Einschüchternd wirkt ihre gedrungene, rabenschwarze Gestalt: voller Muskeln, alpine Bodybuilder, das Gesicht etwas zerknautscht, von gewaltigen Hörnern gekrönt. «Dabei sind sie nur neugierig und doch eigentlich ganz friedliebend, wenn man sie in Ruhe lässt», behauptet Pierrot, der uns zum «Combat de Reines», dem Kuhkampf seines Heimatdorfes Vollèges mitgenommen hat. Aus dem natürlichen Instinkt der Eringer, sich zu Saisonbeginn ihre Rangordnung auf den Hochweiden zu erkämpfen, hat sich ein Volkssport entwickelt. Mitte April fiebern Bauern und Schaulustige am Eingang des Val de Bagnes um den Titel der Kuhkönigin, der «Reine des Reines». Nein, es geht dabei nicht um Geld. Aber um Ruhm. Dem Besitzer der Gewinnerkuh winken eine nagelneue Kuhglocke und grosse Ehre.
Eringer-Ehre und eisige Giganten
Sehr ursprünglich solle es sein, hat Pierrot versprochen. Ganz anders als Verbier, das sich seit den 1950er-Jahren von einem weltabgeschiedenen Bauerndorf zu einer Wintersportmetropole mit Weltruf entwickelt hat und heute fast ganz in den Händen ausländischer Investoren liegt.
Schon bei der Einfahrt ins Tal blenden die Eisgipfel von Grand Combin und Mont Vélan. Dass man selbst in diesen abgelegenen Winkel ganz gemütlich mit der Bahn anreisen kann, ist dem Staudammbau von Mauvoisin zu verdanken. Ein «schlechter Nachbar» war er einst, der Mauvoisin. Leid und Schrecken brachte er über das Tal, weil sich in seiner Schlucht Eisabbrüche des Giétro-Gletschers zum See stauten und Flutwellen, wie 1595 und 1818, Häuser und Menschenleben mit sich rissen. Der Bau des Staudammes in den 1950er-Jahren brachte das Ende jener Naturkatastrophen und füllt mit dem produzierten Strom seither die Gemeindekasse. Ein perfekter Deal, so man von der Veränderung der Landschaft absieht.
Geschichtsträchtig – auf alten Wasserwegen
Nachdem wir die Bisse du Levron erreicht haben, folgt bequemes Panoramawandern entlang der Höhenlinie. Wie eine Sahnehaube ragt das Grand-Combin-Massiv aus dem Gipfelband. Im Westen bohren sich eindrucksvoll die Granitnadeln der Aiguilles-Kette in den Himmel. Weil das Wasser Leben bringt, gedeiht eine prächtige Alpenflora an seinem Wegesrand. Auch den Eringern, die sich über die weiten Wiesenterrassen verstreuen, scheint es zu schmecken. Vielleicht mag die etwas ausufernde Chalet-Siedlung von Verbier ein kleiner Dorn im Auge sein, doch den Komfort der Cabane du Mont Fort schätzt wahrscheinlich jeder. Dem Etappenziel am Rande des Skigebiets hat der Wintertourismus einen Ausbau eingebracht: Zweier- und Viererzimmer, dazu Etagendusche. Von der Terrasse stiehlt der Montblanc den Combins die Schau. Letztere dürfen anderntags brillieren.
Steinbock-Safari – ein Paradies für Bergwild
Juwel, in dem sich die Combins spiegeln.»
Unter 211 Millionen Kubikmeter gestautem Wasser zu schlafen, da kann einem schon ein bisschen Angst und Bange werden. «Naja, 70 Jahre hat's gehalten, da wird auch jetzt nichts schiefgehen», besänftigt Dieter und prostet mir vor einem im letzten Sonnenlicht golden schimmernden Johannisberg zu.
Eisige Impressionen im «Mini-Himalaya»
Was wohl das Kürzel FXB im Namen bedeutet? Die Stiftung François-Xavier Bagnoud habe beim Bau finanziell unter die Arme gegriffen, klärt uns Hüttenwart Henri auf. François-Xavier, damals bei Air Glaciers, mit 23 Jahren der jüngste Helipilot Europas, rettete über 300 Menschenleben. Im Januar 1986 verunglückte er, 24-jährig, über der Wüste Malis. Seine Familie und engste Freunde gründeten daraufhin die Stiftung, um François-Xaviers Mission, die Fürsorge für andere, fortzusetzen. Ein weisser, strahlender Mond taucht wie zur Bekräftigung über den Bergketten auf und hüllt die Gletscherlandschaft in ein übernatürliches Licht. Lange stehen wir vor der Hütte. Schweigend. Die ersten Sterne blitzen auf. Als eine Schnuppe vom Himmel fällt, wünschen wir uns was. Dass die Tour nie enden möge? Halt, man darf ja nichts verraten, soll es in Erfüllung gehen.
Office du Tourisme du Val de Bagnes, Chemin de la Gare 2, 1934 Le Châble, Tel. 027/775 38 70
Tourismusbüro von Verbier, Place Centrale 2, 1936 Verbier, Tel. 027/775 38 88, verbier.ch
AUSRÜSTUNG
Normale Wanderausrüstung. Stöcke erleichtern die teilweise sehr steilen Abstiege.
ANREISE
Mit dem Zug über Martigny nach Le Châble, Hauptort des Val de Bagnes.
ROUTE
1. Tag: Le Châble (821 m) – Cotterg (866 m) – Pâtier – Saint Christophe (1583 m) – Le Château (1751 m) – Chute du Bisse (1900 m) 3 h – Bisse du Levron – Les Planards (1929 m) – Les Ruinettes (2195 m) 3.30 h – Cabane du Mont Fort (2457 m) 1 h: gesamt 7.30 h, 1640 Hm.
Den ersten Wandertag kann man sich auch mit Seilbahn von Le Châble nach Verbier und weiter zur Ruinettes abkürzen.
2. Tag: Cabane du Mont Fort – Sentier des chamois – Col Termin (2648 m) – Lac de Louvie (2213 m) – Cabane de Louvie, 2250 m: 4 h
3. Tag: Cabane de Louvie – Le Da (2365 m) – Col du Sarshlau (2622 m) – Ecurie du Crêt (2298 m) – Ecurie du Vasevay – Talstrasse (1790 m) – Mauvoisin (1841 m): 4 h, 450 Hm im Aufstieg, 850 Hm im Abstieg.
4. Tag: Mauvoisin – Col de Tsofeiret (2625m) – Violettes (2522 m) – Cabane de Chanrion (2462m): 4 h, 800 Hm im Aufstieg, 180 Hm im Abstieg.
5. Tag: Chanrion (2462m) – Pont du Lancet (2040m) – 2 km dem Stausee entlang – Les Rosses/Ecurie de la Lia (2180 m) – Pazagnou (2140 m) – Col des Otanes (2846 m) – Cabane FXB Panossière (2645 m): 7 h, 1060 Hm Aufstieg, 750 Hm Abstieg.
Variante: Die Route zur Cabane de Chanrion auslassen und direkt zur Cabane FXB Panossière: 4.30 h, 1060 Hm Aufstieg, 240 Hm Abstieg.
6. Tag: Cabane FXB Panossière – Glacier de Corbassière (2500 m) – Col des Avouillons (2600 m) – Cabane Brunet (2103 m) – Servey (2074 m) – Cabane de Mille (2473 m): 6.30 h, 660 Hm im Aufstieg, 840 Hm im Abstieg. Der Gletscher ist flach, weist kaum Spalten auf und bietet für Wanderer keine Probleme, ausser, dass man am frühen Morgen aufpassen muss, nicht auszurutschen. Route mit Stangen markiert.
7. Tag: Cabane de Mille – Mt. Brulé (2569 m) – Le Larzey (1861 m) – Moay (Wirtshaus, 1589 m): 3.20 h, 100 Hm im Aufstieg, 1000 Hm im Abstieg. Mit dem Bus nach Le Châble.
UNTERKÜNFTE
Cabane du Mont Fort, 2457 m, Ende Juni bis Mitte Sept., Tel. 027/778 13 84, cabanemontfort.ch
Cabane de Louvie, 2250 m, Juni bis Mitte Sept., Tel. 027/778 17 40, louvie.ch
Hotel de Mauvoisin, 1841 m, Mitte Juni bis Anfang Okt., Tel. 027/778 11 30, hoteldemauvoisin.ch
Cabane de Chanrion, 2462 m, Mitte Juni bis Mitte Sept., Tel. 027/778 12 09, chanrion.ch
Cabane FXB Panossière, 2645 m, Mitte/Ende Juni bis Mitte/Ende Sept., Tel. 027/771 33 22, cabane-fxb-panossiere.ch
Cabane Marcel Brunet, 2103 m, Anfang Juni bis Anfang Okt., Tel. 027/778 18 10, cabanebrunet.ch
Cabane de Mille, 2473 m, Mitte Juni bis September, Tel. 027/783 11 82, cabanedemille.ch
KARTE
Swisstopo 1:50 000, Blatt 282 T, Martigny, und Blatt 283 T, Arolla. Oder Blatt 5027 T, Grand St-Bernard-Combins-Arolla.
LITERATUR
Wanderführer Unterwallis, Waeber/Steinbichler, Bergverlag Rother
Tour du Val de Bagnes, François Perraudin, in den Tourismusbüros vor Ort, nur auf Französisch
88 Suonenwanderungen, Peter Jossen, Rotten Verlag.
Weitere Artikel und Tests
-
Wander & TrekkingsockenEntdeckt
BUFF LW Crew Socken aus Merinowolle
Leichte Wandersocke für Unternehmungen bei warmen Temperaturen.
Zum Produkt24.95 CHF2026 -
Bergsport & KletterhosenGetestet
Ortovox Affinity Plus Pants
Die Affinity Plus Pant wurde von Ortovox speziell fürs Klettern entwickelt. Sie ist Teil der im Sommer 2026 neu eingeführten Affinity-Sportkletterserie. Das Material besteht aus einem 4-Wege-Stretch [..]
Zum Test149.90 CHF2026447 g -
ZelteGetestet
Nemo Dragonfly Osmo 2P
Leicht, luftig und voller cleverer Details. Das Dragonfly Osmo des kleinen, amerikanischen Unternehmens Nemo ist ein Trekkingzelt, das beim ersten Kontakt vor allem mit seinem kleinen Packmass, dem [..]
Zum Test550.00 CHF20261.260 g -
Trekkingschuhe & WanderschuheGetestet
Meindl Antero 3.0 GTX
Der Meindl Antero 3.0 GTX ist ein hoher Wanderschuh für Tageswanderungen und mehrtägige Touren in Mittelgebirgen, Voralpen und moderatem Berggelände. Der Schaft besteht im Wesentlichen aus Polyester [..]
Zum Test269.90 CHF20261.080 g