Ich klettere auf einen kleinen Felsvorsprung, um einen besseren Weg ausfindig zu machen. 800 Meter unter mir schlängelt sich der Colorado River durch die Felsen – das braune Lebensband des amerikanischen Südwestens. Ich aktualisiere die Karte auf meinem GPS und schiele auf den winzigen blauen Punkt, der unseren Standort angibt. Wie befürchtet ist der nicht einmal annähernd dort, wo ich ihn erhofft hatte. Noch geschätzte 13 Kilometer und drei von Felsbändern durchsetzte Gräben trennen uns von unserem Tagesziel. Heute haben wir 16 Kilometer zurückgelegt: Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass es hier weder ein ausgebautes Wegenetz noch gut sichtbare Wegspuren gibt – es sei denn, man zählt die gelegentlichen Spuren von Dickhornschafen, Rotluchsen oder Klapperschlangen dazu.
Ich mache eine geistige Bestandsaufnahme: drei leere Kamerabatterien, zwei halb aufgeladene. Eineinhalb Liter Wasser, Essen für vier Tage – und noch etwa 120 Kilometer Wegstrecke bis zu unserem nächsten Depot mit gefriergetrockneten Mahlzeiten, Gas und Nüssen, das uns ein Freund in einem Seiten-Canyon versteckt hat. «Wie viel Wasser hast du noch?», rufe ich. Keine Antwort. Ich bleibe stehen und schaue zurück. Kevin erscheint auf einem fernen, karminroten Bergrücken, etwa 100 Meter hinter mir. Er spricht in seinen Audio-Recorder, seine tägliche Tagebuch-Routine. Denn immer wenn Müdigkeit, Durst oder Hitze auftreten oder wir beide nicht mehr über die Route diskutieren können, schaue ich auf das GPS oder meine Kamera, und Kevin wendet sich seinen Worten zu.
Kevin Fedarko ist Schriftsteller und für mich ein vertrauter Freund – obwohl unsere Persönlichkeiten sehr unterschiedlich sind. Ich suche Action und Adrenalin, er bevorzugt die Stille. Ich bin im Allgemeinen ein Optimist, er wendet sich den dunklen Seiten der Dinge zu. Dennoch arbeiten wir schon jahrelang als Journalisten zusammen, wodurch eine tiefe Freundschaft entstanden ist. Aber dieses Abenteuer – den berühmtesten Nationalpark Amerikas der Länge nach zu Fuss zu durchqueren – ist die kühnste Unternehmung, die wir je gewagt haben.
Handel mit der Natur
Jenseits der täglichen physischen Herausforderung, am Leben zu bleiben, haben wir allerdings auch ein journalistisches Ziel. Wir wollen nicht nur den Zauber der Landschaft dokumentieren, sondern auf die Probleme im Grand Canyon National Park aufmerksam machen, der früher oder später «zu Tode geliebt» werden wird. Schon heute sind die Auswirkungen des Massentourismus spürbar: neue Hotels, Restaurants oder Zugverbindungen am Rande des Nationalparks genauso wie unzählige Hubschrauberflüge. Viele Canyon-Liebhaber und Ureinwohner wie die Havasupai, Zuni, Hopi oder Navajo befürchten, dass die Schönheit und die Ressourcen des Parks an die Meistbietenden versteigert werden und der Canyon binnen weniger Jahre zum Erlebnispark mutiert. Und neben dem Massentourismus ist noch eine weitere Bedrohung für den Grand Canyon erwachsen. Vor allem in den letzten Jahren hat sich eine Debatte um die «Public Lands» in den USA entwickelt: Eine Gruppe von Politikern und ideologischen Aktivisten will öffentliches Land, wie beispielsweise die Nationalparks, an die Regierung übergeben. So soll das Land zur Maximierung der Einnahmen aus Ölbohrungen, Abholzung und Bergbau genutzt werden, um den Staatshaushalt auszugleichen. Kritiker befürchten eine massive Zerstörung der Natur. Ausserdem würde die staatliche Übernahme der Public Lands der Bevölkerung jegliches Mitspracherecht entziehen.
Eine Wanderung durch das Herz des Grand Canyons ist unsere Art, eine Bestandsaufnahme dieser ikonischen Landschaft zu machen und gleichzeitig mit einer beunruhigenden Frage zu ringen: Wenn wir diesen Raum, das siebte Naturwunder der Welt, nicht schützen können, was können wir dann schützen?
Herbst: Ein harter Start
Drei Wochen später kehren wir zurück, nachdem uns eine kleine Gemeinschaft von Canyon-Liebhabern besänftigte. Mit weniger Ausrüstung und besserer Planung würden wir lernen, der Schlucht zuzuhören und ihre Komplexität zu verstehen. Skeptisch steigen wir in den Canyon hinab. Sechs Tage lang legen wir täglich über zwanzig Kilometer zurück und bewegen uns langsam zur sogenannten Redwall – einem 120 bis 150 Meter hohen, steilen Kliff aus Kalkstein und Dolomit, in dem die Industrieabfälle des einst geplanten Marble-Canyon-Staudamms versteinern.
Anfang November haben wir so viele Höhen- und Tiefenmeter zurückgelegt, dass unsere Knie mit jedem Schritt schmerzen. Wir erreichen den Zusammenfluss von Little Colorado River und Colorado River. Die Hopi-, Zuni- und Navajo-Stämme glauben, dass an diesem Ort, wo sich smaragdgrünes und türkisfarbenes Wasser vereint, das Leben beginnt. Ein Ort, der durch den wachsenden Massentourismus vor einigen Jahren zu verschwinden drohte: In dem umstrittenen Projekt Grand Canyon Escalade sollte eine gigantische Seilbahn täglich bis zu 10’000 Menschen in die Schlucht hinunterbringen und ein riesiges Resort das Gebiet in eine Touristenattraktion verwandeln. Obwohl der Treiber hinter dem Grand Canyon Escalade, ein Lobbyist aus Phoenix, versprach, die angeschlagene Navajo-Wirtschaft anzukurbeln, befürchteten die Navajo-Indianer eine kulturelle Ausbeutung durch den Massentourismus sowie eine immense Licht- und Wasserverschmutzung ihrer Heimat. Vor zwei Jahren wurde das Projekt nach einem langjährigen Kampf der Navajo- und Hopi-Stämme und Umweltschützern auf Eis gelegt.
1200 Kilometer
71 Tage gesamt
8 Paar Schuhe verbraucht
4 verstauchte Knöchel
2 gebrochene Finger
2 Hitzschläge
1 Fall von Natriummangel
1 Operation zur Entfernung von Kakteenstacheln
Winter: Zwischen Eis, Schnee und Zweifel
In den letzten Januartagen nimmt der Wind von Süden her zu. Dunkle Wolken ziehen über den Himmel. Als die ersten Schneeflocken fallen, verkriechen wir uns im Zelt. Ich schlafe mit zwei Daunenjacken übereinander und stecke die Kamerabatterien in meine Achselhöhlen, um eine Entladung zu verhindern. Kevin schaut mich mit einem angedeuteten Lächeln an und fragt: «Wann rufen wir die Rettung? Jetzt?» Ich lache nervös. Es ist nicht einfach, in dieser abgelegenen Ecke Hilfe zu bekommen. Selbst wenn ein Hubschrauber auf den schrägen Felsvorsprüngen neben den Klippen landen könnte, würde die fehlende Sicht eine Rettung unmöglich machen. Andererseits ist auch das Wandern auf den 45 bis 50 Grad steilen, nassen und mit Schnee bedeckten Steinplatten alles andere als ideal. In aller Stille denke ich über Kevins Frage nach: Wie kommen wir hier raus? Es gibt keine andere Möglichkeit, als weiterzugehen. Eine Umkehr würde länger dauern, als unsere Essensvorräte uns einräumen. Zwei Tage lang klammern wir uns mit tauben Füssen und Händen an die Felswände, während uns die Angst im Nacken sitzt. Aber je mehr der Canyon uns herausfordert, desto mehr fesselt mich seine Schönheit. Als wir schliesslich einen Ausweg aus der Schlucht finden und uns dem Rand des Nationalparks nähern, treffen wir immer wieder auf Elch-, Hirsch- und Kojotenspuren sowie die seltsamen Hufabdrücke von wilden Mustangs. Sie verliessen einst das Havaheimisch. Neben den Mustangs leben hier auch wilde Esel, die vor vielen Jahren von Bergarbeitern und Forschern ausgesetzt wurden und heute im Nationalpark mühsam einen neuen Lebensraum suchen.
Frühling: Im heiligen Land
Mit den längeren Tagen im März verabschieden sich die Kälte und der Schnee. Trotz meiner Müdigkeit liege ich nachts oft wach: Manchmal vor Sorge, in den nächsten Tagen kein Wasser zu finden. Manchmal, um den Sternenhimmel zu betrachten oder den Schreien der Eulen und Dickhornschafe zu lauschen, die die Stille durchbrechen. Wenn man sich im Inneren der einzigen Schlucht auf dem Planeten befindet, die vom Weltraum aus gesehen werden kann, fühlt man sich sehr klein. Und wenn man in den Himmel starrt, wird einem klar, dass eines der unausgesprochenen Wunder dieser Landschaft die Klarheit des Nachthimmels ist. Hier ist eine der wenigen Landschaften in Amerika, in der es keine Lichtverschmutzung gibt. Ich verliere mich in der Vorstellung, dass Mutter Natur in dieser Gegend immer noch Königin ist. Es dämmert mir, dass zwei der grössten Schätze, die wir in dieser Landschaft gefunden haben, mit Kameras nicht einfach einzufangen sind: Wenn man das Rauschen des Flusses hinter sich lässt, ist die Stille so tief, dass sie sich jeder Beschreibung entzieht. Manchmal klingeln mir die Ohren, weil ich versuche, so sehr auf etwas zu hören, das nicht da ist. Der zweite zerbrechliche Schatz ist die Klarheit des Sternenhimmels, die nur in der Ferne durch das Leuchten von Las Vegas und St. George gestört wird.
Doch trotz der Abgeschiedenheit schwingen die Auswirkungen des wirtschaftlichen Interesses am Grand Canyon, insbesondere die des Bergbaus, noch lange nach. 500 Kilometer flussaufwärts hatten wir Horn Creek auf der Südseite des Canyons überquert. Und obwohl wir durstig waren, gingen wir weiter, ohne die Flaschen aufzufüllen, da einige der Quellen einen gesundheitsschädlichen Urangehalt aufweisen. Grund dafür sind die alten Uranerzbergwerke, die damals ungenügend abgedämmt worden waren und so das gefährliche Metall ins Grundwasser sickerte.
Angekommen am Helikopter-Highway
Drei Tage später, an einem Sonntagnachmittag, finden wir uns an drei rostigen Metallpfosten wieder – dem Ende unserer Reise. Die nordwestliche Ecke des Grand Canyon National Park ist so abgelegen, dass dies die einzige Markierung ist, die seine Grenze markiert, und die Kevin und ich nun ungläubig anstarren. Zum Spass zähle ich einige Schlüsselzahlen unserer Reise auf: Mehr als 1200 Kilometer, 71 Tage, acht Paar Schuhe, vier verstauchte Knöchel, ein gebrochener Finger, ein Fall von Natriummangel, Hunderte von Kaktusnadeln … Vor allem aber denken wir über die Dinge nach, die uns die grosse Schlucht gelehrt hat: Der Grand Canyon ist kein Freizeitpark, sondern eine wilde, kostbare Landschaft, die beschützt werden muss. Die Stille dieses Naturwunders steht in krassem Gegensatz zu dem Lärm, den wir überall sonst machen. Wenn ich mich frage, ob eines meiner Bilder dies eingefangen hat, stelle ich mir eine noch tiefere Frage: Ist es möglich, dass diese Reise dazu beitragen könnte, das zu unterstreichen, was wir alle zu verlieren drohen? Ist es möglich, dieses Gut zu schützen, indem wir auf den Drang verzichten, seine Schönheit in Geld zu verwandeln und sie einfach so lassen, wie sie ist? Die Antwort liegt zwar in der Hand anderer, aber eines ist sicher: Nachdem ich so viele Monate in der Stille und Magie des siebten Naturwunders der Welt verbracht habe, weiss ich, dass es nur einen Ort gibt, der so aussieht und sich so anhört.
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