Von den Klippen bis zum Mond
An einigen Stellen kann man direkt bis an die Kante laufen. Wie grosse Terrassen liegen die teilweise überhängenden Felsplatten da. Ganz vorsichtig robbe ich bis an den Rand – fürs Foto. Und für den atemberaubenden Moment. Die Aussicht reicht bei schönem Wetter bis zu den Bergketten der Twelve Bens und der Maumturk Mountains im Norden. Vor uns liegen die spärlich besiedelten Aran Islands in nur wenigen Kilometern Entfernung.
Uns zieht es weiter nach Fanore. Wir wollen einen Teil des Burren Way laufen. Eigentlich ist dieser bestens markierte Weitwanderweg ganze 114 Kilometer lang, nimmt man alle «Loops» mit, sogar 123. Wir müssen uns schweren Herzens auf einen Ausschnitt beschränken. «Burren» leitet sich von dem gälischen Wort «Boireann» ab, was in etwa «steiniges Felsland» bedeutet. «Mondlandschaft würde es auch gut treffen», sage ich zu Jürg, so rau und auch ein wenig lebensfeindlich wirkt es. Tatsächlich laufen wir gerade auf Meeresgrund. Vor rund 340 Millionen Jahren war der Burren noch der Boden eines Flachmeeres. Kein Wunder also, dass die Kalksteinschichten mit maritimen Fossilien durchsetzt sind. Die nahezu baumfreie Landschaft haben vor fast 6000 Jahren jungsteinzeitliche Bauern verschuldet, indem sie einen Grossteil der ursprünglichen Kiefern-Hasel-Wälder abrodeten. Bis heute bewirtschaften etwa 500 Landwirte den Burren – Tendenz fallend, leider.
«Ihr habt ja so ein Glück mit dem Wetter», gratuliert uns ein Ire, mit dem wir kurz ins Plaudern kommen. Anfänglich irritierte uns diese Einschätzung bei ein wenig Sonne und vornehmlich graumelierten Wolken. Nachdem der Satz allerdings bei nahezu jeder Begegnung mit Einheimischen, bei der es nicht regnete, fiel, wissen wir mittlerweile, dass es das irische Wetter ganz gut mit uns meint. Herrlich ist das Wandern hier, bis zu 300 Meter über dem Meeresspiegel führt der Weg durch die Hügel. Die Kargheit der karstigen Landschaft vor dem tiefblauen Atlantik, durchzogen von zahllosen Steinschichtmauern, versetzt uns im Kopf um Jahrhunderte zurück. Auch der Schriftsteller J.R.R. Tolkien soll beim Wandern durch den Burren die Idee für seine weltberühmte Trilogie «Herr der Ringe» entwickelt haben. Immer wieder stellen wir uns laut die Frage, welche unglaublichen Anstrengungen es für die Bauern gewesen sein müssen, das schier endlose Mauerwerk aufzutürmen. Gut, Steine sind zur Genüge da. Dennoch, beim Berühren des scharfkantigen Baumaterials lässt sich erahnen, welche Strapazen dahintersteckten.
«Hast du auch so einen Bärenhunger?» Jürg nickt mit unterzuckertem Blick. Frische Meeresluft und Bewegung machen eben hungrig und durstig. Nach einem kurzen Zwischenstopp in unserer Herberge – einem urtypischen irischen B’n’B – sitzen wir in Ballyvaughans Dorf-Pub. Vor uns dampft cremige Muschelsuppe, ein Muss in der Region. Nach einigen Löffeln kehren die Lebensgeister zurück. Zum Nachtisch gibt es irische Live-Musik und zwei frisch gezapfte Guiness.
Zwölf auf einen Streich
Oberhalb der Gestrüppgrenze tauchen wir ein in eine graue Welt aus scharfkantigen Quarzitfelsen und Myriaden von Steinen aller Grössenordnungen. Jetzt können wir auch so etwas wie einen Trail erkennen. Als der erste Gipfel – markiert durch einen simplen Steinhaufen – erreicht ist, folgt die Belohnung: Der Ausblick sucht wirklich seinesgleichen. Die Berghänge laufen in verschiedensten Erdtönen aus und gehen bis zum Meer in einen Fleckenteppich aus Mooren und Seen über. Bloss nicht zu viel glotzen, der «Weg» braucht volle Aufmerksamkeit. Beharrlich schlängeln wir uns auf und ab, kassieren Binn um Binn, zählen die Gipfel. Dazwischen immer wieder innehalten und die phänomenale Aussicht geniessen. Gut die Hälfte haben wir am Spätnachmittag erreicht. Die Schritte verlangsamen sich auf der Suche nach dem perfekten Logenplatz. Genau im Scheitelpunkt des Hufeisens werden wir fündig. Im Norden leuchten grasgrün die Hügel des Connemara Nationalparks, fast 3000 Hektar Abenteuerland. Menschen sind in dieser Wildnis weniger als Mangelware. Ein Paradies für Outdoorer, die die Einsamkeit suchen. Jürg und ich haben auf gemeinsamen Touren immer ein Ritual: Jeder schleppt etwas Luxus mit, von dem der andere nix weiss. Zum richtigen Zeitpunkt – nämlich genau jetzt, während der Kocher fauchend das kiloschwere Wasser anheizt und wir uns vor den Zelten erschöpft niederlassen – zieht er ein Stück geräuchertes Rinderfilet aus seinem Rucksack. Zufrieden schmatzend wandert der Blick um 360 Grad. Wir verstehen nun vollends, was die Iren mit dem guten Wetter meinen. Die Sonne blitzt hier oben immer nur kurz durch die Wolkenbänder, am Meer dagegen knallt sie runter und verwandelt die Küste in ein blaugrün leuchtendes Band. Lichtstimmungen, wie man sie nur an Orten bekommt, die man sich hart erarbeiten muss.
Bockspringen in den Bergen
Finale mit Seafood, Pubs und Party
Irland ist ein Muss für Reise- und Outdoor-Begeisterte. Natur und Kultur ergänzen sich sehr harmonisch, Reisende können innerhalb weniger Stunden wählen zwischen intensivem Menschenkontakt und völliger Einsamkeit. Die Westküste zeichnet sich durch sehr wilde, raue Landschaften aus. Querfeldein zu gehen ist oft nicht möglich – doch die Küste entlang des Wild Atlantic Way ist durchzogen von gut ausgeschilderten Weitwanderwegen. Typisch für die Westküste sind neben schroffen Bergen, wilden Küstenabschnitten, in die sich immer wieder leuchtend weisse Sandbuchten schmiegen, und endlosen Steinmauern vor allem kleine Küstenstädtli mit hervorragendem Seafood. Trekking-Freunde, die kein Problem mit auch mal schlechtem Wetter haben, werden Westirland lieben.
Allgemeine Informationen zu Irland und weiterführende Links findet am auf ireland.com
Diverse Broschüren und Kartenmaterial lassen sich direkt online herunterladen: ireland.com/de-ch/brochures
Zahlreiche weitere hilfreiche Infos, u.a. zu Outdoor-Aktivitäten, gibt es unter: irish-net.de
AUSRÜSTUNG
Normale Wanderausrüstung. Stöcke erleichtern das «Manövrieren» in dem teilweise sehr wilden und manchmal weglosen Berggelände. Wer im Zelt übernachten möchte, sollte zusätzlich die entsprechende Ausrüstung für Mehrtages-Trekkingtouren (Zelt, Matte, Schlafsack, Kocher, etc.) mitnehmen. Outdoor-Ausrüstung kann am besten nach der Landung in Dublin gekauft werden; in Galway selbst wird es schwierig, hochwertiges Equipment zu besorgen.
ANREISE
Mit dem Flugzeug nach Dublin oder Cork. Von dort am einfachsten per Mietwagen. Alternativ mit Bussen: http://www.buseireann.ie.
Wir empfehlen bei einer Einreise via Dublin auf jeden Fall noch mindestens einen Tag UND einen Abend für die irische Hauptstadt einzuplanen – es lohnt sich!
UNTERKÜNFTE
Unter bandbireland.com findet sich eine grosse Anzahl an landestypischen Bed & Breakfast Unterkünften.
KARTE
Genaues Kartenmaterial der irischen Westküste: Ordnance Survey Ireland, Discovery Series, Kartenblätter 44-46, 51, 52, 57. https://www.osi.ie
LITERATUR
Die schönsten Küsten- und Bergwanderungen. 50 Touren. Mit GPS Tracks. Von Ueli Hintermeister und Birgit Eder. Rother Verlag, 5. Auflage (6. April 2016). ISBN: 978-3763342730
Irlands Westküste (25 Wanderungen). Von Hartmut Engel. Conrad Stein Verlag, 1. Auflage. ISBN: 978-3866865440
Mit dem Kühlschrank durch Irland. Von Tony Hawks. Goldmann Verlag, 11. Auflage. ISBN: 9783442446414
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