Es ist vollbracht – fast. Noch eine Stunde. Hinab zum Passo Falzarego. Dann geht dieser Lauf auf alpinen Traumpfaden zu Ende. Vorher noch einmal durchatmen. Geniessen. Den Moment aufsaugen. Losgelöst von der Zeit. Die scheint still zu stehen. Erst ein leises «Jetzt sollten wir aber, ... es wird bald dunkel!» von Urs bringt die Uhr wieder zum Ticken. Wenig später springt er wie eine Gämse die Serpentinenpfade bergab, ich hinterher. Im letzten Dämmerlicht des Abends erreichen wir unser Ziel, den Falzarego-Pass.
Minimales Gepäck – der Schlüssel zum Erfolg?
Bei meinem Begleiter Urs habe ich da keine Bedenken. Der Bergführer aus Meiringen im Berner Oberland ist fit wie ein Laufschuh, trainiert gerade für den Eiger Ultra Trail: 101 Kilometer und 6700 Höhenmeter nonstop. Was mich selbst betrifft, bin ich da schon skeptischer. Mit Biken und Rennradfahren habe ich mich den Sommer über halbwegs fit gehalten. Doch nach einer Verletzung im Frühjahr fehlt mir die Laufpraxis. Gerade mal zwei Waldläufe habe ich in den vergangenen vier Monaten absolviert – aus schlechtem Gewissen gerade mal zwei, drei Tage vor unserem Start. Halte ich das durch?
«Wir gehen’s ruhig an», lächelt Andreas Irsara. Der Mountainbike- und Trailrunning-Guide ist in La Villa, unserem Ausgangsort, aufgewachsen. «Tre caffè si prega!», ordert er vor dem Start. An der Bar dampfen drei Espressi. Draussen verhüllen noch schwere, graue Wolken die Gipfel. Reste eines mächtigen Gewitters in der Nacht. «20 bis 25 Kilometer pro Tag, das wird ein Genuss», prophezeit Andreas und kippt die dunkle Essenz mit einem Schluck runter. Zwei Stunden später wäre der Kreislauf auch ohne den schwarzen Muntermacher in Schwung. Wir arbeiten uns an die mächtige Wand des Heiligkreuzkofels (2907 m) heran. Immer wieder nimmt Andreas den Kopf in den Nacken und blickt hinauf. Nahe des Heiligkreuz-Hospizes auf gut 2000 Metern Höhe hält er kurz an und deutet nach oben. «Da, der Mittelpfeiler!» Reinhold und Günther Messner schrieben in dieser Kletterroute 1968 Alpingeschichte. Längst gehört sie zu den Superklassikern in den Dolomiten. Die Schlüsselstelle im oberen VII. Schwierigkeitsgrad galt damals als beinahe unmöglich. «Wir begnügen uns heute mit kleineren Herausforderungen», meint Andreas augenzwinkernd und schlägt den Kreuzweg ein, der sich im welligen Auf und Ab am Fusse der langgezogenen Felswand entlangschlängelt.
Grüssend kurven zwei Mountainbikerinnen vorbei. «Wenn der Trail gut für Bike-Touren ist, dann macht es auch Spass, ihn zu laufen», weiss Andreas aus Erfahrung. «Dann ist er weder rauf noch runter zu steil.» Für den ersten Tag hat er eine gemässigte Route gewählt. Lichte Lärchenwälder, sanfte Alpwiesen. Die Umgebung und die Panoramablicke sind dennoch spektakulär. «Typisch für Alta Badia», bemerkt er. Ein weiterer Vorteil: Im Tal reiht sich ein Dorf, eine Siedlung an die nächste. «Falls sich mal jemand verletzt oder ein Wettersturz ein Weiterlaufen vereitelt, ist man schnell wieder in der Zivilisation.» Ein ideales Terrain, um sich warmzulaufen.
Energie sparen – im kleinen Berggang bergauf
In der Tat ist das Laufen dem Menschen in die Wiege gelegt. «Gut zu laufen», philosophiert Bernd Heinrich in seinem Buch «Laufen», «ist für uns heute ein Wert und keine Notwendigkeit.» Heinrich ist emeritierter Professor für Zoologie an der Universität Vermont und selbst erfolgreicher Ultra-Läufer. Die nötigen Anlagen, sagt er, trage jeder in sich. «Wir haben Lungen, Gliedmassen, Herzen und Köpfe, die sich zum Laufen eignen, so wie die Zugvögel alles haben, was sie für ihre Reisen brauchen.» Die Fähigkeit, enorm ausdauernd zu laufen, hat dem Menschen im Laufe der Evolution das Überleben gesichert, ihn zu dem gemacht, was er heute ist. Und noch etwas habe der Mensch laut Heinrich den Tieren voraus: die Fähigkeit, zu träumen und diese Visionen in konkrete Ziele umzusetzen.
Wie fit muss ich für eine mehrtägige Trailrunning-Tour sein?
Du solltest natürlich fit genug sein, Strecken von 20 bis 25 Kilometern zu laufen. Wichtig ist es, nicht auf die Zeit zu schauen. Das sorgt nur für Stress. Man läuft einfach drauflos, wie beim Wandern. Ohne Wettkampfstress, ohne falschen Ehrgeiz. Und falls die Beine doch mal müde werden, wandert man einfach flott dahin. Du solltest einfach Spass daran haben, dich schnell fortzubewegen.
Nicht jeder ist daran gewöhnt, lange bergauf oder bergab
zu laufen – wie kann ich mich vorbereiten?
Das geht sogar in der Grossstadt und im Flachland: Treppensteigen, Treppenlauf, kleine Anstiege, Hügel, ... und am Wochenende mal eine Wanderung in den Bergen mit Laufpassagen, die man peu á peu erweitert. So kann man sich gut an längere Bergläufe herantasten. Ruhig auch mal auf schlechten, ruppigen Pfaden laufen, auf Wiesenboden, ... Wechselndes Terrain hilft, die Koordination beim Laufen zu verbessern. Und auf keinen Fall das Bergablaufen im Training vergessen, sonst droht auf Tour ein Megamuskelkater.
Worauf kommt es bei der Ausrüstung an?
Entscheidend sind die Schuhe. Im alpinen, oft schottrigen Gelände ist eine stabile Sohle mit gutem Grip besonders wichtig. Gleichzeitig sollte der Schuh aber noch flexibel genug sein für ein entspanntes Laufen. In den Laufrucksack gehören auf jeden Fall eine leichte Isolations- und Regenjacke sowie eine dünne Regenhose. Eine Kappe als Sonnenschutz ist gerade an klaren Tagen Gold wert. Gerade für Einsteiger sind auch Stöcke sehr hilfreich. Bergauf bieten sie eine gute Unterstützung. Bergab funktionieren sie im schwierigen, steilen Gelände als Balancehilfe und mindern das Risiko, abzurutschen.
Kein überflüssiger Ballast – die Freiheit des Läufers
Noch ein paar Minuten lang lässt der rote Feuerball am Horizont die Bergspitzen erglühen. Dann bricht die blaue Stunde herein. «Los!», ruft Andreas. «Der Hüttenwirt wartet nicht ewig mit dem Abendessen.» Oder besser gesagt, mit dem Dîner. Denn die Las Vegas Lodge, in der wir in dieser Nacht logieren – ja, logieren trifft es gut –, ist weit mehr als eine einfache Berghütte. Grosse Panoramafenster im Restaurant, eine chice Bar, elegante Designerzimmer – Wirt Ulli, ehemals Skiprofi und Skilehrer, weiss, wie man die Gäste aus dem Tal auf den Berg lockt. «Perfekt zum Regenerieren», schwärmt Urs. «Das ist doch was anderes, als ein Bettenlager mit einem Dutzend Schnarchern zu teilen!»
Der nächste Morgen. Lange bevor die ersten Wanderer vom Tal heraufkommen, ziehen Andreas und Urs ihre Spur über die menschenleeren Alpwiesen. Die Eisfelder des Marmolada-Gletschers blinken in der frühen Morgensonne. Eine Stunde später löst Andreas im Tal bei Corvara die Bergbahn-Tickets. – Mit der Gondelbahn? «Ja, auch das ist mal erlaubt», grinst unser Guide schelmisch. «Schliesslich haben wir auch so noch genügend Höhenmeter vor uns. Und die wollen wir ja geniessen.» In der Tat bietet sich das dichte Netz an Bergbahnen und Passstrassen geradezu an, kraftsparend Höhe zu machen und dann lieber eine zusätzliche Schleife durch die beeindruckenden Panoramalandschaften jenseits der 2000-Meter-Grenze zu ziehen.
«Bravo, bravo!» – Beifall am Steilanstieg
Im Labyrinth der Felsblöcke biegt plötzlich ein anderer Läufer ums Eck. Blitzende Augen, Vollbart, topfit, durchtrainiert. «Ciao a tutti», winkt er. Es ist Filippo Beccari, einer der besten Bergläufer der Region. «Gleich hinter meinem Haus beginnt eine der härtesten Wettkampfstrecken in den Dolomiten, hinauf auf den Col de Lana: 1000 Höhenmeter auf nur zwei Kilometern Strecke», erzählt er bei einer kleinen Pause. Vergangenes Jahr wurde Filippo Achter. Alleine wegen der Landschaft ziehen die Bergläufe in den Dolomiten mittlerweile Tausende von Teilnehmern an.
Das SkyRace auf den Piz Boe mit 1700 Metern Höhenunterschied ist Teil der internationalen Skyrunning-Rennserie. Die Krönung aber, so der 37-Jährige, sei das Sellaronda Trail Running: 61 Kilometer und 3670 Höhenmeter rund um das Sella-Massiv.
Noch faszinierender jedoch findet es Filippo, die abgelegenen Ecken seiner Hausberge zu erkunden, die wilde Schönheit. «Selbst viele ausgesetzte, extrem wirkende Gipfel kannst du hier auf guten Pfaden erreichen.» Ein Teil des Wegenetzes stammt aus dem Ersten Weltkrieg, als die italienischen Alpini und die österreichischen Kaiserjäger selbst auf den höchsten Dolomitengipfeln ihre Stellungen bezogen hatten. Spontan entschliesst sich Filippo, ein Stück mit uns zu laufen. «Kommt, ich zeige euch was!» Immer höher hinauf führt der Pfad. Endlich ist das Cir-Joch erreicht. Eine Felswüste wie aus einem Fabelreich. Der Puls pocht, die Oberschenkel scheinen kurz vorm Platzen. Zwei Panoramafotos. Weiter! Nach einem kurzen Downhill: die nächste Steigung. Hinauf zur Forcola di Crespeina. Die Mittagssonne heizt die Felswüste auf. Die Beine werden müde. Jetzt heisst es beissen. Vor mir läuft Andreas. Provozierend locker. Und diese Waden: wie Stahl! Ich stelle mir vor, es wären meine. Und schon geht es leichter. «Ja», sagt Andreas nickend, «bei langen Läufen in den Bergen passiert ein grosser Teil der Leistung im Kopf.» Das bestätigt auch Sportpsychologe Dr. Michele Ufer. In umfangreichen Forschungen mit Ultra-Trail-Läufern und Selbstversuchen hat er nachgewiesen: «Entscheidend ist ein mentaler Ressourcen-Reload: die Fähigkeit, in Grenzsituationen positive Bilder und Erfahrungen im Gehirn abzurufen und durch positive Konditionierung Energie zu aktivieren.»
Wilde Schönheit ... und der Sinn des Laufens
Allmählich verfinstern Wolken die Sonne. Dicke, graue Schleier fliegen heran, lassen die Bergspitzen im Nebel verschwinden. Ein unangenehmer kalter Wind pfeift über das karstige, knochenbleiche Felsplateau. Er peitscht ein paar Regentropfen, gemischt mit Graupel, vor sich her. Gut, jetzt noch eine zusätzliche Jacke im Laufrucksack zu haben. Ein paar Minuten später ist der Spuk vorbei. Letzte Wolkenfetzen umspielen die Schluchten des Sassongher. Wild und schön. Wie recht doch Filippo hatte.
Erst kurz vor der urigen Gardenacia-Hütte wird die Landschaft wieder grüner, lieblicher. Die Abendsonne setzt leuchtende Spots. Am Horizont türmen sich dunkle Gewitterwolken über den Felsskulpturen des Fanes-Massivs. «Pasta?», fragt die Bedienung. «Si, am besten gleich eine doppelte Portion!» – «Noch ein Grund, weshalb ich laufe», lacht Andreas, als das Nachtessen dampfend am Tisch steht. Er schenkt noch etwas Rotwein nach. «Gut, allzu viel sollte man sich davon natürlich nicht gönnen. Wir sollten ja auch regenerieren. Schliesslich ist morgen auch noch ein Tag.» Zwei Stunden später liegen drei Läufer tief und traumlos schlafend in den Betten.
Immer weiter – voll im Flow
Und ob sie noch wollen! Zwei Stunden später erreichen wir nach einem Slalom zwischen mächtigen Boulder-Blöcken eine grüne Senke. Wollgras leuchtet im Gegenlicht. Ringsherum wirken die Wände der Lagazuoi-Kette wie Mauern eines Amphitheaters. Die grossartige Kulisse für den letzten Akt unseres alpinen Etappenlaufes. Längst ist der Körper auf Dauerlauf programmiert. Der Kopf träumt vom nächsten Gipfel, von neuen Zielen. Zeit und Geschwindigkeit spielen keine Rolle. Vielleicht ist ja genau das Teil der Freiheit beim Laufen: aufzugehen in der Natur, in der Bewegung. Wie Kinder im Spiel. Versunken ins Abenteuer Trail. Eine Stunde später erreichen wir die Zinnen der Fantasy-Burg am Lagazuoi-Kamm. Beine und Kopf fühlen sich wunderbar leicht an. Das Experiment, es ist geglückt.
Alta Badia steht für den Südteil des Gardertales. Der Name ist ladinisch und bedeutet «Hochabteital». Zu Alta Badia gehören unter anderem die Gemeinden Corvara, La Villa, Colfosco und St. Kassian. Das weitläufige Netzt von mehr als 400 Kilometer Wanderwegen ist perfekt mit dem Wegenetzt der Nachbarregionen in den Dolomiten verbunden. Direkt erreichbar sind die Naturparks Puez-Geisler und Fanes-Sennes-Prags. Auf komfortablen Berghütten kann man nach den Tagesetappen der Trailrunning-Touren mit Genuss regenerieren. Selbst exponierte Gipfel sind auf Wanderpfaden mit Trailrunning-Ausrüstung erreichbar. Wer Höhenmeter sparen möchte, kann auch einige der zahlreichen Bergbahnen benützen.
Höhenlage: ca. 1400 – 3150 Meter (Piz Boe)
Charakter: Wechsel von sanften Wander- und Wiesenpfaden und hochalpinen mit Felsen, Kies und Schotter.
Beste Jahreszeit: Mitte Juni bis Mitte September
Guiding: Trailrunning-Guide Andreas Irsara, holimites.com;
Trailrunning in den Schweizer Alpen: Bergführer Urs Baumgartner, urs-baumgartner.com
ROUTE
1. Tag: La Villa – Heiligkreuz Hospiz – St. Kassian – Pralongià – Las Vega Lodge
2. Tag: Las Vegas Lodge – Corvara – Grödner Joch – Rifugio Jimmy – Cirjoch – Focula de Ciampei Somaturcia – Focula di Sassongher – Sterner Alm – Gardenacia Hütte
Gardenacia Hütte – Gardenacia Hochebene – Ciampani – Gardenacia Hütte – La Villa. Zusatzrunde: Passo Falzarego – Seilbahn Lagazuoi – Gran Forcela – Forcula Gasser – Forcula Travenanzes – Passo Falzarego
Weitere, individuell zusammengestellte Routen: siehe Guide Andreas Irsara
UNTERKUNFT
Hotels, Ferienwohnungen und Pensionen in allen Kategorien in Alta Badia; altabadia.org
Hütten:
Las Vegas Lodge, sehr komfortables, modernes Berghotel mit kreativer Küche, Tel. +39 0471 84 01 38, lasvegasonline.it
Albergo Rifugio Pralongiá, geschichtsträchtiger Berggasthof mit modernen Zweibett-Zimmern und Schlafsälen, gehobene Küche, Tel. +39 0471 83 60 72, pralongia.it
Gardenacia Hütte, traditionelle Berghütte mit Zweibettzimmern und guter Küche, Tel. +39 0471 84 01 28, gardenacia.it
Anreise:
A14 Rheintal Autobahn – Feldkirch – Bludenz – Imst – A 12 Innsbruck – A13 Brenner – Sterzing – Brixen Nord/Pustertal – SS49 – Richtung Bruneck – Abzweig SS244 Richtung Alta Badia – La Villa
RENNEN
Sellarondea Trail Running: 61,2 km, 3670 hm (16. September 2017), www.sellarondatrailrunning.com
Dolomite SkyRace: 22 km, 1750 hm (21./22 Juli 2017), dolomiteskyrace.it
Vertical KM Còl de Lana: 2 km, 1000 hm, v-km.it
Einsteiger-Tipp: Trialrunning zum Reinschnuppern jeden Donnerstag von 22. Juni bis 21. September in Alta Badia
Wegverlauf: Tourismusverein La Villa – Lech da Sompunt See – Lech dla Lunch See – Maso Runch – Lech da Sompunt See – Tourismusverein La Villa
Dauer: 3 Stunden
Streckenlänge: 10,5km
Höhenunterschied: 520m ↑↓
Schwierigkeit: mittel
Treffpunt: 09:30 Uhr Tourismusverein La Villa
Rückkehr: ca. 12:30 Uhr
Ausrüstung: Laufschuhe und Wasserflasche
Preis: 15 Euro
Anmeldung: Tourismusbüros in Alta Badia, altabadia.org
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