Heutzutage würde wohl nicht jeder Petzls Wurzeln in der Höhlenforschung vermuten. Denn unter Paul Petzl, der sich schon bald in der väterlichen Firma engagiert und heute directeur general des Familienunternehmens ist, stieg Petzl noch in zwei anderen Sparten zu einer Firma mit Weltruf auf: im Bergsport und im Industrieklettern. Heute hat Petzl 1000 Mitarbeiter, setzt 200 Millionen Euro im Jahr um, hält mehr als 500 Patente und fertigt 30'000 neue Produkte – pro Tag. Ohne das «Terroir» zu verwässern, wohlgemerkt, denn abgesehen von der Näherei in Malaysia für Gurte und Schlingen findet nach wie vor alles in Crolles oder im näheren Umkreis statt, ohne den Einfluss von Investoren.
VERTRAUEN IST GUT, KONTROLLE BESSER
Vertriebschef Jean-Philippe Birmelé, seit 13 Jahren bei Petzl und von allen nur «Jean-Phi» genannt, führt durch die Produktionshallen. Was als erstes auffällt: Hier wird nichts dem Zufall überlassen. An jedem Arbeitsplatz sind Schritt-für-Schritt-Anweisungen aufgehängt, auf dutzenden Magnettafeln wird handschriftlich der Produktionsfortgang notiert, für jeden Rollwagen ist mit Klebeband ein Platz definiert. Petzl orientiert sich damit laut Birmelé am erfolgreichen Lean Production-System von Toyota, das Verschwendung und Mehraufwand durch möglichst exakte Prozessdefinitionen reduzieren soll. In gewisser Weise hat aber auch der 5. Mai 2011 damit zu tun, als an einem Klettersteig in Grenoble ein junger Mann verunfallte. Eine fehlende Sicherheitsnaht an Petzls Klettersteig-Set war ursächlich. «Paul Petzl hat das sehr belastet», erzählt Birmelé. «Danach gab es eine Philosophie-Änderung bei Petzl.» Ein Netz aus manuellen und automatisierten Kontrollen wurde errichtet, Kameraüberwachung, Laservermessung und ständige Stichproben und Reports sollen fehlerhafte Teile so früh wie möglich aussortieren. Keine Fertigungslinie kann von einer einzelnen Person bedient werden, mindestens ein Kontrolleur ist zur Inbetriebnahme Pflicht. An mehreren Stellen der Halle sind Glaskästen mit Aufsehern installiert. Ein Ampelsystem zieht sich durch alle Produktionslinien und signalisiert, ob es ein Problem gibt.
Fernand Petzl beginnt mit der Erforschung des Höhlensystems des Dent de Crolles.
1968
Vermarktung der ersten Seilklemmen und Abseilgeräte unter dem Namen Fernand Petzl.
1975
Gründung der Firma Petzl in Crolles. Noch heute ist hier der Stammsitz des Unternehmens.
1991
Das Grigri, der erste Halbautomat für Sportkletterer, kommt auf den Markt.
1998
Erfindung einer ultrakompakten Seilklemme, dem TiBloc. Er wiegt nur 35 Gramm.
2000
Übernahme der Firma Charlet Moser, Herstellung von Eisgeräten und Steigeisen
2012
Einführung der Reactive-Lighting-Stirnlampen mit adaptivem Licht, um Akkus zu schonen
2017
Klassiker reloaded: Das Grigri+ mit Anti-Panik-Funktion kommt auf den Markt.
MADE IN FRANCE
Der Aufstieg Petzls zu einem der führenden Bergsport-Ausrüster hängt eng mit der Firma Charlet Moser zusammen, einem Hersteller von Steigeisen und Eispickel in Rotherens, gute 40 Kilometer flussaufwärts von Crolles. Im Jahr 2000 übernahm Petzl die Firma mit ihren 30 Mitarbeitern und baute sie aus. Heute arbeiten mehr als 100 Beschäftige in der «Schmiede» Petzls: Hier werden Karabiner, Steigeisen, Eisgeräte und Eisschrauben gefertigt. Zwei Mal täglich pendelt ein Shuttle zwischen Crolles und Rotherens, um Einzelteile und Fertigware auszutauschen. Und davon fällt einiges an: Aus fingerdicken, vier Meter langen Alustangen wird in Rotherens alle fünf Sekunden ein Rohling gebogen, der in Pressen und Schleifmaschinen zum Karabiner weiterverarbeitet wird. Die Montage der Schnapper erfolgt von Hand, mittels Druckluft. Und weil hier das gleiche Qualitätsmanagement wie in Crolles herrscht, wird der fertige Karabiner sofort in von Lasern auf Masshaltigkeit geprüft. Erst nach Gravur, Registrierung im Warenwirtschaftssystem und Fotos von allen Seiten fällt der Karabiner vom Band – 8'000 Stück pro Tag.
Das Firmenportrait im Videoformat: www.petzl.com
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