Der Weg zum Trail
Die Kraft von Fernwanderwegen ist nicht erst seit dem Hype um einen auf dem Jakobsweg umherpilgernden Hape Kerkeling bekannt. Menschen suchen zu Fuss seit jeher nach irgendeiner Form von Hilfe. Egal, ob es um die Vergebung von Schuld und Sühne geht oder um die Sehnsucht nach Einfachheit und Entschleunigung. Ben will zum Runterkommen nicht um die halbe Welt fliegen, sondern auf seiner Wanderung die Alpen mit dem Meer verbinden. Weitwanderwege gibt es viele: Wir durchforsten Führer und Plattformen im Internet. Der Plan nimmt Gestalt an: Alpe Adria Trail. Start: Grossglockner. Ziel: Muggia. Der gesamte Strecke führt auf 37 Etappen mit 750 Kilometern durch Kärnten, Slowenien und Italien. Auf dem Weg ans Meer nehmen wir uns nur einen Teil davon vor und wollen mithilfe des Shuttle-Angebots möglichst viel von den drei Ländern, ihren Landschaften und Kulturen erleben.
Fremdkörper
Auf der ersten Etappe hält der Trail, was er verspricht: Er bringt uns runter, körperlich und geistig. Die knapp 1100 Höhenmeter Abstieg aus der alpinen Bergwelt um den Grossglockner ins kleine Bergsteigerdorf Heiligenblut mit dem von Weitem sichtbaren spitzen Kirchturm der Wallfahrtskirche St. Vinzenz. Als wir am späten Nachmittag ankommen, sind wir platt und positiv gestimmt. So wie nach einer der vielen Wochenendtouren in den heimischen Bergen. Doch es fühlt sich anders an. Tag eins ist geschafft und wir sind gespannt, was uns erwartet.
Alltagsmodus
Wir streifen das Nordufer des Millstätter Sees. Nach Tagen auf einsamen Wegen fällt uns der Trubel des 6000-Einwohner-Ortes Seeboden richtig auf. Wir beobachten amüsiert das geschäftige Treiben am Seeufer, sind mittendrin und gehören doch nicht richtig dazu. Es ist Zeit, weiterzuziehen, hinein in die Nockberge in Richtung Millstätter Alpe. Auf den 20 Kilometern zum Etappenziel steigt der Weg sanft an, zuerst durch den Wald und dann über offene Alpen mit Tiefblick auf den Millstätter See. Schritt für Schritt finden wir zurück in den mittlerweile gewohnten Rhythmus. Am Abend erreichen wir die unscheinbare Alexanderhütte, ein kleiner bewirteter Berggasthof mit Schlafmöglichkeiten. Ein fast schon kitschiges Postkartenmotiv, idyllisch an der Hangkante gelegen mit freiem Blick auf den Millstätter See. Durch die dunklen Holzbalken wird die Hütte in der Dämmerung fast unsichtbar. Innen erwartet uns eine kleine Gaststube samt noch kleinerer Küche. In ihr werkelt Hüttenwirtin Uschi. «Jetz miasts eich a bissl schicka, mim Ess’n bestell’n», drängelt sie die späten Gäste mit einem Lächeln – herzlich, aber resolut: «Wissts, i muas glei nunta ins Dorf». Zum Glück ist es nicht schwierig, schnell etwas zu finden. Der Hunger ist gross, die Speisekarte übersichtlich. Mit dem, was dann kurze Zeit später vor uns steht, hätten wir nicht gerechnet: In einem kleinen Emailletöpfchen mit ordentlich Patina dampft die beste Kaspressknödelsuppe unseres Lebens. Die Brühe schmeckt kräftig nach frischen Bergkräutern, der heisse Käse aus der hütteneigenen Sennerei zerläuft auf der Zunge. Satt und selig klettern wir wenig später in unser kleines Zimmer über dem Stall. Ich schlafe, Ben schläft. Kaputt, erfüllt, ohne Rückenschmerzen.
Das Duell
Dementsprechend hart ist der nächste Morgen. Zumindest die frischen Temperaturen erleichtern uns zum Glück den Start in den Tag. Das Tal der Soča wartet. Der Fluss schimmert in verführerischem Türkis. Mit seinen Stromschnellen zwischen den unzähligen Trögen und Kolken ist er ein Hotspot für Kajakfahrer. Vom Ufer aus beobachten wir noch etwas unbeholfene Einsteiger-Gruppen und elegante Weisswasser-Experten. Die Soča – beziehungsweise der Isonzo, wie der italienische Teil heisst – gilt als einer der schönsten Flüsse Europas. Und gleichzeitig als einer der tragischsten Orte der europäischen Geschichte. Denkmäler und Infotafeln erinnern hier noch heute an die grösste Bergschlacht im Ersten Weltkrieg.
Zukunft: ungewiss
STARTORT
Kaiser-Franz-Josefs-Höhe, Grossglockner
ZIELORT
Muggia, italienische Adria
ETAPPENANZAHL GESAMT
37
GESAMTLÄNGE
750 Kilometer
UNTERKÜNFTE
Entlang des Trails stehen eine Vielzahl an Hotels, Pensionen, Hütten oder Jugendherbergen bereit, die alle auf die Bedürfnisse von Weitwanderern ausgerichtet sind.
PLANUNG UND BUCHUNG
Über das Buchungscenter des Alpe Adria Trails kann eine individuelle Reise zusammengestellt werden.
SHUTTLE-ANGEBOT
Mit dem «Green-Spirit-Paket» lassen sich manche Etappen umweltfreundlich mit gebuchten Zug-Transfers überspringen. Zudem werden in den Unterkünften «Null Kilometer Gerichte» serviert – aus fair und regional produzierten Lebensmitteln. Grundsätzlich ist die Planung des Alpe Adria Trails völlig flexibel. Man kann überall in den Trail einsteigen, ihn überall beenden, es gibt sogar einen Transportservice für das Gepäck.
BESTE WANDERZEIT
Eine Begehung des Alpe Adria Trails ist fast das gesamte Jahr möglich. Nur die Wintermonate eignen sich aufgrund der Höhenlagen im Grossglockner-Gebiet nicht. Auf der Internetseite des Trails gibt es eine tagesaktuelle Übersicht zu den Bedingungen an den jeweiligen Etappenorten.
INFORMATIONEN
alpe-adria-trail.com oder in der App des Trails
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