktuelle Landkarte zeigt acht Meter weniger an. Ein Messfehler oder die Macht der Erosion?

Dieter und ich stehen am Bahnhof von Leuk-Susten und schauen zum Illhorn hinauf. Welche Kraft an diesem Berg wüten kann, davon zeugt ein 4,8 Tonnen schwerer Brocken aus grünem Quarzit, den man am Bahnhof zu Demonstrationszwecken liegen liess. Dieters Blick verrät Bände über unser Vorhaben, den Illgraben zu durchsteigen. Der schroffe, tiefe Graben liegt genau auf dem «Röstigraben», der die deutsch- französische Sprachgrenze der Schweiz markiert. Dabei hat sich die Erosion als Künstlerin bewiesen und eine ergreifende Landschaft freigelegt. Doch so schön das Gebiet auch ist, der Blick zum Illhorn lässt eine Monsteretappe erahnen. Und der harte Einstieg passt zu unserem Vier-Tages-Trek, der uns zum 3610 Meter hohen Barrhorn führen soll. Nirgends in den Alpen steigt ein Wanderweg höher hinauf. Enden wollen wir im tiefsten Tal der Schweiz. Dabei wird uns die Wanderung durch alle Klimastufen führen: vom Mediterranen bis zur Eisregion. Und auch die Unterkünfte könnten nicht unterschiedlicher sein: von der Belle Époque bis zur Moderne.
Röschtigräberei – Die Bhutanbrücke über den Illgraben verbindet das welsche mit dem deutschsprachigen Wallis.
Foto: Iris Kürschner
Sprachbarrieren – Wandern im Wallis
Röschtigräberei – Die Bhutanbrücke über den Illgraben verbindet das welsche mit dem deutschsprachigen Wallis.
Sprachbarrieren – Wandern im Wallis

Der schauerlichste Krachen der Alpen

Schnell haben wir das Dorf Susten hinter uns gelassen und dringen in den Pfynwald ein, durch den der Illgraben eine markante Kerbe schneidet. Mit einer Fläche von zehn Quadratkilometern gilt er als grösster Erosionstrichter der Schweiz. Die Abtragung des weichen Dolomits zwischen Illhorn und Gorbetschgrat gibt an die 1500 Meter hohe Wände frei. Rutschbahn für Murabgänge, in der auch der westliche Arm des Illbaches entspringt. Klein und unscheinbar, verwandelt dieser sich nach Regenfällen in eine regelrechte Schlammlawine, weil er so viel Geschiebe mitnimmt. Seine wilden Ausbrüche schufen einen gewaltigen Schwemmkegel. Heute vereinen sich dort Kulturland, Wohngebiet und geschützter Wald – der Bois de Finges, zu Deutsch Pfynwald. Finges bzw. Pfyn geht auf eine von den Römern erbaute Überlandstrasse zurück, die diese ad fines – an der Grenze – nannten. Nomen est omen, der Kegel liegt mitten auf der Sprachgrenze und wirkte schon in grauer Vorzeit als Pufferzone zwischen den Volksstämmen. Wilde Geschichten kursieren über Räuber und Banditen, die im Pfynwald ihr Unwesen trieben. Im 20. Jahrhundert war der Wald Rückzugsort für schrille Typen, romantische Träumer und entrückte Aussteiger. Es duftet herrlich zwischen den Föhren, die ihre Baumkronen dachartig ausbreiten und an Spanien erinnern. Das trockene, milde Klima zieht viele mediterrane Spezies an und macht den Pfynwald zu einem Hotspot in Sachen Biodiversität für über 130 verschiedene Brutvögel, rund 20 Arten von Wildbienen, mehr als zwei Dutzend Libellenarten, über 500 verschiedene Pflanzen. Der Pfynwald bildet das Herz des Naturparks Pfyn-Finges, der bis in die alpine Etage links- und rechtsseitig der Rhone reicht. So auch ins Turtmanntal bis zum 4151 Meter hohen Bishorn.

Symbolträchtig wechseln wir die Sprachgrenze. Tibetische Gebetsfahnen flattern am Geländer einer 134 Meter langen Hängebrücke, die den Illgraben überspannt. Die Bhutanbrücke verbindet nicht nur das französische Unterwallis mit dem deutschsprachigen Oberwallis, mit ihr will man auch die Verbundenheit unterschiedlicher Kulturen ausdrücken. Tatsächlich könnte man sich im Himalaya wähnen. Aus Sicherheitsgründen wurde der direkte Wanderpfad durch den Graben des Illbaches gesperrt und eine Route über die Meschler Alp ausgeschildert. Die Spuren verraten, dass sie nach wie vor genutzt werden. Wir kommen schnell weiter, doch oben am Illhorn spüren wir die 2000 Höhenmeter. Und wir sind noch nicht einmal am Ziel! Wir könnten natürlich in der näheren Cabane Illhorn oder der Cabane Bella Tola übernachten, aber das Berghotel Weisshorn versprüht einen ganz besonderen Esprit.
«Vom Mediterranen bis zur Eisregion: eine Wanderung durch alle Klimastufen.»

Als wir hoch über dem Val d‘Anniviers unserem Belle-Époque-Stützpunkt entgegenschreiten, glänzen die Walliser Viertausender am Horizont und selbst der Mont Blanc wirkt ganz nah. Das Berghotel thront einsam über der Waldgrenze. Ein klobiger Bau, der nicht unbedingt ein «Bijou» erahnen lässt. Doch innen empfängt uns ein nostalgisches Ambiente, als sei mehr als ein Jahrhundert nicht vergangen. «Salle à manger» steht in verblichenen Buchstaben über dem Eingang der Gaststube. Auf der anderen Gangseite befindet sich das «Fumoir», in dem heute nicht mehr geraucht wird, sowie der Salon mit Chaiselongue und Ohrensessel. Das Hôtel des Anglais, wie man es damals auch nannte, wurde im englischen Stil geführt. Heute ist die Abendgarderobe zum Nachtessen zwar keine Pflicht mehr, aber angesichts der verglasten Veranda und den Köstlichkeiten möchte man sich intuitiv etwas Stilvolles anziehen. Von hier schweift unser Blick hinunter ins Rhonetal zu den Rebhängen von Sierre und den vergletscherten Massiven von Diablerets und Wildhorn. Das ganze Material musste anno 1882 mühsam, und soweit es ging, mithilfe von Lasttieren heraufgebracht werden. Allein der Transport eines Klaviers benötigte sechs Mann und zwei Tage. Illustre Gäste kamen für die reine, gesunde Luft, die prächtigen Sonnenuntergänge und die vielfältige Botanik der Umgebung.
Seeperlen. Bevor man den Gebirgspass Pas de l'Illsee überquert, lädt der blau schimmernde Wäschtsee auf 2419 Metern Höhe zu einer kurzen Verschnaufpause ein.
Foto: Iris Kürschner
Sprachbarrieren – Wandern im Wallis
Seeperlen. Bevor man den Gebirgspass Pas de l'Illsee überquert, lädt der blau schimmernde Wäschtsee auf 2419 Metern Höhe zu einer kurzen Verschnaufpause ein.
Sensationell – Der Sonnenaufgang an der Topalihütte mit dem Dom als Hauptakteur im Gipfelband.
Foto: Iris Kürschner
Sprachbarrieren – Wandern im Wallis
Sensationell – Der Sonnenaufgang an der Topalihütte mit dem Dom als Hauptakteur im Gipfelband.
Hochspannung – Auf dem Steinmannliweg zur Turtmannhütte kommt man den Gletschern ganz nah.
Foto: Iris Kürschner
Sprachbarrieren – Wandern im Wallis
Hochspannung – Auf dem Steinmannliweg zur Turtmannhütte kommt man den Gletschern ganz nah.
Entspannung – Karibikfarben leuchtet der Turtmannsee, über dem Talschluss glitzern die Gletscher von Brunegghorn und Bishorn, die Sonne wärmt, Bienen summen und Kräuter duften.
Foto: Iris Kürschner
Sprachbarrieren – Wandern im Wallis
Entspannung – Karibikfarben leuchtet der Turtmannsee, über dem Talschluss glitzern die Gletscher von Brunegghorn und Bishorn, die Sonne wärmt, Bienen summen und Kräuter duften.

Über den Röstigrat

Die Etappe zur Turtmannhütte lässt uns mehr Zeit und wir geniessen das reichhaltige «petit déjeuner». Das Vokabular zweier Sprachen kommt hier zusammen. Wer die Landkarte studiert, stösst auf manch kreativen Flurnamen. Doch vieles hat zwei Namen: Die Dent Blanche, die man vom Gastgarten aus so prächtig sieht, heisst auf Deutsch völlig anders, nämlich Steinbockhorn. Und das Weisshorn, das über Toûno-Alp und Röstigrat hervorspitzt, heisst Pigne de Leiss. Immer wenn Spannungen zwischen deutscher und welscher Schweiz auftreten, taucht die Wortschöpfung Röstigraben auf. Dabei werden auf beiden Seiten Rösti angeboten und geschätzt. Scheinbar sind solch schiefe Metaphern beliebt: Der Polentagraben trennt die Südschweiz, der Bratwurstgraben die Ostschweiz, der Läckerligraben die Basler Region. «Geografisch gesehen ist der Sprachengraben allerdings mehr ein Grat als ein Graben», schreibt Daniel Anker in der Bergmonographie «Weisshorn – Der Diamant des Wallis» zum Röstithema. «Wer beispielsweise vom Hotel Weisshorn ob St-Luc im Val d'Anniviers ostwärts am Lac de Combavert vorbei in den Meidpass hinaufwandert […],  wechselt also genau auf der Passhöhe von der Romandie in die Deutschschweiz. Und so verläuft diese innerschweizerische Sprachgrenze eben des Öfteren über Gebirgskämme und nicht durch Talgräben.» Unsere Route folgt Ankers Worten und mittags stehen wir auf dem 2790 Meter hohen Meidpass, der einen gigantischen Blick in die Gletscherwelt  von Weisshorn, Bishorn und Brunegghorn eröffnet.  

Der tiefe Einschnitt des Turtmanntals wird von einer kargen Hochfläche überdeckt, in die sich zahlreiche Seen einbetten. Ein steiniger Pfad lenkt uns zum grössten im Osten, dem Meidsee. Bald darauf biegen wir von der gut genutzten Weitwanderroute ab auf einen einsamen Höhenweg. Immer näher rückt dieser aufregende Talschluss, in dem auf einem Hubel die Turtmannhütte auf 2519 Metern Höhe balanciert. Die Wiesen sind voller Edelweiss, dahinter die zerrissenen Gletscher und ganz in der Ferne riegeln die Berner Alpen den Horizont ab. Die Turtmannhütte gehört einer welschen Sektion des SAC, der Sektion Prévotoise des Kantons Bern, und wird von einer Deutschwalliser Pächterfamilie betrieben: den Tscherrigs, die, blickt man viele Generationen zurück, ursprünglich aus Italien stammen. So vermischen sich die Mentalitäten auf unserer Sprachgrenzen-Tour. Ein Gläschen Johannisberg oder Petite Arvine? Egal, ob alemannisch oder welsch, die edlen Weintropfen aus dem Rhonetal erfreuen den Gaumen und lassen den Abend ausklingen. Fredy Tscherrig setzt sich zu uns und kommt ins Erzählen: «Mein Vater, Josef Tscherrig, einst Käser im vorderen Turtmanntal, hatte einen Traum. Er wollte Bergführer werden. Doch ein Seil konnte sich mein Vater nicht leisten, und ohne das konnte man damals keine Bergführerausbildung absolvieren. Er wusste aber, dass in jeder Hütte ein Rettungsseil vorhanden sein muss, so auch in der Turtmannhütte.» Fredy grinst, als hätte er das Seil selbst stibitzt. Das Kavaliersdelikt des Vaters hatte zur Folge, dass dieser nicht nur Bergführer, sondern 1952 auch Hüttenwart der Turtmannhütte wurde.
Sprachbarrieren – Wandern im Wallis
Iris Kürschner
«Oberwalliser Südtäler»

ISBN-13: 978-3-85869-870-4
CHF 39.–

rotpunktverlag.ch
Arktis-Gefühl: An der Kammschneide entlang von den Barrhörnern zum Schöllijoch glitzern die Gletscher von Brunegg- und Bishorn.
Foto: Iris Kürschner
Sprachbarrieren – Wandern im Wallis
Arktis-Gefühl: An der Kammschneide entlang von den Barrhörnern zum Schöllijoch glitzern die Gletscher von Brunegg- und Bishorn.

Die Tragödie von Topali

Im Glühen der Gletscher steigen wir am frühen Morgen zum 3610 Meter hohen Barrhorn auf. Erst durch das Gässi, ein steiles Couloir, dann auf einem Moränenkamm, zuletzt mühsam durch einen Schutthang. Wir spüren die Höhe, denn immerhin fehlen nicht einmal 400 Meter zu einem Viertausender. Im Westen lässt sich wieder der Mont Blanc ausmachen, daneben dominieren Weisshorn, Bishorn und Brunegghorn den Horizont. Vom Gipfelkreuz des Barrhorns gruselt der Tiefblick zur Topalihütte und ins Mattertal: So moderat die Westseite ist, so wild ist seine Ostseite mit den senkrechten bis überhängenden Abstürzen. Unser Pfad zieht der Abbruchkante entlang zum Schöllijoch. Von dort führt ein wilder, aber sehr gut gesicherter Klettersteig in die Tiefe, weil in dem brüchigen Gestein nichts dauerhaft hält. Immer wieder hören wir Steinschlag, also klettern wir zügig weiter. Unten auf dem Schölligletscher herrscht Endzeitstimmung mit düsteren Nebelschwaden. Schnell passieren wir das Firnfeld und gehen über nasse Blockfelder zur Topalihütte.

Constantin P. Topali sei ein alpinbegeisterter Student aus Genf gewesen, der mit seinem Freund im Monte-Rosa-Gebiet verunglückte, erzählt uns Hüttenwart Oliver Moser. Zum Gedenken an den Sohn spendeten seine Eltern eine Hütte, die im Sommer 1925 von der Sektion Genf auf dem Distulgrat erbaut wurde. 73 Jahre später bringt ein Feuer sie zum Einsturz. Heute steht an der Stelle eine «Land-Art-Installation». Dabei zeigt sich die Attraktivität für viele erst innen: Durch die verglaste Front über dem Abgrund sitzt man mitten im Panorama. An die 1500 Meter tiefer blinken die Dächer vom Talgrund herauf. Und während man genüsslich ein Vier-Gang-Menü verzehrt, verfärbt sich vis-à-vis die Mischabelgruppe rosa. Das imposante Panorama setzt sich anderntags auf dem Weisshorn-Höhenweg Richtung Süden fort und ist eines der Highlights des Höhenweges, der die Westseite des Mattertals zwischen Visp und Randa erfasst. Mehr 4000er können auf der ganzen Strecke nicht gesehen werden. Auch das Matterhorn sieht man, das für die Franzosen der Cervin, für die Italiener der Cervino ist. Irgendwann erreichen wir einen Grashang, der mit grossen Rissen durchzogen ist. Sie verdeutlichen, wie labil das Gelände ist. Eine Bedrohung für den Talort Randa, der mit den heftigen Bergstürzen von 1991 einiges erleiden musste. Die andere Gefahr für das Dorf präsentiert sich westlich an den Felsklippen, wo sich der wildzerrissene Bisgletscher von der Nordostwand des Weisshorns herabwälzt. Ein atemberaubender Anblick, der uns den Steilabstieg nach Randa kurzweilig gestaltet. Als wir ein letztes Mal zurückschauen, kommt uns Meichtrys Erzählung wieder in den Kopf: Es ist, als würde man am Ende der Welt stehen.