Reif für die Inseln?
Seit unzähligen Stunden haben wir kein Land mehr gesehen. Ohnehin hält die Küste nichts ausser einer 160 Kilometer langen und 25 Meter hohen Klippe aus Gletschereis für uns bereit. Hätten wir eine Route entlang des Ufers gewählt, wäre die permanente Gefahr gewesen, von herabfallenden Eisbrocken erwischt zu werden. Ausserdem treibt in Küstennähe besonders viel Packeis im Wasser, wodurch wir wohl nur sehr langsam vorangekommen wären. Deshalb hatten wir uns für den direkten Weg entschieden, anstatt die 20 Kilometer breite Bucht auszufahren. Nun sitzen wir also fast orientierungslos und mit vor Kälte zitternden Händen in unseren voll beladenen Seekajaks inmitten einer 27-stündigen Querung auf offener See.
Endlich, sieben Stunden später, taucht das Ende der Gletscherkante vor uns aus dem Nebel auf. Als Belohnung für unsere Strapazen erwartet uns hier ein spektakuläres Naturschauspiel: eine rund 20 Meter hohe Eiswand, aus der sich ein gigantischer Wasserfall direkt ins Meer ergiesst. Dankbar für die Abwechslung paddeln wir zum Fuss des Wasserfalls und betrachten die Wogen aus der Nähe. So dicht liegen bei einer Expedition wie unserer Glück und Leid beieinander. Willkommen auf Spitzbergen!
Das Verlangen
Die Idee war geboren. Doch ausgerechnet im gleichen Jahr versuchte sich eine andere Expedition an dem Vorhaben – und musste nach 24 Tagen wegen einer Eisbärenattacke per Helikopter evakuiert werden. Schockiert? Ja, schon. Aber zu meiner eigenen Überraschung steigerte das meine Motivation nur noch mehr.
Das Team
Bis wir unseren dritten «Mann» fanden, gingen allerdings noch knapp vier Jahre ins Land. Während eines Heimatbesuchs in Neuseeland unternahm ich einen Campingtrip an der wilden Nordwestküste. Eines Abends beobachtete ich, wie eine junge Frau in ihrem Seekajak völlig alleine durch die massive Brandung anlandete, und war sofort beeindruckt. Die Neuseeländerin Tara Mulvany war gerade dabei, als erste Frau und als dritter Mensch überhaupt Neuseeland komplett per Kajak zu umrunden, was sie wenig später tatsächlich schaffte. Im Jahr darauf lernten wir uns besser kennen, reisten zusammen durch Nordamerika, und schliesslich sagte auch sie für den Rekordversuch rund um Spitzbergen zu.
Der Besuch
Die Blockade
Wir sind mittlerweile fast einen Monat unterwegs und erreichen die nordwestliche Ecke der Insel. Doch unser Fortkommen wird von Mutter Natur eingebremst: Packeis versperrt uns den Weg. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als in einer alten Jagdhütte auf Nordostland unser Lager aufzuschlagen und auf Tauwetter zu warten. Doch wann werden die Temperaturen wieder steigen? Ein hiesiger Segler, den wir hier treffen, nimmt uns alle Hoffnung: «Dieses Jahr wird das Eis nicht mehr tauen. Ich lebe hier seit 48 Jahren, und wenn das Eis zu dieser Jahreszeit noch nicht aufgebrochen ist, wird es in diesem Sommer auch nicht mehr schmelzen.»
Doch so schnell wollen wir nicht aufgeben. Nach fünf Tagen bekommen wir Besuch: Eine norwegische Expedition entert unser Refugium. Wir wussten von ihnen und hatten sie schon erwartet, war die Hütte doch der einzige logische Ort, um auf die Schmelze zu warten. Im Licht der Mitternachtssonne lernen wir das Team kennen und tauschen Erfahrungen aus. Ihr Ziel ist die erste Umrundung von Nordostland per Kajak, während wir ja die ganze Inselgruppe umpaddeln wollen. Auch wenn unsere Ziele nicht identisch waren, so machte uns die Situation doch irgendwie zu so etwas wie Rivalen. Dennoch: Das Abenteuer, das wir alle anstrebten, schaffte ein Band der Kameradschaft.
Als uns die Norweger nach einigen Tagen eröffnen, dass sie trotz des Eises weiterpaddeln werden, sind wir sehr überrascht. Sie gehen, wir warten. Doch schon zwei Tage später ist es so weit: Das Eis ist – entgegen der Vorhersage des einheimischen Seglers – grösstenteils geschmolzen, so können auch wir die Nordküste in Angriff nehmen. Schon am zweiten Morgen tauchen in der Ferne die Kajaks unserer norwegischen Mitstreiter auf. Sie hatten viel Zeit im Labyrinth aus Eis verloren, die wir in offenem Fahrwasser wettmachen konnten. Entlang der Nordküste überholen wir uns mehrmals gegenseitig. Ein Rennen, das hatten wir zuvor gemeinsam entschieden, wollten wir nicht aufkommen lassen, sondern den ursprünglichen Plan beibehalten. Das letzte Mal sehen wir ihr Camp am Anfang des Austfonna-Gletschers – kurz vor der schwersten Etappe der gesamten Expedition.
Die Bäreninsel
Doch gerade nachdem wir unsere Zelte aufgebaut haben, kommt, was kommen musste: Der Eispetz rollt sich auf den Rücken, streckt erst genüsslich alle viere von sich – und tapst anschliessend gemütlich auf uns zu. Lehrbuchartig beginnen wir, den Bären anzubrüllen und wild mit den Armen zu wedeln – keine Reaktion. Also feuern wir einige Warnschüsse und eine Leuchtrakete ab. Ok, das funktioniert, der weisse Riese macht sich aus dem Staub. Glück gehabt! Diesem Besuch folgen weitere, mehr Bären, und wir sind schwer damit beschäftigt, sie durch akustische und optische Einschüchterungen von uns fernzuhalten.
Die entscheidende Etappe
Nach diesem unfreiwilligen Wettrennen entdecken wir schliesslich eine flache Stelle in der Gletscherwand, die stabil genug für unser Vorhaben aussieht. Mühsam und wackelig klettern wir aus den Booten, hinauf auf die Eiskante, und holen unsere voll beladenen Gefährte mit einem Flaschenzug nach. Die Szenerie ist magisch, wenngleich auch nicht ganz ungefährlich: Auf einem kalbenden Gletscher, der in beide Richtungen bis zum Horizont reicht, errichten wir unser Lager. Die Aussicht auf die vielen Eisberge, die im Meer weissblau leuchtend vorbeitreiben, ist besser als jeder Hollywood-Blockbuster. Einen ganzen Tag Auszeit gönnen wir uns hier, bekämpfen den Schlafmangel und tanken auf, bevor wir zuerst unsere Kajaks und dann uns selbst zurück ins 4 Grad kalte Wasser abseilen, um die bevorstehende Etappe in Angriff zu nehmen. Und die hat es in sich: erst 27, dann 19 Stunden, jeweils am Stück gepaddelt. Als wir in der Bucht anlanden, liegen unsere Akkus im roten Bereich. Aber trotz aller Erschöpfung sind wir überglücklich, die schwerste Etappe hinter uns zu haben. Fünf Tage später erreicht auch das norwegische Team die Bucht. Für sie ist das Abenteuer hier vorbei. Wir gratulieren, mit der Gewissheit, dass unser Ziel noch ein gutes Stück entfernt ist: Auf uns warten noch knapp 1000 Kilometer bis nach Longyearbyen, dem Start- und Endpunkt unseres Abenteuers.
Die Zielgerade
Als wir am 5. September in Longyearbyen anlanden, kann ich meine Tränen nicht zurückhalten. Nach 71 Tagen und rund 2300 Kilometern haben wir als erste Menschen überhaupt die vollständige Umrundung aller vier Inseln des Spitzbergen-Archipels per Seekajak erfolgreich beendet. Überglücklich fallen wir uns in die Arme. In den letzten Wochen sind wir über uns hinausgewachsen. Die unglaublichen Strapazen und Entbehrungen haben uns ans Limit gebracht. Doch die Erschöpfung weicht der unglaublichen Erleichterung und Freude, das selbst gesteckte Ziel tatsächlich erreicht zu haben. Aus meinem Traum wurde Wirklichkeit!
Die vier grössten Inseln des Archipels sind Spitzbergen (norwegisch Spitsbergen), Nordostland (Nordaustlandet), Barentsøya und Edgeøya – insgesamt zählen aber rund 400 Inseln und Schären zu Spitzbergen. Insgesamt leben vor Ort rund 2600 Menschen dauerhaft, davon gut 2000 im Verwaltungszentrum Longyearbyen. Die meisten Bewohner sind Polarforscher oder Bergarbeiter – Spitzbergen verfügt über reiche Kohlevorkommen. Seit der Eröffnung des internationalen Flughafens in Longyearbyen ist das Archipel von der norwegischen Stadt Tromsø aus in knapp zwei Stunden erreichbar, wodurch sich in den vergangenen Jahrzehnten ein florierender Tourismus entwickelt hat. Spitzbergen verfügt über eine eigene Universität (UNIS), die den Forschern vor Ort als Basislager dient. Ausserhalb der Ortschaften gibt es auf den Inseln kaum Strassen oder befestigte Wege.
Teilweise Umrundungen per Kajak von Spitzbergen sind schon in der Vergangenheit gelungen, die Hauptinsel wurde bereits 1990 erfolgreich umpaddelt. Einzig Nordostland blieb bisher unbezwungen, viele Expeditionen scheiterten am Packeis. Ein weiteres Problem stellt die 160 Kilometer lange Eiskappe des Austfonna-Gletschers dar, die keine Möglichkeiten zum Ausruhen oder Abwettern auf festem Grund bietet. 2015 gelang nun gleich zwei Gruppen die Umrundung Nordostlands: der Gruppe um Jaime Sharp (Per Gustav Porsanger (39, Norwegen), Tara Mulvany (25, Neuseeland) und Jaime Sharp (33, Neuseeland)) und der norwegischen Gruppe «Nordaustland 2015», die am 14. August Kinnvisa erreichte, wo ihre Expedition begonnen hatte.
Weitere Informationen zu der Reportage und zu Jaime Sharp unter: worldwildadventureexp.blogspot.de
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