Schon die Rahmendaten machen klar: Das wird eine Skidurchquerung abseits des Mainstreams. Aber wird das Wetter halten? Eine Woche lang? An einer Wetterscheide weiss man das nie so genau. Markus, Jogi, Dieter und Maria studieren die Skitourenkarte. «Lasst uns morgen früh zum Piz Tomül aufsteigen. Von dort können wir die Abfahrt ins Valsertal etwas überblicken», schlägt Markus vor. Beda Kurath, einst Privatkoch des Schweizer Botschafters, trägt das Essen in die Stube. Mit Safran-Risotto, Gemüse und perfekt medium gebratenem Kotelett zeigt er, was er draufhat. Einen Wecker braucht man im Turrahus eher nicht. Die knarzenden Dielen verraten jeden Frühaufsteher. Durch den frostigen Morgenschatten steigen wir in sonnengeflutetes Gelände auf. Langsam erheben sich imposante Gipfel wie die markanten Pizzas d'Anarosa aus dem Meer von Bergen.
Im hintersten Talgrund Safiens, von den deutschsprachigen Landsuchern zuerst eingenommen und gründlich gerodet, «lag bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts das politische Schwergewicht der ganzen Gemeinde», schreibt der Safier Walserforscher Paul Zinsli. Von der damaligen starken Besiedlung des weiten Talgrunds ist nichts mehr zu spüren. Ein stiller Winkel, in dem bei Schneemangel allenfalls das Ausgleichsbecken der Zervreila Kraftwerke die Idylle stört. Aber es bringt der Gemeinde Strom und Wasserzinsen.
Couloirs und Felsbänder zeichnen die breite Flanke des Bruschghorns direkt über dem Turrahus wie in einem attraktiven Schwarz-Weiss-Stich. Bald schweift der Blick talauswärts über das gesamte Safiental mit seiner skitourenfreundlichen Ostseite. Ein windverblasener Grat führt schliesslich auf den Piz Tomül, den die Safier Wissasteihorä nennen. Er bricht so schroff ins Valsertal ab, dass einem schwindlig werden könnte. Wir zeichnen Zöpfchenmuster in die Ostflanke des Piz Tomül, wo sich noch Pulverschnee hält, und queren dann zum Tomülpass. Auch die Abfahrt zur Alp Tomül gibt sich moderat. Unter den Felsklippen des Riedboda halten wir besser weiten Abstand. Die Passage gilt als lawinengefährdet. Hinter Schindlabüdemli – ein Bödeli, wo die Valser einst gefälltes Holz zu Schindeln verarbeiteten – leitet uns ein Alpweg durch den Riefawald. Die letzten Höhenmeter nach Vals ziehen wir die Spuren durch offenes Gelände und Sulzschnee.
Eine Wohltat für die Muskeln – ab in die Valser Therme
Mit erhitzten Gesichtern schlemmen wir uns abends durch das Menü des Hotel Alpina. Man müsste länger bleiben. Aber morgen wollen wir über das Skigebiet am Dachberg ins Val Lumnezia und uns der Greina nähern. Markus ist sich nicht ganz sicher, ob die Abfahrt gelingt. Eine Störung soll aufziehen. Bei Nebel wollen wir nichts riskieren. Dann eben Plan B – mit dem Postauto unten herum.
Schneidend kalt: Frieren im «zuffel»
Mit der Moderne kam die Landflucht. Lösungen muss-ten gefunden werden, damit die Bauern im Dorf bleiben: Ökonomisches und nachhaltiges Wirtschaften durch Güterzusammenlegung und Umnutzung diverser Gebäude, Direktvermarktung lokaler Produkte. Um Spekulationen zu verhindern und einheimischengerechte Preise zu erhalten, kaufte die Gemeinde Bauland auf. Das beispielhafte Vorgehen brachte Vrin 1998 den renommierten Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzverbandes ein. So ist der Ort längst ein Pilgerort für Architekturliebhaber, die dem Vriner Baumeister der Neuzeit, Gion A. Caminada huldigen. Seine Werke schmiegen sich unauffällig in die alte Bausubstanz. Fast hätten wir die berühmteste Telefonzelle der Schweiz übersehen – die Caminada, verkleidet in einem hölzernen Strickbau.
Schneewolken treiben ihr Spiel. Wir bangen. Wie viele Flocken werden in der Nacht fallen? Zu viel Schnee würde den Zustieg über den Pass Diesrut in die Greina vereiteln. Jungfräulich überzuckert empfängt uns in der Früh eine Bilderbuchlandschaft, zum Glück nur eine akzeptable Neuschneeschicht. Wir wagen es. Die dreieinhalb Marschstunden, die der Tourenführer vom Weiler Sogn Giusep zur Terrihütte veranschlagt, ziehen sich wie Kaugummi zu einer tagesfüllenden Tour. Die Spurarbeit kostet Kraft und Zeit. Dazu bläst uns mächtig der Föhn entgegen. Das Lumneziatal wird gerne vom Wind gebeutelt, mal ist es der «zuffel», wie die Vriner Romanen den vom Süden stürmenden Fallwind nennen, mal ist es die «l'aura dado», die bissige, aus dem Norden fegende Brise. Was wie ein Kosewort klingt, lässt unsere Nasen, Wangen und Hände zu Eiszapfen gefrieren.
Eine Tundra-Landschaft wie in Sibirien
Die Sonne kitzelt bereits die Gipfelspitzen, als wir uns aus den Schlafkojen schälen. Trödelnd geniessen wir den Morgen, keine anspruchsvolle Tour steht an. Über den Pizzo Coroi wollen wir zur Capanna Scaletta wechseln. Nach kurzem Aufstieg von der Terrihütte breitet sich die ganze Pracht der Greina-Ebene vor uns aus. Eine Tundra, die auch in Sibirien liegen könnte. Unberührt, einsam. Kein Geräusch. Nicht einmal eine Tierspur. Vielleicht bald die Kernzone eines Nationalparks. Seit Jahren kämpft das Projekt des Parc Adula um Anerkennung.
Ein Stein mit Kreuz ragt aus der Schneeprärie. Der Crap la Crusch markiert das Herz der Greina und zugleich die Kantonsgrenze Graubünden/Tessin, die Sprachgrenze Rätoromanisch/Italienisch sowie eine kontinentale Wasserscheide. Zur Schneeschmelze wird sich das Wasser entscheiden, entweder gen Mittelmeer zu fliessen oder gen Rhein, also in die Nordsee. Im Banne des mächtigen Piz Terri gehen wir die Kammüberschreitung des Pizzo Coroi an. Die nordseitige Abfahrt zur Scalettahütte könnte heikel sein, bekundet Jogi. Viel Triebschnee hat sich auf den Steilflanken abgeladen. Wir wissen nicht, dass Dieter gerade verzweifelt versucht, uns übers Handy zu erreichen. Ihn plagte eine Blase an der Ferse, sodass er durch die Greina schon zur Scaletta vorausgegangen ist. So kann er unsere Abfahrtsroute begutachten. Dort haben sich Schneebretter von alleine gelöst. Er will uns warnen, doch die Netzverbindung streikt. Derweil beratschlagen wir – und entscheiden uns für die risikoärmere Variante.
Ein Stück die Aufstiegsspur zurück und durch weniger als 30 Grad steile Hänge. Das Flachstück durch die Greina zieht sich dann, doch die Landschaftsimpressionen machen das wieder wett. Derweil ist Dieter bereits an der Scalettahütte. Die Winterhütte sollte doch neben dem Haupthaus liegen? Hmm ...! Da ist nur ein mächtiger Haufen Schnee zu sehen. Wo wird wohl der Eingang sein? Erst der Anruf beim Hüttenwart präzisiert den richtigen Punkt zum Ansetzen der Lawinenschaufel. Dieter buddelt sich in den Berg. Als wir Scaletta erreichen und Dieter aus dem Schneeberg lugt, denken wir zuerst, er käme vom WC. «Wo ist denn die Hütte?» «Na hier!» – «Oh ...!»
Aus der Stille ins Netz der Zivilisation
Anders eben, aber auch schön: der Austausch mit Gleichgesinnten, Hüttenkomfort, vor allem aber die Frischkost. Petra und Thomas Meyer beweisen, wie gut man auf einer Hütte kochen kann. Verführerisch lockt am Tresen schon das Kuchenbuffet. Aus dem Ofen duften Pizzoccheri an frischem Gemüse. Es war Liebe auf den ersten Blick, als Petra und Thomas vor Jahren hier eine Skitour unternahmen. Zu jener Zeit betrieben sie noch die Gufferthütte im Tiroler Rofan. «Mehr Berggasthof als Hütte», beschreibt Petra den Guffert-Stützpunkt. «Wir wollten es archaischer.» Und so griffen sie zu, als die Sektion Uto im Sommer 2015 für die Medelserhütte eine neue Bewirtschaftung suchte. Die Begeisterung der beiden für die Bergwelt wirkt ansteckend, das Leuchten in den Augen, wenn sie von den Steinböcken an der Hütte erzählen. Dabei haben beide einen Doktortitel. «Zu viel Büro», erklärt Petra ihren Umstieg. Ähnlich muss es Placidus Spescha gegangen sein, der seine Klosterfinken lieber mit Bergschuhen tauschte. Der Pater beschrieb es so: «Durch das stille Sitzen und viele Nachdenken ward mein Leib schwer und mein Gemüt traurig: Ich setzte mich in Bewegung, schwitzte meine bösartigen und überflüssigen Feuchtigkeiten aus und kam nach Hause, gereinigt und leicht wie ein Vogel.»
Surselva Tourismus AG, Bahnhofstr. 25, CH-7130 Ilanz, Tel. 081 920 11 00, surselva.info
Nationalparkprojekt: parcadula.ch; Greina: greina-stiftung.ch
ANREISE
Beste ÖV-Verbindung von Ilanz ins Safiental bis zum Turrahus, sowie mit dem Valser- und dem Lumneziatal. Man kann die Tour also leicht abkürzen und auch vom Endpunkt Curaglia im Val Medel mit Bus und Zug zurückkehren.
AUSRÜSTUNG
Normale Skitourenausrüstung: LVS-Gerät, Schaufel, Sonde, Felle, Harscheisen. Wer am Schluss noch den Piz Medel besteigen möchte, benötigt je nach Verhältnissen Gletscherausrüstung. Für die zwei Selbstversorgerhütten in der Greina muss man Lebensmittel mitnehmen. In der Terrihütte gibt es auch ein kleines Getränkedepot.
KARTEN
Swisstopo 1:50’000, Blatt 257 S, Safiental, sowie Blatt 256 S, Disentis/Mustér.
LITERATUR
Skitourenführer Graubünden Nord, Vital Eggenberger, SAC-Verlag. Skitourenführer Surselva, Michael Pröttel, Bergverlag Rother.
WELLNESS
Therme Vals, Reservierung angeraten, www.therme-vals.ch
ROUTE
1. Tag: Turrahus, 1694 m – Piz Tomül, 2945 m: 3,45 h,1250 hm, WS+
Abfahrt in den Tömulpass, 2412 m, und über die Alp Tomül, 2179 m, und Schindlabüdemli nach Vals, 1254 m.
2. Tag: Valser Dachberghütte, 2502 m – Schwarzhorn, 2944 m: 1,5 h, 450 hm, ZS.
Mit Bergbahn und Lift von Vals zur Dachberghütte. Westlich über einen Bachgraben, dann nordwärts über P.2557 zur Ostflanke des Schwarzhorns. Sehr steil (40° auf 100 hm) auf den Grat (P.2840) und diesem entlang zum Gipfel. Stabile Verhältnisse und einwandfreie Sicht sind Voraussetzung. Abfahrt durch die Nordseite des Schwarzhorns (30° bis 35° auf 300 hm) in eine trichterartige Verengung auf etwa 2400 m. Linksseitig des Baches steil auf eine markante Rippe zur Hütte bei P.2227. Weiter auf dem Geländerücken zur Alp Patnaul. Dann steil (35° bis 40° auf 250 hm) westlich in den Talboden zur Alp Pardatsch und auf dem Alpweg zur Glogn-Brücke, 1374 m. Jenseits im Gegenanstieg nach Vrin, 1448 m).
Alternative: Bergstation des obersten Skiliftes am Valser Dachberg, 2852 m. Abfahrt über die Fuorcla da Puozas durch abschnittsweise lawinengefährdetes Gelände zur Alp Scharboda, 2051 m, und durch die enge Bachschlucht des Glogn über Vanescha nach Vrin.
3. Tag: Vrin, 1448 m – Pass Diesrut, 2428 m – Camona da Terri, 2170 m: 4,5 – 5,5 h, 1150 hm im Aufstieg, 420 hm Abfahrt, WS+.
4. Tag: Camona da Terri – Plaun la Greina – Pizzo Coroi, 2785 m: 2,5 h, 700 hm Aufstieg, 80 hm Abfahrt, L.
Die Abfahrt zur Capanna Scaletta findet durch die etwas steilen (30° bis 35° auf 150 hm) Nordhänge statt. Achtung Schneebrettgefahr! Bei weniger stabilen Verhältnissen besser von der Aufstiegsspur in die Greina-Ebene abfahren und über den Greinapass zur Hütte.
5. Tag: Capanna Scaletta – Piz Valdraus, 3096 m: 2,5 h, 900 hm, ZS-.
Achtung: Gipfelhang 35° auf 100 hm.
Abfahrt ins Val Lavaz bis etwa 2200 m und Gegenanstieg (ca. 1 h) westlich zur Fuorcla da Lavaz mit der Camona da Medel, 2524 m.
6. Tag: Medelserhütte – Piz Medel, 3210 m: 3 h, 760 hm im Aufstieg, 100 hm Abfahrt, ZS-.
Abfahrt entweder entlang der Aufstiegsspur zur Medelserhütte oder direkt ins Val Plattas bis zum Talort Curaglia.
UNTERKÜNFTE
Turrahus im Safiental, Beda Kurath, geöffnet Ende Dezember bis ca. 12. April, Tel. 081 647 12 03, turrahus.ch
Hotel Alpina in Vals, Ursula und Karl Kühne-Schnider, Tel. 081 920 70 40, alpina-vals.ch
Ustria e Pensiun Pez Terri in Vrin, Fam. Alig, Montag Ruhetag, Tel. 081 931 12 55, pezterri.ch
Terrihütte, Doris und Toni Trummer-Tomaschett, im Winter nur an Ostern bewirtschaftet, stets geöffnet ist der Winterraum mit Küche und 22 Schlafplätzen,
Tel. Hütte 081 943 12 05, Tel. privat 081 933 32 93, terrihuette.ch
Capanna Scaletta, im Winter nicht bewirtschaftet, stets geöffneter Winterraum mit 16 Plätzen, neben dem Haupthaus zu finden, oft eingeschneit.
Medelserhütte/Camona da Medel, Petra und Thomas Meyer-Maier, bewirtschaftet von Ende Februar bis April, Tel. 081 949 14 03 oder Tel. 079 851 67 00, medelserhuette.ch
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