Moderner Klassiker
«Santé, ... proscht!», Janicke stösst mit Urs und dem Rest der Gruppe an. Rundherum die Urner Alpen in festlichem Winterweiss. Der Stimmung entsprechend wäre jetzt Champagner angemessen. Aber auf 2350 Metern tut’s auch Bier, in Dosen. Schon jetzt, am zweiten Abend der fünftägigen Skidurchquerung von Andermatt nach Engelberg, steht für jeden in der Tourentruppe fest: Die Urner Haute Route ist eine ganz besondere Skidurchquerung. Nur wenige Ecken der Alpen zeigen sich noch so ursprünglich.
Ganz piano – Auftakt auf den Spuren von «Goldfinger»
Als die Sonne hinter den Graten des 3586 Meter hohen Galenstocks verschwindet, erreicht die Tourentruppe die Albert-Heim-Hütte. Drinnen kämpft ein fast glühender Schwedenofen gegen die feuchte Kälte der alten Granitwände an. Ein bisschen Heimeligkeit muss sein. «Die Urner Haute Route oder Teilstücke davon werden begangen, seit die Hütten da sind», erzählt Markus Wey beim Nachtessen. Für den Bergführer und Technischen Leiter der Mammut Alpine School aus Andermatt ist diese Skidurchquerung wie eine Aufführung im heimischen Konzertsaal. Die Albert-Heim-Hütte gehört seit fast 100 Jahren als Loge dazu. «Aber erst in den letzten 20 bis 25 Jahren wird die Route als Skitour regelmässig begangen, seit einige Hütten auch im Winter bewartet werden.»
Zweiter Tag, zweiter Satz: ein Wechsel von andante moderato und allegro molto. 5 Uhr früh. Über der Hütte leuchten noch die Sterne. Aufstehen. Frühstück: Brot, Marmelade, Bergkäse, Müesli, Tee. Los! Karabiner und Harscheisen klickern metallen in der klaren Morgenluft. Über den Gipfeln im Osten ist ein schwacher heller Schein zu erahnen. Die Kanten kratzen in der Dämmerung über den harschigen Schnee: Ccchhhrr, Ccchhhrr! Die Beine sind noch etwas steif und ungelenk von der Nacht, die Augen klein und müde. Doch gleich sind alle wach. Ein steiler Pulverhang führt in die Mulde am Fuss des Lochbergs.
Es ist noch schattig beim Aufziehen der Felle. Ein kühler Wind streift die Bergflanken herab. Doch nach ein paar Kehren hinauf Richtung Winterlücke zwischen dem Winterstock (3202 m) und dem Lochberg (3030 m) taucht die Sonne die kupierten Hänge in goldenes Morgenlicht. Einsam mäandern ein Stück tiefer die Arme des Lochbergbachs durch die Senke. Trotz der dicken Schneedecke sind seine Adern erkennbar. Und rundherum? Stille. Einsamkeit. Kaum eine Spur im Schnee. «Die Route von Andermatt nach Engelberg ist für die meisten eine Reise durch eine <Terra incognita>», sagt Markus Wey und nickt vielsagend. Der Landstrich zwischen dem Urserental und Engelberg ist im Winter ohne Ski so gut wie unzugänglich. «Entsprechend wenig frequentiert ist die Route.» Sie führt vom Urserental über die Winterlücke ins Göschenertal. Höhepunkt ist das 3503 Meter hohe Sustenhorn mit der Abfahrt über den zerklüfteten Steingletscher zum Sustenpass. Weiter geht es über die Fünfingerstöcke zum Grassen, dem Nachbargipfel des Titlis, und schliesslich hinab nach Engelberg. Fünf Tage Abenteuer in Etappen, von Hütte zu Hütte, verteilt auf rund 6500 Höhenmeter.
Crescendo – 1000 Höhenmeter wilder Freeride-Ritt
Das weisse Tal um den See fängt die Spätwintersonne ein wie ein überdimensionaler Hohlspiegel. Es ist windstill. Kein Laut, absolute Ruhe. Die Welt schweigt – wie in Ehrfurcht vor dieser Monumentallandschaft. Wie verstreute Ameisen wirkt das Tourenteam. Kleine Grüppchen ziehen das Tal hinauf, jeder in seinem Tempo. Hier unten in der Talsohle – obwohl auf fast 2000 Metern – herrscht eine Hitze fast wie am Strand. Die Schläfen pochen, schweissnass die Hände und Arme, die Zunge trocken und rau – Durst.
Eine gefühlte Ewigkeit später: Es nützt nichts. Auch wenn der Rücken vom Rucksack schon schmerzt, auch wenn die Oberschenkel signalisieren, dass das Tagespensum bereits erreicht ist, der ausgedörrte Mund nach Flüssigkeit lechzt, es geht noch einmal hoch. Steil. Kehre für Keh-re ... drei, vier ... acht, neun ... dann, endlich ... geschafft! Noch eine kurze Querung, die Chelenalphütte ist erreicht. Wie ein Vogelnest klebt sie zwischen den Felsen. Die ziehen jäh durch die Südflanke hinauf zum Gwächtenhorn.
unvergessliche Erlebnisse
Jahreszeit
März und April sind die besten Monate, um den grossen Bergen der Urner Alpen aufs Dach zu steigen.
Guide
Besonders wenn die Route über vergletschertes Gelände führt, ist ein Bergführer mit lokalen Kenntnissen ratsam.
Lawinengefahr
Vor dem Start unbedingt das Lawinenbulletin prüfen. Schon bei erheblicher Gefahr (LWS 3) sind die steilen Abfahrten und Anstiege heikel.
Ausrüstung
Zusätzlich zur Standard-Tourenausrüstung: Klettergurt, Harscheisen, Steigeisen, Pickel, Eisschrauben, 2 Schraubkarabiner, Schnappkarabiner, Bandschlinge 120 cm, Prusikschlingen, Karte und Kompass (oder GPS), ein Seil pro Gruppe. So leicht wie möglich, so viel wie nötig packen (Bekleidung, Accessoires etc.). Die Aufstiege sind lang, und jedes Gramm muss selbst getragen werden.
Technik
Erfahrung bei Spitzkehren im steilen Gelände ist ratsam – am besten vor der Tour üben. Routine gibt nicht nur Sicherheit, sondern spart eine Menge Kraft.
Essen und trinken
In der Höhe benötigt der Körper mehr Flüssigkeit. Also viel trinken (mind. 2 L Flüssigkeit mitnehmen) und regelmässig essen.
Schlechtes Wetter
Bei schlechtem Wetter auf die nächste Hütte zurückkehren oder die Tour abbrechen – hier sollte kein Risiko eingegangen werden.
Gutes Wetter
Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor (LSF 50+), Sonnenhut oder Kappe sind unerlässlich.
Fitness
Am besten keine physiologischen Grenzgänge anpeilen. Die Etappen sollten zum persönlichen Fitnesslevel passen. Für Notfälle sollten auch noch genügend Energiereserven vorhanden sein.
Largo – Spaghetti und Vino zum Tagesausklang
Die Steilpassage hinauf zum Brunnenfirn ist am nächsten Morgen knüppelhart gefroren. Tückisch! Wer jetzt das Gleichgewicht verliert und ausrutscht, wird Mühe haben, die Fahrt in die Tiefe zu bremsen. Gut, dass Urs und Markus als Bergführer dieses Stück schon tags zuvor spätnachmittags angespurt haben, als der Schnee noch weich und firnig war. So haben nun auch die weniger routinierten Tourengeher in der Gruppe kein Problem, mit Harscheisen an den Ski den Hang zu meistern. Bravo!
Noch am Vormittag ist die Sustenlimi-Scharte erreicht – der Übergang zum Sustengletscher. Das Sustenhorn scheint nur ein paar Steinwürfe entfernt. Doch die gut 400 verbleibenden Höhenmeter werden nicht nur wegen der Ausblicke auf das umliegende Gletscher- und Gipfelmeer zu einem atem(be)raubenden Erlebnis. Die dünne Höhenluft spürt nun jeder. Dieser dritte Tag ist der entscheidende Ausdauertest dieser Tour. Jonas war noch nie zuvor auf einer ähnlichen Höhe. Als Marathonläufer ist er fit. Doch das ist eine andere Herausforderung. Er kämpft. Schritt für Schritt. Höhenmeter für Höhenmeter. «Langsam!», beruhigt Markus. Als routinierter Bergführer weiss er, wie wichtig es in der Höhe ist, die Langsamkeit zu entdecken. «Geh’ dein eigenes Tempo, deinen eigenen Rhythmus, dann schaffst du das.» Zu einer Haute Route gehört nun mal auch die Auseinandersetzung mit der Höhe. Kaum hat Jonas die Ski neben dem Gipfelkreuz abgeschnallt, ist die Anstrengung vergessen. Elend und Lethargie des Aufstiegs weichen einer spontanen Euphorie. Gipfelglück. Fernsicht bis in die Westalpen. Noch immer sind seine Beine schwer. Aber Jonas schwebt im siebten Himmel.
Abfahrt! Der nächste Satz: multo furioso. Der Höhenwind der Vortage hat den Schnee gepresst, geformt, zerfurcht. Was eigentlich als genussvolle nordseitige Pulverabfahrt geplant war, wird zum wilden Rodeo-Ritt. Als wolle der Berg seine Bezwinger abschütteln. Als sollten die Besucher dieser Sinfonie von Eis und Schnee im Orchestergraben landen – in den Spalten zwischen den türkis leuchtenden Séracs des Steingletschers. Prompt löst sich im Gerüttel die Bindung. Aus einem Überschlag im Steilhang werden zwei, drei, vier. Noch ein fünfter, noch 30 Meter Schlitterpartie, dann hat der Sturz ein Ende. Alle Kno-chen sind noch heil. Abschütteln. Weiter. Unten an der Steinlodge an der Sustenpassstrasse hat jeder das Gefühl, als hätte er eine Stunde lang auf einem Rüttelgerät gestanden. Zeit für Kaffee und Kuchen. Und sogar heisse Duschen gibt es heute. Welch ein Komfort!
Pianissimo – meditative Anstiege im Nebel
«Keine Wolke.» Diese beiden Worte reichen, um schon beim Frühstück die Motivation für die Schlussetappe nach oben zu treiben. Bald färben sich die Gipfel in kräftigen Orange-Tönen. Die Tonart beim langen Aufstieg von der Sustlihütte zum Grassengrat ist eindeutig wieder Dur. Jeder Höhenmeter ein Genuss, jede Rampe ein Vergnügen – denn auf den Plateaus an der Südseite des Grassen wird das Panorama von Stockwerk zu Stockwerk imposanter: Wendenhorn, Wasenhorn, gegenüber das Sustenhorn. Felsnadeln, Gletscherbrüche, Sé-racs, riesige, weite Schneefelder – und kein Mensch weit und breit. Bühne frei für den finalen Satz der Gletscher-Sinfonie. Ein Stück voller emotionaler Höhepunkte und Leidenschaft: appassionato!
Furioso – Traumabfahrt als Belohnung
CHARAKTER
Die geschichtsträchtige Mehrtagesskitour von Andermatt nach Engelberg führt durch besonders einsame Landstriche der Zentralschweiz. Ein Hauch von Abenteuergeist umweht die grandiosen Etappen von Hütte zu Hütte. Die Gipfeltouren vom Lochberg, Sustenhorn, zu den Fünffingerstöcken und zum Grassen bieten anschliessende traumhafte und rassige Abfahrten.
Die imposante Route ist eine deutlich weniger frequentierte und durchaus attraktive Alternative zur Walliser Haute Route. Sie zählt zu den grossen Skidurchquerungen der Zentralschweizer Alpen und hat bereits eine lange Tradition.
ROUTE
1. Tag: Von Realp über die verschneite Furkapassstrasse bis zum alten Hotel Galenstock. Nun nordwärts dem abwechslungsreichen Kammverlauf folgend zur Albert-Heim-Hütte (2543 m).
Aufstieg: 1000 hm; Gehzeit ohne Pausen ca. 3 h
Schwierigkeit: WS
2. Tag: Kurze Abfahrt an den Fuss des Sunnig Berg. Danach durch eine grosse Mulde zur Winterlücke. Entweder weiter zum Lochberg (3074 m) oder direkte Abfahrt zur Staumauer des Göscheneralpsees. Nun auf dem Sommerweg durch das Chelenalptal zur urigen Chelenalphütte (2350 m).
Aufstieg: 1300 hm; Abfahrt 1200 hm; Gehzeit ohne Pausen ca. 4 h.
Schwierigkeit: S+
3. Tag: In gleichmässiger Steilheit zur Sustenlimi hinauf. Entlang des Südgrates zum höchsten Punk, dem Sustenhorn (3503 m). Bei gutem Wetter grandioser Ausblick. Beeindruckende Abfahrt an den Seracs des Steingletschers vorbei hinunter zur Steinalp Lodge beim Hotel Steingletscher (1865 m).
Aufstieg: 1150 hm; Abfahrt 1650 hm; Gehzeit ohne Pausen ca. 3.5 h
Schwierigkeit: S+
4. Tag: Aufstieg durch das Obertal, vorbei an den Fünffingerstöcken zum Uratstock (2911 m). Abfahrt hinab in die Ebene von Chli Sustli. Kurzer Aufstieg zur Sustlihütte (2257 m).
Aufstieg: 1300 hm; Abfahrt 900 hm; Gehzeit ohne Pausen ca. 4 h
Schwierigkeit: S+
5. Tag: Aufstieg südseitig von der Sustlihütte zu Stössenfirn und über den Stössensattel am Grassenrat nordseitig zum Gipfel des Grassen (2946 m), einen der schönsten Skigipfel der Zentralschweiz. Tolle Blicke auf die mächtige Titlis Südwand. Abfahrt vorbei am Grassenbiwak über die weiten Hänge des Firnalpeligletschers und danach durch Rinnen und Mulden bis nach Herrenrüti-Engelberg ab. Eine Abfahrt der Sonderklasse!
Aufstieg: 700 hm; Abfahrt 1800 hm; Gehzeit ohne Pausen ca. 2 h
Schwierigkeit: S
UNTERKÜNFTE
Albert-Heimhütte SAC, Tel. 041 887 17 45, albertheimhuette.ch
Chelenalphütte SAC (Winterraum), Tel. 041 885 19 30, chelenalp.ch
Steinalp Lodge, Tel. 0133 975 12 22, sustenpass.ch
Sustlihütte SAC, Tel. 041 885 17 57, sustlihuette.ch
ALLGEMEINE INFORMATIONEN
Andermatt-Urserntal Tourismus GmbH, Tel. 041 888 71 00
Engelberg-Titlis Tourismus AG, Tel. 041 639 77 77, engelberg.ch
Bergführer sowie Möglichkeit der Buchung der gesamten geführten Urner Haute Route
Mammut Alpine School, Tel. 062 769 81 83, alpineschool.mammut.ch
KARTEN
Swisstopo Skitourenkarten 1:50’000, Kartenblätter 245 S Stans, 255 S Sustenpass, 256 S Disentis/Mustér; Landeskarten 1:25’000, Kartenblätter: 1191 Engelberg, 1211 Meiental, 1231 Urseren; swisstopo.admin.ch
BESTE JAHRESZEIT
März und April
BEKLEIDUNG / ACCESSOIRES
GoreTex-Jacke, Skitouren- oder Skihose, SoftShell- oder Fleece-Jacke, dünne, winddichte Fingerhandschuhe, warme Finger- oder Fausthandschuhe, Mütze, evtl. Stirnband oder Schlauchtuch, funktionelle Socken (1 Ersatzpaar), funktionelle Unterwäsche kurz/lang.
Rucksack mit Hüftgurt (30-40 L), Sonnenbrille und Skibrille, Sonnen- und Lippencrème, Sonnenhut oder Kappe, Trinkflasche (von Vorteil Thermosflasche), Taschenmesser, Stirnlampe mit neuen Batterien, Erste-Hilfe-Set, Heftpflaster, Blasenpflaster (Compeed), Alpenvereinsausweis, Kamera, evtl. Feldstecher.
Technische Ausrüstung:
Tourenski, Felle, Harscheisen, Skitourenschuhe, Steigeisen, Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), Lawinenschaufel und -sonde, Ski- oder Teleskopstöcke (grosse Teller), Klettergurt mit 2 HMS-Karabinern, Bandschlinge 120 cm; ein Seil pro Gruppe.
SICHERHEIT
Die Freeride-Touren führen zu grossen Teilen durch ungesichertes alpines und hochalpines Gelände. Entsprechende Tourenerfahrung und Know-how in puncto Einschätzung der Lawinengefahr und Gefahren im vergletscherten Gelände sind deshalb unbedingt nötig. Im Zweifel buchen Sie einen Guide/Bergführer.
Ein LVS-Gerät und ein Rucksack mit Schaufel und Lawinensonde gehören zur Pflichtausstattung. Ebenso Ski mit tourentauglicher Bindung und Steigfelle. Je nach Tour auch Gletscherausrüstung und Seil.
Orientierung: Besorgen Sie sich vor der Tour genaue Karten der Gebiete im Massstab 1:25’000. Auch ein GPS-Gerät ist sinnvoll.
Checken Sie jeden Tag vor dem Start Wetter- und Lawinenlage.
Route: Verzichten Sie bei schlechter Sicht oder Lawinengefahr auf Abfahrten in unbekanntes Gelände abseits der Pisten. Brechen Sie die Tour notfalls ab oder bleiben Sie im Skigebiet.
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