«Lass uns mal unsere Position checken», ruft Stefan Simon zu. Ihm ist ein bisschen mulmig. Das Donaudelta ist etwas grösser als das Wallis. Sich in dem Wirrwarr aus Flussläufen, Lagunen, Seen und blind endenden Wasserarmen zu verirren ist genauso wahrscheinlich, wie als Landei ohne Navi und Karte im Dschungel einer Grossstadt verloren zu gehen – mit dem Unterschied, dass man hier kaum jemanden trifft, den man schnell mal nach dem Weg fragen kann. Simon studiert die App auf seinem Smartphone, das er in eine wasserdichte Hülle gepackt hat. Ein paar Sekunden später meldet er: «Sind auf Kurs! Noch etwa einen Kilometer, dann geht es links ab in einen schmalen Flusslauf.»
Nicht nur im Kreis
Auf ihrer Suche nach genaueren Informationen und einer geeigneten Route durch das Wasserlabyrinth stiessen Simon und Stefan auf Cristian Mititelu. Cristian lebt in der Hafenstadt Tulcea am Rande des Donaudeltas, wo er Umweltschutzprojekte des «World Wide Fund for Nature» (WWF) koordiniert und Bird-Watching-Touren guidet. Er versorgte die beiden mit GPS-Daten und nannte ihnen Anlaufpunkte in der kaum bewohnten Sumpflandschaft. Trotzdem blieben immer noch genügend Ungewissheiten: Wo herrscht welche Strömung? Ist es möglich, dagegen anzupaddeln? Und: Je nach Wasserstand ändern sich die Uferzonen permanent. Wie findet man da einen geeigneten Lagerplatz?
Beim Start an der Marina in Tulcea-Mitte ist Simons und Stefans Anspannung fast greifbar. Werden die groben Karten und die wenigen fixen Koordinaten zur Orientierung reichen? Am Kai ragt die Skyline des grössten Aluminiumwerks Rumäniens auf. Doch mit jedem Paddelschlag schrumpft die morbide Industriehafenkulisse am Horizont. Nach zwei Kilometern Schaukelpartie in den Bugwellen von Frachtschiffen und Motorbooten zweigt ein Seitenkanal nach Norden ab. Und das bedeutet: weniger Strömung, weniger Wellen, weniger Boote, dafür mehr Vogelgezwitscher und mehr Natur. Hie und da eine Holzhütte, die von Fischern bewohnt wird, ansonsten gibt es kaum eine Spur von Zivilisation – wären da nicht immer wieder Touristenschiffe, die sich selbst durch die schmalen Kanäle zwängen. Cristian Mititelu sind sie ein Dorn im Auge. Zusammen mit dem WWF setzt er sich für sanften Tourismus im Donaudelta ein. «Slow Tourism» nennt er das. «Doch was die meisten Schiffstouren-Veranstalter praktizieren, ist ‹Very Fast Tourism›», kritisiert er. Das grösste Problem seien rumänische Tagestouristen, die mit Speedboats durch die Seitenkanäle preschten und die Tiere aufschreckten.
Als die Sonne schon tief über dem Wasser steht, hilft am «Canalul Sireasa» im Westen des Deltas ein bisschen Rückenwind. Gut so, denn die Strömung ist hier, auf dem letzten Stück der rund 16 Kilometer langen ersten Etappe, kaum noch zu spüren. Auf einer kleinen Anhöhe kauert unter Weiden die etwas baufällige Hütte von Fischer Alexandru. «Ein netter Kerl, bei dem könnt ihr im Garten zelten», hatte Cristian den beiden empfohlen. Doch ausser einem knurrenden Hund ist niemand zu Hause. Wie sich später herausstellen wird, musste Alexandru zu einer Blinddarmoperation ins Krankenhaus nach Tulcea. Nicht mit dem Auto, sondern mit dem Boot. Denn wie die meisten der im Donaudelta verstreuten Siedlungen ist auch Alexandrus Häuschen nur auf dem Wasserweg erreichbar.
Techno-Party der Frösche
Zehn Minuten später ist er wieder verschwunden, in Richtung der sumpfigen Seen der «Lacul cu Coteţe» und der «Lacul Carasu». Simon und Stefan folgen ihnen – ohne Kaffee, nur mit etwas gefiltertem Flusswasser zum Frühstück. Untiefen und dichte Barrieren aus Wasserpflanzen machen viele der Lagunen für grössere Schiffe unpassierbar. Ein Paradies zum Paddeln – und ein Refugium für Wasservögel. 2000 Tier- und 3000 Pflanzenarten leben im Donaudelta; Millionen Zugvögeln aus Asien, Nord- und Osteuropa dient es als Sommerresidenz, als Drehkreuz und Verpflegungsstation auf ihren Langstreckenflügen nach Afrika. Lautlos gleiten die SUPs durchs Wasser, vorbei an bleichen Baumskeletten. Reiher, Kormorane, Wildgänse, Enten, kleine Vögel, versteckt im Schilf: Alle schnattern, singen oder krächzen wild durcheinander. Ein Seeadler breitet in den Wipfeln einer Silberweide die Schwingen aus. Wortlos, eine Kippe im Mundwinkel, setzen zwei Fischer in einem Holzboot mit langen Stangen ihre Reusen und Netze.
Nach der Mittagspause zieht Stefan das Paddel kräftiger durchs Wasser. «Komm’, wir haben heute noch eine weite Strecke vor uns!» Denn beim Versuch, Wasser für eine Nudelsuppe zu erhitzen, hatte der Gaskocher endgültig den Geist aufgegeben. Die Vorräte an Trockennahrung sind damit wertlos. Einzige Lösung: weiterpaddeln bis zum nächsten Dorf. Das heisst Mila 23 und ist noch rund 34 Kilometer entfernt. Die Sonne brennt. Die Schultern schmerzen. Ein Sprung in die Fluten, ein paar Schwimmzüge bringen neue Energie. Dann, endlich: Mila 23. Zwei Tante-Emma-Läden gibt es im Dorf. Ein Kocher? Fehlanzeige! Also räumen Stefan und Simon Salami, Käse, Weissbrot und Dosenfisch aus den Regalen – Proviant für die nächsten Tage.
Mitten im Film
Auf dem Weg durch einen Kanal im Schilf in die «Lacul Miazazi» ist die Wasseroberfläche fast völlig mit Wasserpflanzen zugewuchert. Selbst die SUPs, die kaum Tiefgang haben, lassen sich hier nur noch mühsam vorwärtsbewegen. Immer wieder sammeln sich meterlange Fahnen aus Seegras an den Finnen. Schuld sind eingedeichte Hauptarme und vertiefte Nebenkanäle, wie Cristian Mititelu später erklärt. «Sie behindern die Wasserzirkulation.» Ein Viertel der ursprünglichen Fläche des Donaudeltas sind trockengelegt. Nicolae Ceauşescu wollte ab 1984 die Sümpfe in ein riesiges Agrar- und Industrieareal verwandeln. Sein Sturz kam gerade noch rechtzeitig, um das Schlimmste für die Natur zu verhindern. Mit dem WWF kämpft Cristian Mititelu dafür, das Delta wieder möglichst vollständig zu renaturieren. «Eine Sisyphos-Mission», gesteht er. Genau wie die Paddelei in der zugewucherten Lagune. Simon und Stefan kehren um.
Der Wind hat zugenommen, eine kräftige Brise bläst jetzt genau gegen die Fahrtrichtung. Schaumkronen tanzen. Jeder Meter vorwärts erfordert mehrere kräftige Paddelschläge. In Gedanken sieht Simon sich und Stefan schon den Flieger nach Hause verpassen. Nur gut, dass der Wind zwei Kilometer weiter im Schutz des Ufers wieder nachlässt. Denn nun heisst es auch noch gegen die Strömung zu paddeln! Doch in der Nacht dreht ein kräftiges Gewitter mit stroboskopartig zuckenden Blitzen den Wind. Und so laufen die beiden am nächsten Tag doch noch pünktlich am Ziel in Mila 23 ein.
«Ein Mann, ein Board. Mit dem SUP die Donau runter»
ISBN 978-3-667-11562-1
CHF 26.90
delius-klasing.de
Wer vom Donaudelta nicht genug hat, sondern gleich die ganz grosse Flussreise antreten will, kann sich hier einlesen: Timm Kruse ist die gesamte Donau, 3000 Kilometer von der Quelle in Donaueschingen (D) bis zur Mündung am Schwarzen Meer, allein auf einem SUP hinabgepaddelt. Seine tagebuchartige Chronik ist nicht nur für Nachahmer eine gute Inspirationsquelle.
Mit dem Motorboot zum Shopping
Flusswandern mit dem SUP
Flug nach Bukarest. Von dort mit dem Bus oder Mietwagen nach Tulcea (280 km). Start der SUP-Tour an der Marina am östlichen Stadtrand von Tulcea.
TOUR
Das Donaudelta ist fast so gross wie der Kanton Graubünden und von weit verzweigten Seen- und Kanalsystemen durchzogen. Bei Touren auf eigene Faust sind unbedingt Karten, GPS-Gerät und ein gutes Orientierungsvermögen nötig. Um auch längere Tagesetappen geniessen zu können, machen sich entsprechende Trainingseinheiten mit dem SUP bezahlt. Möglichkeiten zum Übernachten in der Natur gibt es nur wenige: ein paar sehr einfache Zeltplätze bei Fischern oder in den wenigen Dörfern des Deltas. Wildes Campen ist offiziell verboten (aber wegen des sumpfigen Untergrunds auch nur selten möglich), offenes Feuer ist tabu. Die wenigen Orte im Zentrum des Donaudeltas wie Mila 23 oder Crişan sind nicht per Auto erreichbar, bieten aber Hotels und Pensionen. Eine Verbindung nach Tulcea oder zum Schwarzen Meer ist mit Linienschiffen und Motorboot-Taxis möglich. Verleihstationen oder Veranstalter für SUP-Touren gibt es vor Ort nicht.
Allgemeine Infos: ddbra.ro, rumaenien-tourismus.com
Beste Jahreszeit: In der Vorsaison im Juni und in der Nachsaison im September ist es im Donaudelta deutlich ruhiger als in der Hauptsaison im Juli und August. Auch die Temperaturen sind angenehmer.
AUSRÜSTUNG
Aufblasbare SUP-Boards erleichtern die Anreise. Für die Flusspaddelei empfehlen sich langstreckentaugliche Tourenboards mit gutem Geradeauslauf bei gleichzeitig ordentlicher Kippstabilität. Zum Transport von Verpflegung, Kleidung und Ausrüstung werden am besten ein oder zwei wasserdichte Packsäcke am Board befestigt. In den Seen erschweren oft Wasserpflanzen und Seegras das Fortkommen. Eine stark abgeschrägte Seegras-Finne verhindert, dass sich das Grünzeug am Board verheddert. Zu Wasseraufbereitung empfiehlt sich ein Outdoor-Wasserfilter. Ausserdem praktisch: Kleine Solar-Panels zum Laden von GPS-Gerät oder Handy.
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