Prominente Marketing-Unterstützung
Später kamen die ersten Touristen. Einige blieben länger, zum Beispiel Rupert Edward Cecil Lee Guinness, der zweite Earl von Iveagh. Ein umtriebiger Mann – in seiner Heimat Irland war er Politiker und Wissenschaftler, gab das berühmte Buch der Rekorde heraus, um seine bald ebenso berühmte Brauerei zu bewerben. Für den Grosskapitalisten Guinness war es unbegreiflich, dass die Schuster Asolos so geniale Handwerker sein konnten und gleichzeitig so schlechte Geschäftsmänner. Also gründete er eine Firma, um ihre Expertise zu bündeln. Der Earl, ein echter Marketingprofi, gab ihr den Namen SCARPA. Das stand für «Società Calzaturieri Asolani Riuniti Pedemontana Anonima», übersetzt etwa «Gesellschaft der vereinten Schuhmacher der Bergregion Asolo». Oder eben für «scarpa», das italienische Wort für Schuh.
Starke Schweizer Bande
Dass der Name Scarpa heute quasi ein Synonym für hochwertige und komfortable Skitourenschuhe ist, daran hat auch ein Schweizer grossen Anteil. Romolo Nottaris, inzwischen 68 Jahre alt, hatte schon ein bewegtes Leben hinter sich, als er 1986 den Vertrieb der damals in der Schweiz kaum bekannten Marke übernahm. Als Jugendlicher hatte er seine ersten Franken als Zigarettenschmuggler verdient, später lebte er in Genf vom Pokerspiel, bis er das Bergsteigen wiederentdeckte. Als Bergführer und Profialpinist stieg er mit Schuhen von Scarpa unter anderem auf den 8485 Meter hohen Makalu – und wer das wie er im Winter tut, muss von der Qualität seiner Schuhe überzeugt sein.
Doch die papageienbunten Schuhe für fliegende Bergsteiger verkauften sich und Scarpa konnte endlich im Schweizer Markt Fuss fassen. «Nach diesem ersten Erfolg wurde ich technischer Berater von Scarpa für den Bergsportbereich und begann, auch direkt in Asolo zu arbeiten», erzählt Romolo. Er half, den legendären Schuh «Bergell» zu kreieren, darauf folgten weitere exklusive Modelle für die Schweiz mit eidgenössischen Namen wie «Weisshorn», «Weissmies» oder «Matterhorn».
Der Presidente führt an grossen Drahtkörben vorbei, in denen unzählige knallbunte Plastikteile lagern. Es sind die Leisten, die Fussmodelle, um die herum ein Schuh gefertigt wird. Ein Firmen- und Erfolgsgeheimnis, das die Norditaliener nie freiwillig nach Asien transferieren würden, denn sie sind immer noch so genial geformt wie die alten aus Holz, die Parisotto gerade aus einer Kiste kramt. «Bonatti, Walter», steht in krakeliger Schrift auf dem Paar, das der Presidente gefunden hat. «Eine Spezialanfertigung aus der Zeit nach seiner aktiven Karriere, da hatte er grosse Schmerzen beim Gehen», lacht Parisotto, «Bonatti hätte besser schon früher zu Scarpa kommen sollen».
Einen Mitarbeiter, der Bonattis Leisten sicher auch schon in der Hand hatte, möchte der Presidente noch persönlich vorstellen. Ein alter Mann, blauer Kittel, Glatze – Parisottos Vater Francesco, 87 Jahre alt. «Wenn ich daheim sitze, macht mich meine Frau verrückt», scherzt der, «jetzt kommt er hierher und macht uns verrückt», spielt der Junior den Ball zurück. Parisotto senior kaufte die Firma 1956 mit seinen Brüdern Luigi und Antonio von Earl Guinness, die ersten Schuhe fuhr er mit dem Fahrrad aus, bis das Geld für ein Auto reichte. Schliesslich orderten Firmen aus dem europäischen Ausland, dann welche aus Übersee.
Dass die Zahl der Modelle und der Ausstoss unaufhörlich wachsen konnten, ohne dass die Qualität litt, lag vor allem an Francescos drei Jahre jüngerem Bruder Luigi, der gerade ein paar Meter weiter ein Schwätzchen hält. Luigi hat als Elfjähriger bei Scarpa das Schustern zu lernen begonnen und wurde ein genialer Tüftler: Auf ihn gehen die legendären Plastikbergschuhe «Vega» zurück und die weltweit ersten Telemark-Schuhe mit Hartschalen. Auch dank diesen Innovationen ist Scarpa heute einer der Marktführer in der Schweiz. «Kein Fachgeschäft, das die Marke nicht kennt», meint Romolo Nottaris stolz. Und um noch mehr Menschen zu überzeugen, betreibt Scarpa in Lugano und bei St. Moritz Testcenter, in denen sich Interessierte kostenlos Schuhe zur Probe leihen können.
Weiter will der Presidente die Produktpalette aber nicht ausdehnen, Kleidung, Ski- oder Kletterausrüstung zu fertigen, kommt nicht infrage. «Man muss sich auf das konzentrieren, was man kann», sagt Sandro Parisotto, «sonst klappt es nicht». Schuster, will er damit sagen, bleib` bei deinen Leisten! Und dann fügt der Presidente noch etwas an, was für seine Verhältnisse richtig unbescheiden klingt: «Wir können Schuhe herstellen wie kaum ein anderer Hersteller – weil wir die Passion dafür haben.»
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