Die auf 3500 Meter liegende Hauptstadt des ehemaligen Königreichs Ladakh begrüsst uns mit strahlendem Sonnenschein und mit für Mitte September angenehmen 20 Grad Wärme. Kaum angekommen, empfängt uns Tsering Norbu mit einem herzlichen «Julley», dem ladakhischen Pendant zum nepalesischen «Namaste» oder dem schweizerdeutschen «Grüezi». Der 46-jährige Tsering stammt aus einer Nomadenfamilie, betreibt jedoch seit 20 Jahren eine Trekkingagentur in Leh. Seit Jahren arbeitet er mit Benedikt als Partner vor Ort in Ladakh zusammen. Mit seiner unaufdringlichen Herzlichkeit und seiner ruhigen Art nimmt uns Tsering sofort für ihn ein. «Ich habe zusammen mit Benedikt eine schöne Tour für euch ausgearbeitet. Es geht in das nördliche Ladakh an die Grenze zu Tibet und ins Karakorum. Dann werdet ihr über den 5400 Meter hohen Lasermo La-Pass zurück nach Leh kommen. Aber bevor es auf den grossen Fünf-Tage-Trek mit den Pferden über den Lasermo La geht, müsst ihr euch noch gut akklimatisieren. Deshalb bleiben wir noch zwei Tage hier in Leh und machen dann vorab einen Zwei-Tage-Trek. Dabei werden wir noch ohne Pferde unterwegs sein. Aber währenddessen könnt ihr schon mal die Mannschaft kennenlernen und euch an das Übernachten in den Zelten gewöhnen.»
Lebendiger Buddhismus
Überall in Leh wird gebaut und neue Hotels entstehen. In bisher einsamen Bergregionen schuften viele Männer und Frauen mit Schaufeln und Harken an neuen Strassen, die das Land und seine Dörfer touristisch besser erschliessen sollen. Am Strassenrand fordern viele Schilder die Reisenden immer wieder mit durchaus humorvollen Sinnsprüchen zu einem bewussten Umgang mit der Natur und zur ökologischen Müllentsorgung auf. Hoffen wir, dass diese auch ernst genommen werden. Umweltorganisationen wie die LEDEG (Ladakh Ecological Development Group, www.ledeg.org) versuchen ebenfalls, eine ökologische und soziale Entwicklung voranzutreiben, die mit der traditionellen ladakhischen Kultur harmonieren soll. Auch Norbu sind Nachhaltigkeit und Umweltschutz sehr wichtig. Sanfter Tourismus, der Gästen die faszinierende Schönheit der Natur des Landes nahebringen soll, ist für ihn die Zukunft. «Am liebsten wie mit euch auf eher wenig begangenen, wilden Pfaden.»
Zeit nehmen zur Akklimatisierung
Wettersturz am Pangong See
Wetterumschwung über Nacht. Bei einer Wanderung am nächsten Tag hängen dicke Regenwolken am Himmel. Die Bergflanken sind weiss angezuckert. Für den Monat September ist das ungewöhnlich. «Ladakh ist ein sehr trockenes Land mit Wüstenklima. Hier gibt es meist nur im Winter Niederschläge. Aber auch hier ist jetzt der Klimawandel allmählich zu spüren und beschert uns solche Wetterkapriolen», meint Benedikt. Wir stapfen zurück und packen für die Weiterreise. Schneeregen, schmierige Strassen, durch die ständig anlaufende Frontscheibe ist die Sicht mehr als begrenzt. Die Fahrt hinüber ins Nubratal wird entsprechend gefährlich. Von den mächtigen Bergflanken drohen aufgrund der starken Niederschläge überall Erdrutsche. Unser Fahrer ist sichtlich nervös und schaut ständig aus dem Seitenfenster. Jede Sekunde kann hier ein locker gewordener Fels auf das Auto stürzen. Wir sind alle sehr erleichtert, als wir und auch unser Begleitteam heil ankommen.
Bis 1994 militärische Sperrzone
Später in der Lodge im Örtchen Hundar telefoniert Norbu mit Tsering, der von Leh aus für uns alles lenkt und organisiert. Irgendwann rückt er mit der Sprache raus: «Es wird leider nichts mit unserem geplanten Trek hier auf den alten Karawanenwegen über den Lasermo La. Es ist viel zu viel Schnee in den Bergen. Unsere Packpferde mit der Ausrüstung, die von Leh aus zu uns herüberkommen sollten, haben es nicht über diesen Pass geschafft. Sie mussten auf halbem Weg umkehren. Ohne Pferde und Ausrüstung können wir nicht los.» Wir sind enttäuscht. Benedikt bespricht mit uns alternative Möglichkeiten und wir beschliessen, uns wieder per Bus zurück auf den Weg ins Industal zu machen. Tsering organisiert mittlerweile einen neuen Trek mit Pferden. Eine abenteuerliche Fahrt über den schneebedeckten Khardung La beginnt, dem mit 5400 Metern weltweit höchsten befahrbaren Strassenpass. Langsam kurven wir durch Matsch, Schlamm und tiefe Schlaglöcher bergauf. Der Pass ist nach dem Wintereinbruch vor zwei Tagen heute erstmals wieder geöffnet. Lastwagen, Reisebusse und Motorradfahrer kämpfen sich aneinander vorbei. Teils bleiben nur Zentimeter Abstand zueinander oder zum Abgrund. Kurz vor der Passhöhe gerät ein Travellerbus ins Kippen und bleibt in Schieflage auf einem entgegenkommenden LKW hängen. Stundenlang geht gar nichts mehr voran. Wir fragen uns, wie sich dieses Chaos auf 5200 Metern Höhe jemals auflösen soll. Irgendwann gelingt es einem Trupp aus Militär und anderen LKW-Fahrern, den Bus mit vereinten Kräften wieder gerade zu richten. Allmählich kommt der Verkehr wieder ins Fliessen. Endlich können wir auf der anderen Seite des Passes die 39 Kilometer wieder hinunter ins Industal zurücklegen.
Mit Pferden im Markha-Tal
Ein Teil unserer Gruppe will die 5000 voll machen und steigt noch zum Gipfelplateau des Ganda Ri auf. Dort grüsst im Hintergrund der Stok Kangri, der mit 6140 Metern höchste Gipfel Ladakhs. Der Abstieg auf der anderen Seite der Passhöhe hinunter nach Rumbak zieht sich. Anfangs führt der Weg durch tiefen Schnee und Matsch. Weiter unten dann säumen faszinierende Felsflanken in von Mangan gefärbtem Rot oder Grün das Tal. Geier und Adler am Himmel, Rebhühner en masse. «Irgendwo hier in dem Gebiet sollen noch 80 bis 100 Schneeleoparden leben», erzählen uns unten im kleinen Dorf Rumbak Mitglieder eines Beobachtungsteams, das den seltenen Tieren mit professionellen Teleskopen nachspürt. Es folgt noch eine letzte, frostig-kalte Zeltnacht auf einem Feld, dann geht es wieder zurück nach Leh. Es sind die letzten Momente in einer Natur, die fasziniert, beeindruckt und uns innere Ruhe finden lässt. Die letzten Augenblicke mit den Jungs der Mannschaft, die selbst nicht viel haben und uns noch eine Schokoladentorte zum Abschied schenken. Ein süsser Abschied von Menschen, die wir ins Herz geschlossen haben. Es sind die letzten Eindrücke von einem Land und einer gemeinsamen Familienreise, die bleibende Eindrücke bei jedem von uns hinterlassen hat. Julley Ladakh, hoffentlich bis bald mal wieder!
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