Wildnis- und Kulturlandschaftsschutz sind zwei sich ergänzende Konzepte, beide haben in den Alpen Platz. Wildnisschutz, also das Zulassen natürlicher Entwicklungen, bietet Potenziale für den Naturschutz, aber auch für die Regionen. Ob wir es wollen oder nicht: Einige Räume in den Alpen werden sich weiter entleeren. Als Schutzgebiete können sie neuen Wert erlangen.
In Adula sollte vor Kurzem ein zweiter Schweizer Nationalpark entstehen. Das Projekt scheiterte an einer zu geringen Zahl befürwortender Gemeinden. Eine vertane Chance?
Auf jeden Fall. Die Gemeinden, um die es ging, stehen wirtschaftlich nicht sonderlich gut da, sie profitieren auch nicht von intensivem Tourismus. Nationalparkkonzepte sind heute nicht mehr nur strikte Schutzgebiete, sondern umfassen neben einer Kern- und Pflegezone auch eine grosse Entwicklungszone. Dort hätte es Subventionen für die Regionalentwicklung gegeben, die nun wegfallen. Bei der Entscheidung ging es aus meiner Sicht nicht mehr nur um die Sache selbst, da schaukelte sich ein Konflikt zwischen «Berg» und «Tal» auf. Überzogen gesagt: Der Bergbewohner, der das Erbe seiner Grosseltern verteidigen wollte, sah sich dem vermeintlich unverständigen Naturschützer aus der Stadt gegenüber.
Die Alpenkonvention für eine nachhaltige Entwicklung und den Schutz der Alpen, die auf die Initiative der CIPRA zurückgeht, wurde als völkerrechtlich verbindlicher Vertrag von fast allen Alpenstaaten und der EU unterzeichnet. Auch von der Schweiz. Allerdings wehrt sich diese bislang gegen eine Ratifizierung der Durchführungsprotokolle. Warum?
Ich glaube, dass die Schweizer grundsätzlich ein Problem damit haben, wenn in ihre Gesetzgebung eingegriffen wird. Zwei Mal wurde das Thema im Parlament diskutiert, zwei Mal abgelehnt. Man hielt die eigene Umweltgesetzgebung schon Anfang der 1990er-Jahre für fortschrittlicher als die Inhalte der Alpenkonvention und sah die Ratifizierung daher als sinnlos an. Ich bin da anderer Meinung, ich denke, die Schweiz hätte sehr wohl profitieren können. Dennoch ist der Einfluss des Instruments begrenzt, mittlerweile von verschiedenen Seiten eine gewisse Ernüchterung zu spüren. Die Chance, dass die Protokolle in nächster Zeit ratifiziert werden, ist sehr gering.
Da stehen bei der CIPRA mehrere Punkte auf der Prioritätenliste: der Klimawandel, die Verkehrsproblematik, der Tourismus in den Alpen ... Nicht nur der Winter-, auch der Sommertourismus steht vor grossen Herausforderungen, für die wir gemeinsam neue Lösungen finden müssen. Wir können den Tourismus nicht einfach abschaffen.
Würden Sie das gerne?
Nein, das ist ganz klar nicht mein Ziel. Mein Wunsch wäre aber, dass sich der Tourismus in eine nachhaltigere Richtung entwickelt. Etwa nach dem Vorbild der Bergsteigerdörfer, die einen respektvollen Umgang mit Kultur fördern. In vielen Fällen wird Kultur jedoch banalisiert, werden klassische Veranstaltungen für Touristen vergrössert und dadurch ihrer Authentizität beraubt. Oder, wie es der deutsche Schriftsteller und Dichter Hans Magnus Enzensberger ausdrückte: «Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.»
Es darf auch nicht immer nur darum gehen, weitere Infrastruktur zu bauen. Es gibt zurzeit viele Projekte, bei denen der Adrenalinkick im Mittelpunkt steht: Hängebrücken ohne echte Brückenfunktion, Aussichtsplattformen oder sogenannte «Thrill Walks», in die Felsen gebaute Abenteuerpfade ohne Bildungsanspruch. Sie sind nicht zwingend auf die teilweise sehr fragilen Standorte angewiesen. Zudem lässt ihr Reiz schnell nach: Kaum bekannt, sind sie schon nicht mehr gut genug, und etwas Neues muss her. Die Destinationen sind gefangen im Wettbewerb. Schlussendlich führt das zu einer «Möblierung» der Berggipfel, die niemandem etwas bringt.
Die CIPRA ist eine nichtstaatliche, unabhängige und nicht gewinnorientierte Dachorganisation,
die sich seit 1952 für den Schutz und die nachhaltige Entwicklung in allen sieben Alpenländern einsetzt.
Dafür vernetzt sie Fachleute, kommuniziert ihre Anliegen in Gemeinden und der Öffentlichkeit und setzt eigene Projekte um.
Ja, das können wir ganz klar beobachten. Aber: Je grösser der Komfort, desto weniger Erlebnisqualität beinhalten die Angebote. Und umso mehr zusätzliche Unterhaltung wird nötig. «Comfort gained, pleasure lost», hat es der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Tibor Scitovsky auf den Punkt gebracht. Die schönsten Erlebnisse sind meist mit Anstrengung verbunden. Sicher, nicht jeder will und kann einen anspruchsvollen Aufstieg auf sich nehmen. Gute touristische Angebote integrieren daher beides: Sie ermöglichen auch weniger trainierten Besuchern, die Berge zu erfahren, involvieren aber dennoch so viel Anstrengung, dass ein Gefühl der Befriedigung eintritt. Dadurch schaffen sie Erlebnisqualität.
Es gibt auch den Gegentrend: Bei Bergsportarten wie Skitourengehen, Klettern oder Mountainbiken ist das intensive Naturerlebnis ausschlaggebend. Ein Konflikt zum Naturschutz?
Es kommt sehr darauf an, wie die Sportarten ausgeübt werden. Oft lassen sie sich mit Naturschutzzielen vereinbaren. Natürlich sind im Einzelfall immer Kompromisse nötig – seitens des Sports, aber vielleicht auch seitens des Naturschutzes. Meist verursacht jedoch gar nicht die ausgeübte Sportart selbst die grössten Umweltprobleme, sondern die Anreise. Wir haben nur noch zwei, drei Tage Zeit, möchten dann kurz in die Berge und fahren dafür mehrere Hundert Kilometer mit dem Auto. Hier ist ein Umdenken notwendig. Ich selbst habe kein Auto und reise gerne mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Egal, wo ich hinwill, irgendwie komme ich immer an.
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