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Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route

Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route
Text: Christian Penning | Fotos: Christian Penning | Datum: 15.11.2016
Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route

Moderner Klassiker

Ein Haute Route ohne überfüllte Hütten und Menschentrauben auf den Gipfeln – gibt es das? Ja, in der Zentralschweiz. Die Urner Haute Route lockt mit genüsslicher Bergeinsamkeit, wilden Gletscherpanoramen und rasanten ­Abfahrten. Sie vereint klassische Schönheit und moderne Freeride-Elemente. Eine Sinfonie für die Sinne.
Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route
Langsam entspannen sich die Oberschenkel. Die vom Rucksacktragen verhärtete Rückenmuskulatur lockert sich. Warm scheint die Sonne auf das Mäuerchen vor der Chelenalphütte, streichelt die Haut und zaubert Janicke ein paar zusätzliche Sommersprossen ins Gesicht. Ihr Blick schweift hinüber zu den Hängegletschern am Dammastock und Winterberg. Ein erhebender Anblick. Majestätisch. Feierlich. Würde man die Szene in Klänge übersetzen, würde jetzt eine fulminante Sinfonie ertönen. Mitreissend. Voller Gefühle. Wie Beethovens Neunte, die Vollendete. Schöner kann ein Tourentag kaum enden.

«Santé, ... proscht!», Janicke stösst mit Urs und dem Rest der Gruppe an. Rundherum die Urner Alpen in festlichem Winterweiss. Der Stimmung entsprechend wäre jetzt Champagner angemessen. Aber auf 2350 Metern tut’s auch Bier, in Dosen. Schon jetzt, am zweiten Abend der fünftägigen Skidurchquerung von Andermatt nach Engelberg, steht für jeden in der Tourentruppe fest: Die Urner Haute Route ist eine ganz besondere Skidurchquerung. Nur wenige Ecken der Alpen zeigen sich noch so ursprünglich.

Ganz piano – Auftakt auf den Spuren von «Goldfinger»

Erster Tag, erster Satz: largo e pianissimo. Seit dem Start in Realp bei Andermatt hat sich die Sonne keine einzige Minute hinter einer Wolke versteckt. Sssschh, sssschh ... – mit einem sanften, ruhigen Zischen gleiten die Steigfelle in der Spur. Schritt für Schritt. Gemächlich, wie geschaffen zum Eingewöhnen zieht die Route entlang der verschneiten Furka-Passstrasse durch den Firn zum Hotel Galenstock. Seit 1890 steht der Bau. Sonne und Stürme haben seine Holzfassade verwittert. Ein Berghotel-Klassiker, nicht erst seit James Bond hier 1964 den Bösewicht «Goldfinger» jagte. Doch jetzt im Winter ist das Haus geschlossen.

Als die Sonne hinter den Graten des 3586 Meter hohen Galenstocks verschwindet, erreicht die Tourentruppe die Albert-Heim-Hütte. Drinnen kämpft ein fast glühender Schwedenofen gegen die feuchte Kälte der alten Granitwände an. Ein bisschen Heimeligkeit muss sein. «Die Urner Haute Route oder Teilstücke davon werden begangen, seit die Hütten da sind», erzählt Markus Wey beim Nachtessen. Für den Bergführer und Technischen Leiter der Mammut Alpine School aus Andermatt ist diese Skidurchquerung wie eine Aufführung im heimischen Konzertsaal. Die Albert-Heim-Hütte gehört seit fast 100 Jahren als Loge dazu. «Aber erst in den letzten 20 bis 25 Jahren wird die Route als Skitour regelmässig begangen, seit einige Hütten auch im Winter bewartet werden.»

Zweiter Tag, zweiter Satz: ein Wechsel von andante moderato und allegro molto. 5 Uhr früh. Über der Hütte leuchten noch die Sterne. Aufstehen. Frühstück: Brot, Marmelade, Bergkäse, Müesli, Tee. Los! Karabiner und Harscheisen klickern metallen in der klaren Morgenluft. Über den Gipfeln im Osten ist ein schwacher heller Schein zu erahnen. Die Kanten kratzen in der Dämmerung über den harschigen Schnee: Ccchhhrr, Ccchhhrr! Die Beine sind noch etwas steif und ungelenk von der Nacht, die Augen klein und müde. Doch gleich sind alle wach. Ein steiler Pulverhang führt in die Mulde am Fuss des Lochbergs.

Es ist noch schattig beim Aufziehen der Felle. Ein kühler Wind streift die Bergflanken herab. Doch nach ein paar Kehren hinauf Richtung Winterlücke zwischen dem Winterstock (3202 m) und dem Lochberg (3030 m) taucht die Sonne die kupierten Hänge in goldenes Morgenlicht. Einsam mäandern ein Stück tiefer die Arme des Lochbergbachs durch die Senke. Trotz der dicken Schneedecke sind seine Adern erkennbar. Und rundherum? Stille. Einsamkeit. Kaum eine Spur im Schnee. «Die Route von Andermatt nach Engelberg ist für die meisten eine Reise durch eine <Terra incognita>», sagt Markus Wey und nickt vielsagend. Der Landstrich zwischen dem Urserental und Engelberg ist im Winter ohne Ski so gut wie unzugänglich. «Entsprechend wenig frequentiert ist die Route.» Sie führt vom Urserental über die Winterlücke ins Göschenertal. Höhepunkt ist das 3503 Meter hohe Sustenhorn mit der Abfahrt über den zerklüfteten Steingletscher zum Sustenpass. Weiter geht es über die Fünfingerstöcke zum Grassen, dem Nachbargipfel des Titlis, und schliesslich hinab nach Engelberg. Fünf Tage Abenteuer in Etappen, von Hütte zu Hütte, verteilt auf rund 6500 Höhenmeter.
Goldene Stunde: Sonnenaufgang am Sunnig Berg nahe der Albert-Heim-Hütte hoch über dem Furkapass.
Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route
Goldene Stunde: Sonnenaufgang am Sunnig Berg nahe der Albert-Heim-Hütte hoch über dem Furkapass.

Crescendo – 1000 Höhenmeter wilder Freeride-Ritt

Doch nach dem 500-Höhenmeter-Anstieg zur Winterlücke steht heute ein anderes Highlight auf dem Programm. 1000 Höhenmeter Abfahrt durch steile, felsdurchsetzte Hänge und Rinnen zum Göscheneralpsee. Nordseitig, im Pulver ein Traum. «Aufstiege auf sonnigen Südhängen, nordseitige Abfahrten in knackigem Freeride-Terrain – das ist es, was die Urner Haute Route auszeichnet», charakterisiert Bergführeraspirant Urs Horath die Urner Haute Route. «Natürlich ist eine solche Tour nicht bei jeder Lawinengefahrenstufe möglich», mahnt er. «Ab Stufe 3 wird es heikel.» Doch heute herrscht Stufe 2. Grünes Licht. Trotzdem fährt Urs vor, um das Gelände sorgsam zu sondieren. Die Abfahrt hat es in sich. Als würde die klassische Sinfonie mit Rock-Passagen aufgemöbelt. Nicht umsonst hat das Salomon Freeride Team auf dieser Rösti-Haute-Route vor zwei Jahren eine Video-Dokumentation gedreht. Ein Winddeckel auf der pulvrigen Unterlage macht die Schwünge schwer kalkulierbar. Also Tempo raus und trotzdem geniessen. Eine endlose Schwunggirlande neben der anderen zieht sich hinab zum Stausee.

Das weisse Tal um den See fängt die Spätwintersonne ein wie ein überdimensionaler Hohlspiegel. Es ist windstill. Kein Laut, absolute Ruhe. Die Welt schweigt – wie in Ehrfurcht vor dieser Monumentallandschaft. Wie verstreute Ameisen wirkt das Tourenteam. Kleine Grüppchen ziehen das Tal hinauf, jeder in seinem Tempo. Hier unten in der Talsohle – obwohl auf fast 2000 Metern – herrscht eine Hitze fast wie am Strand. Die Schläfen pochen, schweissnass die Hände und Arme, die Zunge trocken und rau – Durst.

Eine gefühlte Ewigkeit später: Es nützt nichts. Auch wenn der Rücken vom Rucksack schon schmerzt, auch wenn die Oberschenkel signalisieren, dass das Tagespensum bereits erreicht ist, der ausgedörrte Mund nach Flüssigkeit lechzt, es geht noch einmal hoch. Steil. Kehre für Keh-re ... drei, vier ... acht, neun ... dann, endlich ... geschafft! Noch eine kurze Querung, die Chelenalphütte ist erreicht. Wie ein Vogelnest klebt sie zwischen den Felsen. Die ziehen jäh durch die Südflanke hinauf zum Gwächtenhorn.
Gipfelstürmer: Ski schultern – die letzten Meter zum Gipfel des Sustenhorns.
Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route
Gipfelstürmer: Ski schultern – die letzten Meter zum Gipfel des Sustenhorns.
Schritt für Schritt: meditativer Aufstieg am Fusse der Fünfingerstöcke.
Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route
Schritt für Schritt: meditativer Aufstieg am Fusse der Fünfingerstöcke.
Tourentipps für 
unvergessliche Erlebnisse
Wer sich auf Mehrtagestouren begibt, bei dem sollten Fitness, Erfahrung und Ausrüstung stimmen. Bergführer Markus Wey gibt Tipps für eine erfolgreiche Haute Route und andere Skidurchquerungen.

 
Jahreszeit
März und April sind die besten Monate, um den grossen Bergen der Urner Alpen aufs Dach zu steigen.

Guide
Besonders wenn die Route über vergletschertes Gelände führt, ist ein Bergführer mit lokalen Kenntnissen ratsam.

Lawinengefahr
Vor dem Start unbedingt das Lawinenbulletin prüfen. Schon bei erheblicher Gefahr (LWS 3) sind die steilen Abfahrten und Anstiege heikel.

Ausrüstung
Zusätzlich zur Standard-Tourenausrüstung: Klettergurt, Harscheisen, Steigeisen, Pickel, Eisschrauben, 2 Schraubkarabiner, Schnappkarabiner, Bandschlinge 120 cm, Prusikschlingen, Karte und Kompass (oder GPS), ein Seil pro Gruppe. So leicht wie möglich, so viel wie nötig packen (Bekleidung, Accessoires etc.). Die Aufstiege sind lang, und jedes Gramm muss selbst getragen werden.

Technik
Erfahrung bei Spitzkehren im steilen Gelände ist ratsam – am besten vor der Tour üben. Routine gibt nicht nur Sicherheit, sondern spart eine Menge Kraft.

Essen und trinken
In der Höhe benötigt der Körper mehr Flüssigkeit. Also viel trinken (mind. 2 L Flüssigkeit mitnehmen) und regelmässig essen.

Schlechtes Wetter
Bei schlechtem Wetter auf die nächste Hütte zurückkehren oder die Tour abbrechen – hier sollte kein Risiko eingegangen werden.

Gutes Wetter
Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor (LSF 50+), Sonnenhut oder Kappe sind unerlässlich.

Fitness
Am besten keine physiologischen Grenzgänge anpeilen. Die Etappen sollten zum persönlichen Fitnesslevel passen. Für Notfälle sollten auch noch genügend Energiereserven vorhanden sein.
Endlich Pulver! Abfahrt vom Grassen über den Firnalpeligletscher nach Engelberg.
Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route
Endlich Pulver! Abfahrt vom Grassen über den Firnalpeligletscher nach Engelberg.
Gipfelglück: Traumpanorama nach atemraubenden Höhenmetern in dünner Hochgebirgsluft.
Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route
Gipfelglück: Traumpanorama nach atemraubenden Höhenmetern in dünner Hochgebirgsluft.
Nudelparty:  Kohlenhydrate bunkern in der Chelenalphütte für die harten Höhenmeter auf der Königsetappe zum Sustenhorn am dritten Tag.
Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route
Nudelparty:  Kohlenhydrate bunkern in der Chelenalphütte für die harten Höhenmeter auf der Königsetappe zum Sustenhorn am dritten Tag.

Largo – Spaghetti und Vino zum Tagesausklang

Wenig später bollert in der Hütte der Holzofen. Auf der Terrasse trocknen Innenschuhe, Shirts und Handschuhe. Nasser, firniger Schnee ersetzt die Dusche. Die Körperreinigung ist zwar nicht so gründlich wie im Sternehotel, dafür die Aussicht umso herrlicher. Fliessendes Wasser gibt es hier oben im Winter nicht. Urs kommt gerade mit einem riesigen Topf voll Schnee – schmelzen für den Tee, fürs Abendessen. Der Rest atmet erst mal durch. Sonnen. Regenerieren. Eine zusätzliche Energiebombe hat Frédéric zum Nachtessen zubereitet. Aus zwei Monstertöpfen schöpft er Riesenportionen Spaghetti mit Hackfleisch-Gemüse-Sauce. Teller dampfen. Augen leuchten dankbar. Mit ein paar Helfern hat Frédéric alles selbst zubereitet. Denn die Chelenalphütte wird erst später im Frühjahr bewirtschaftet. Unkomfortabel wird die Nacht dennoch nicht. Das Lager ist sogar mit kuscheligen Duvets ausgestattet. Und nervende Schnarcher gibt es auch kaum. Bis auf zwei einsame Tourengeher mit Stirnlampen, die spätabends an der Tür klopfen, sind keine weiteren Gäste da. Gute Nacht!

Die Steilpassage hinauf zum Brunnenfirn ist am nächsten Morgen knüppelhart gefroren. Tückisch! Wer jetzt das Gleichgewicht verliert und ausrutscht, wird Mühe haben, die Fahrt in die Tiefe zu bremsen. Gut, dass Urs und Markus als Bergführer dieses Stück schon tags zuvor spätnachmittags angespurt haben, als der Schnee noch weich und firnig war. So haben nun auch die weniger routinierten Tourengeher in der Gruppe kein Problem, mit Harscheisen an den Ski den Hang zu meistern. Bravo!

Noch am Vormittag ist die Sustenlimi-Scharte erreicht – der Übergang zum Sustengletscher. Das Sustenhorn scheint nur ein paar Steinwürfe entfernt. Doch die gut 400 verbleibenden Höhenmeter werden nicht nur wegen der Ausblicke auf das umliegende Gletscher- und Gipfelmeer zu einem atem(be)raubenden Erlebnis. Die dünne Höhenluft spürt nun jeder. Dieser dritte Tag ist der entscheidende Ausdauertest dieser Tour. Jonas war noch nie zuvor auf einer ähnlichen Höhe. Als Marathonläufer ist er fit. Doch das ist eine andere Herausforderung. Er kämpft. Schritt für Schritt. Höhenmeter für Höhenmeter. «Langsam!», beruhigt Markus. Als routinierter Bergführer weiss er, wie wichtig es in der Höhe ist, die Langsamkeit zu entdecken. «Geh’ dein eigenes Tempo, deinen eigenen Rhythmus, dann schaffst du das.» Zu einer Haute Route gehört nun mal auch die Auseinandersetzung mit der Höhe. Kaum hat Jonas die Ski neben dem Gipfelkreuz abgeschnallt, ist die Anstrengung vergessen. Elend und Lethargie des Aufstiegs weichen einer spontanen Euphorie. Gipfelglück. Fernsicht bis in die Westalpen. Noch immer sind seine Beine schwer. Aber Jonas schwebt im siebten Himmel.

Abfahrt! Der nächste Satz: multo furioso. Der Höhenwind der Vortage hat den Schnee gepresst, geformt, zerfurcht. Was eigentlich als genussvolle nordseitige Pulverabfahrt geplant war, wird zum wilden Rodeo-Ritt. Als wolle der Berg seine Bezwinger abschütteln. Als sollten die Besucher dieser Sinfonie von Eis und Schnee im Orchestergraben landen – in den Spalten zwischen den türkis leuchtenden Séracs des Steingletschers. Prompt löst sich im Gerüttel die Bindung. Aus einem Überschlag im Steilhang werden zwei, drei, vier. Noch ein fünfter, noch 30 Meter Schlitterpartie, dann hat der Sturz ein Ende. Alle Kno-chen sind noch heil. Abschütteln. Weiter. Unten an der Steinlodge an der Sustenpassstrasse hat jeder das Gefühl, als hätte er eine Stunde lang auf einem Rüttelgerät gestanden. Zeit für Kaffee und Kuchen. Und sogar heisse Duschen gibt es heute. Welch ein Komfort!
Stille und Sturm: «Nur schönes Wetter, das würde auf einer solchen Tour doch nur einen Teil des Bergerlebnisses bieten.»
Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route
Stille und Sturm: «Nur schönes Wetter, das würde auf einer solchen Tour doch nur einen Teil des Bergerlebnisses bieten.»

Pianissimo – meditative Anstiege im Nebel

Tag vier. Vierter Satz: D-moll, largo e pianissimo. Es ist, als wäre ein bisschen die Luft raus. Drei Tourentage in den Beinen. Ein verharschter Steilhang gleich zu Beginn. Zähe Sache! Dichte, graue Wolkenpakete ziehen um die Felsnadeln der Fünfingerstöcke. Gedämpfte Sicht, gedämpfte Stimmung. Mit zittrigen Beinen kämpfen die weniger Erfahrenen in den steilen, engen Spitzkehren. Immerhin läuft Urs voraus und hackt mit dem Pickel eine Spur in den harten Hang, schlägt solide Standplätze für die Kehren. Jetzt ist jeder Höhenmeter hart verdient. Die Unterhaltungen sind fast erloschen. Meditatives Dahintappen. Jeder ist konzentriert, in sich versunken, hofft ... auf ein blaues Loch am Himmel. Doch das kleine Wunder bleibt aus.  Der Wind legt noch zu. Stürmische Böen treiben Schneeflocken vor sich her. Sie fühlen sich an wie Nadelgeschosse. Markus ist immer noch die Ruhe selbst. Ein verschmitztes Grinsen umspielt seinen vereisten Bart. «Nur schönes Wetter, das würde auf einer solchen Tour doch nur einen Teil des Bergerlebnisses bieten.» Noch hält sich der Schneefall in Grenzen. Aber was wäre, wenn über Nacht ein halber Meter Neuschnee die Lawinengefahr sprunghaft nach oben triebe? «Dann gibt es jederzeit Ausstiegsmöglichkeiten», sagt Markus und verweist auf die Rückzugsmöglichkeiten durchs Göscheneralptal und durchs Meiental Richtung Göschenen. Doch so weit ist es noch lange nicht. Die vermeintliche Pulverabfahrt über die Wendenlücke zur Sustlihütte wird wieder zum rüttelnden Blindflug.

«Keine Wolke.» Diese beiden Worte reichen, um schon beim Frühstück die Motivation für die Schlussetappe nach oben zu treiben. Bald färben sich die Gipfel in kräftigen Orange-Tönen. Die Tonart beim langen Aufstieg von der Sustlihütte zum Grassengrat ist eindeutig wieder Dur. Jeder Höhenmeter ein Genuss, jede Rampe ein Vergnügen – denn auf den Plateaus an der Südseite des Grassen wird das Panorama von Stockwerk zu Stockwerk imposanter: Wendenhorn, Wasenhorn, gegenüber das Sustenhorn. Felsnadeln, Gletscherbrüche, Sé-racs, riesige, weite Schneefelder – und kein Mensch weit und breit. Bühne frei für den finalen Satz der Gletscher-Sinfonie. Ein Stück voller emotionaler Höhepunkte und Leidenschaft: appassionato!

Furioso – Traumabfahrt als Belohnung

Mächtig wachsen hinterm Stössensattel die Süd- und Ostwand des Titlis empor. Nur der Sendeturm auf einem Felsabsatz verrät den Trubel des Skigebietes auf der anderen Seite. War es gerade noch angenehm mild, bläst am Gipfelgrat des Grassen eine stürmische Brise eisige Schneefahnen in den blauen Himmel. Wird die Abfahrt wieder zum ruppigen Pressschnee-Ritt? Markus schüttelt den Kopf. «Ich versprech’ euch, das wird das Abfahrts-Highlight der Tour.» Er behält recht. Nur 50 Höhenmeter abwärts, dann sind die letzten Windrippen passiert. Auf dem Altschnee staubt eine dünne Pulverschicht. Perfekt. Denn die Abfahrt ins Engelberger Tal zum Goldboden zählt zu den schönsten und beeindruckendsten in der Region. Rechts knapp an wild zerklüfteten Séracs vorbei. Links ragen die Wände des Titlis wie überdimensionale Wolkenkratzer in den Himmel. Dazwischen stürzt der Firnalpeligletscher wie eine gefrorene Welle den Berg hinab. Der letzte Satz: Finale allegro molto e vivace. Grandios! Tief unten, kurz vor dem Talgrund, führen die letzten Schwünge über Lawinenkegel und sumpfigen, aufgeweichten Schnee. Ein warmer Wind weht. Wenig später klingen vor der Ski Lodge in Engelberg die Panaché-Gläser. Ein letzter Blick zurück: Gletscher, Felswände. Was für eine Tour! «Santé!» Die Beine sind müde. Die Gesichter sonnenverbrannt und glücklich. Es riecht nach Frühling.
Traumhaft: Die letzte Abfahrt vom Grassen – wie eine Essenz der fünf Tourentage: Anstrengung, Bergleidenschaft, Hochgefühle. Einfach unvergesslich!
Skidurchquerung von Hütte zu Hütte – Die Urner Haute Route
Traumhaft: Die letzte Abfahrt vom Grassen – wie eine Essenz der fünf Tourentage: Anstrengung, Bergleidenschaft, Hochgefühle. Einfach unvergesslich!