Nebenan entstehen die Mäntel-Schläuche, für die es deutlich weniger Filamente braucht. Sie sind sozusagen die Pullover eines Seils, schützen seinen Kern vor Beschädigungen. In der Halle riecht es nach Kunststoff. Das Surren der rasend schnell rotierenden Strickmaschinen erfüllt die Luft. In einem nächsten Schritt kommen sowohl die Mäntel als auch die Kernzwirne in eine Art Trommel, wo sie bei hoher Luftfeuchtigkeit und Hitze geschrumpft werden. «Erst dieser Prozess macht das Polyamid so richtig dehnbar», erklärt Biggel. «Das Seil kann jetzt mehr Sturzenergie abfangen.» Wie das genau funktioniert, wie der perfekte Mix aus Temperatur und Feuchtigkeit aussieht? Darüber schweigt des Sängers Höflichkeit: Die technischen Details der Behandlung sind streng geheim.
Kern und Mantel: Revolution im Bergsport
Fest steht: Die Seilerei mit 25 Prozent Umsatzanteil ist auch heute noch die DNA der Firma Edelrid, die 1863 von dem Kaufmann und Alpinisten Julius Edelmann und dem Techniker Carl Ridder als Litzen- und Kordelfabrik gegründet wird. Der grosse Durchbruch im Bergsport gelingt 1953 mit der Entwicklung des ersten Kernmantelseiles. Elf Jahre später folgt mit dem ersten dynamischen Seil die nächste Innovation. Es geht stetig bergauf. Klettern wird Trendsport, Edelrid verkauft seine Produkte bald in alle Welt. Gurte, Chalkbags, Helme, Karabiner, Sicherungsgeräte und weiteres Kletterzubehör kommen hinzu. Claus Benk, der langjährige Eigentümer der Firma, erfindet neben dem Multisturzseil auch die Expressschlinge und das Zwillingsseil.
Just als Benk 1973 die erste vernähte Expressschlinge vorstellt, wütet ein Brand in der Firma, die inzwischen vom Zentrum Isnys an den Stadtrand gezogen ist. Nur vier Flechtmaschinen überstehen das Feuer. Edelrid erholt sich jedoch zügig von dem Schicksalsschlag, auch dank der Nachbarschaftshilfe ortsansässiger Unternehmer und dem Engagement der Mitarbeiter. Produktion und Verwaltung werden in Provisorien in Isny untergebracht – bis 1974 in den neuen Gebäuden alles wieder normal läuft, und Edelrid sich abermals aufs Erfinden konzentrieren kann: ein schwimmfähiges Seil fürs Canyoning, eines für Indoor-Kletteranlagen, im Jahr 2000 das Dynaloc-Seil, mit 9,8 Millimetern Durchmesser der damals dünnste Strick auf dem Markt.
Klar, dass andere, grössere Player auf die Allgäuer aufmerksam werden. 2001 kauft der britische Seilhersteller The Rope Company, damals Weltmarktführer, die Firma aus Isny. Fünf Jahre später sind die Briten pleite – und Albrecht von Dewitz, der sich schon länger für Edelrid interessiert hatte, übernimmt den Seilprofi. Der Gründer und Inhaber des Outdoor-Spezialisten VAUDE holt Edelrid damit wieder in ein Familienunternehmen und bringt es zurück auf die Erfolgsspur. Dabei half sicher, dass VAUDE ebenfalls eine Allgäuer Firma ist: mit Sitz in Tettnang, keine 50 Kilometer von Isny entfernt. Man spricht eine gemeinsame Sprache und kennt sich, die Portfolios ergänzen sich aufs Beste. Ausserdem hat Edelrid jetzt Zugang zu einer weiteren Produktionsstätte in Vietnam, dem sogenannten VAUDE-Village, wo die Kletter-Experten fortan rund ein Viertel ihrer Waren fertigen lassen – und zwar nach deutschen Qualitäts- und vor allem auch Sozialstandards.
Vom Seil zum vertikalen Vollanbieter
Besonders letzterer Punkt ist für VAUDE wichtig. Schliesslich haben es sich die Tettnanger zum Ziel gesetzt, Europas führendes Outdoor-Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit zu werden. Für Edelrid ist das gleichermassen Ansporn und Anspruch. 2009 war die Firma der erste Seilhersteller weltweit, der den bluesign®-Umweltstandard erfüllt – das strengste Regelwerk für Umweltschutz, Arbeitssicherheit und Verbraucherschutz in der Textilbranche. Anders als viele andere Öko-Labels prüft bluesign® nicht nur das Endprodukt auf Schadstoffe oder Rückstände bedenklicher Chemikalien, sondern nimmt die Herstellungsprozesse sämtlicher Komponenten eines Produktes genau unter die Lupe. «Gemeinsam suchen wir nach Optimierungsmöglichkeiten», erklärt Sarah Lenz, CSR-Expertin bei Edelrid: «Bei Materialeinsatz, Energie- und Wasserverbrauch, dem Umgang mit Chemikalien, Lärm, Abfall und Abwässern sowie der Arbeitssicherheit.»
Reduce, Reuse, Recycle – das ist das Leitmotiv von Edelrid. Auf gut Deutsch: Der ökologische Fussabdruck der Allgäuer in der Umwelt soll so klein wie möglich sein. In der aktuellen Seil-Kollektion gibt es deshalb drei Seile, deren Beschichtung ohne PFC auskommt, die aber dennoch den Waterproof-Standard der UIAA erfüllen. Die Firma wird immer grüner. «Ein Meilenstein in Sachen Nachhaltigkeit ist unser 9,8-Millimeter-Seil NEO 3R, das zur Hälfte aus wiederverwendeten Seilen besteht», freut sich CSR-Expertin Lenz. «Da stecken sechs Jahre intensiver Forschung drin. Die Verschlüsse der Seilspulen werden übrigens aus Produktionsresten von Alu-Bierfässern gestanzt. Und wir sparen grosse Mengen Wasser ein: Um ein einziges Kilo Textilien einzufärben, braucht es normalerweise rund 700 Liter. Unser Färber kommt mit etwa 40 Litern aus.»
Apropos Hardware: Edelrid ist längst nicht mehr nur Seiler, sondern ein echter Kletter-Volldienstleister, der alles im Sortiment hat, was man für den Spass in der Vertikalen braucht: vom Klettergurt bis zum Chalkbag, vom Helm bis zum Via-Ferrata-Set, vom Karabiner bis zum Sicherungsgerät; ja sogar Kocher gibt es, weil der Espresso am Wandfuss nach der Tour eben am besten schmeckt. «Wir sind diesen Weg sehr behutsam gegangen», erzählt Produktmanager Phil Westenberger, «haben das Knowhow in der Metallverarbeitung schrittweise aufgebaut. Ein Sicherungsgerät kann man nicht einfach so auf den Markt werfen – und dann schauen, ob es sich bewährt. Das sind schliesslich alles sicherheitsrelevante Produkte, die keine Fehlertoleranz erlauben.» In Isny gibt es deshalb nicht nur ein Labor, sondern auch eine voll ausgestattete Simulationshalle, wo sich neue Teile auf Herz und Nieren testen lassen.
Selbst Glowacz ist von den Socken
Nur an das Thema Schuhe wagte sich Edelrid, von einer kurzen Episode abgesehen, nie so richtig heran. Im Jahr 2017 packten die Allgäuer die Gelegenheit beim Schopf, als der vom Kletterer Stefan Glowacz und Uwe Hofstädter gegründete Kletterschuh-Hersteller Red Chili zum Verkauf stand. Berufsabenteurer Glowacz hatte gemerkt, dass seine auf Kletterschuhe und -bekleidung spezialisierte Manufaktur beim Ausbau des internationalen Vertriebs an Grenzen stiess. Und ihm gefiel, dass das Red-Chili-Motto («Only climbers know what climbers need») auch bei Edelrid stark verankert ist und viele Mitarbeitende selbst Kletterer sind. Nach einem ersten gemeinsamen Sales-Meeting ging es in die Kletterhalle in Kempten. «Ich habe noch nie so viele starke Kletterer in einer Firma gesehen», schwärmte Glowacz hinterher. Der Deal war besiegelt. Red Chili würde als eigenständiger Brand weiterbestehen. Und Edelrid avancierte endgültig zum umfassenden Anbieter für den Klettersport.
Was dabei viele nicht wissen: Der Bereich «Sport» mit den Marken Edelrid und Red Chili ist nur eines von zwei Standbeinen der Allgäuer. Das andere mit etwa identischem Umsatzanteil heisst «Professional» und deckt drei Teilbereiche ab: Da ist die Sparte Work Safety, in der es um sichere Lösungen für Industriekletterer geht. Customer Solutions konzentriert sich auf spezielle Produkte wie zum Beispiel extradünne Leinen für Gleitschirme. Und die Abteilung Adventure Parks richtet für Kunden aus dem Tourismus komplette Hochseilgärten ein. So wurde aus Edelrid, der einstigen Litzen- und Kordelfabrik, ein Volldienstleister für die Vertikale.
1863 Julius Edelmann und Carl Ridder gründen Edelrid als Litzen- und Kordelfabrik.
1880 Präsentation der ersten geflochtenen Angelschnüre in Berlin.
1953 Edelrid stellt das erste Kernmantelseil vor – eine Revolution im Bergsport.
2006 Edelrid wird Teil der VAUDE-Gruppe, die am nahen Bodensee sitzt.
2014 Eine neue Fertigungshalle verdoppelt die Produktionskapazität.
2015 Gründung einer US-Tochtergesellschaft in Redmond (Oregon)
2017 Fusion mit Red Chili. Edelrid wird Gründungsmitglied der Albrecht-von-Dewitz-Stiftung.
2021 Einführung des NEO 3R, des ersten dynamischen Seiles aus Recycling-Garn.
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