Altschnee ist der Wolf im Schafspelz
Altschnee ist der Wolf im Schafspelz
Altschnee ist der Wolf im Schafspelz
 Datum: 03.03.2026  Text: Outdoor Guide Redaktion 

Altschnee ist der Wolf im Schafspelz

Drücken Sie die Eingabetaste zum Suchen
Altschnee ist der Wolf im Schafspelz

Interview mit Jörn Heller, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, zur Lawinenproblematik in diesem Winter.

In diesem Winter war häufig vom sogenannten «Altschneeproblem» bei geringer Schneelage die Rede – viele Lawinenunfälle waren die Folge. Wird sich dies auch auf die Situation für Skitouren im Frühjahr auswirken? Wenn ja, wie? Welche typischen Denkfehler beobachtest du bei Skitourengehern?

Der schwache Schneedeckenaufbau ist ein langanhaltendes Problem und wird uns dementsprechend noch länger bzw. den gesamten Winter hinweg begleiten. Insbesondere sind die inneralpinen Gebiete betroffen, da diese weniger Niederschlag bekommen und dementsprechend einen schlechteren Schneedeckenaufbau haben. Im Frühjahr wird sich die Situation langfristig entschärfen, da die Durchfeuchtung der Schneedecke zu einer Schmelzumwandlung führt. 

Die Problematik beim Altschnee ist, dass die Schwachschichten teils tief in der Schneedecke verborgen und dadurch quasi unsichtbar sind. Es ist der «Wolf im Schafspelz». Je tiefer in der Schneedecke, desto schwerer sind diese zu stören. Aber wehe, wenn – die Konsequenzen sind massiv.

Das Frühjahr gilt oft als «entspannte» Skitourensaison mit Firn und stabileren Verhältnissen. Wo liegen gerade jetzt die grössten Gefahren – Stichwort: tageszeitliche Erwärmung, Nassschneelawinen und Timing der Tour?

Grundsätzlich gilt im Frühjahr: «Früher Vogel fängt den Wurm». Das gilt aber nur, wenn es nachts auch abstrahlen konnte, es also klare Nächte hat. Eine einmal komplett durchnässte Schneedecke kann nur noch oberflächlich gefrieren, das wird häufig unterschätzt. Das Zeitfenster zwischen «megagut» und «hochbrisant» ist nicht sehr gross. Wenn dann auch noch Bewölkung aufzieht, kann es sehr schnell kippen.

Viele Tourengeher nutzen Apps wie «Skitourenguru», «White Risk» oder andere digitale Planungstools. Wie hilfreich sind solche Apps wirklich – und wo siehst du die Grenzen digitaler Lawinenprognosen im Gelände?

Diese Tools sind allesamt probabilistische Hilfsmittel mit grundsätzlich hoher Wirksamkeit, wenn sie korrekt verwendet werden. Konsequent eingesetzt könnten viele Unfälle vermieden werden. Aber auch hier gilt die Aussage eines Kollegen: «Intelligente Produkte brauchen auch intelligente Anwender».

Ganz konkret: Wie gehst du persönlich an die Planung einer Skitour im Frühjahr heran? Welche Informationsquellen und Tools nutzt du selbst? Worauf achtest du dann unterwegs im Gelände besonders?

Ich nutze die genannten Tools für meine Planungen zu Hause, zudem konsultiere ich die aktuellen Lawinen- und Wetterberichte. Diese auch länderübergreifend, soll heissen: Wenn ich zum Beispiel in der Silvretta unterwegs bin, checke ich sowohl den Schweizer wie auch den Tiroler respektive Vorarlberger Lawinenlagebericht. Meine Wetterdaten beziehe ich via Swiss Meteo und GeoSphere Austria und gleiche diese mit lokalen Wetterdaten ab, z.B. Meteo Blue. Auch konsultiere ich lokale Wettermessstationen. Im Frühjahr achte ich besonders auf den Temperaturverlauf in der Atmosphäre und in der Schneedecke im Tagesgang. Vor Ort achte ich besonders auf eine eventuelle Durchfeuchtung, schlimmer noch Durchnässung der Schneedecke, auf frische Lawinenabgänge. Zudem meide ich steile, tief eingeschnittene Trogtäler und sonnenexponierte Hänge nach dem späten Vormittag.

Lawinensicherheit steht und fällt mit der Ausrüstung. Outdoor Guide testet regelmässig Sicherheitsausrüstung. Aus deiner Praxis: Worauf sollte man bei der Wahl von LVS-Gerät, Airbag-Rucksack, Sonde und Schaufel besonders achten? Gibt es technische Features, die wirklich einen Unterschied machen?

Das sehe ich anders. Ein hohes Mass an Sicherheit entsteht primär durch eine grundlegende und saubere Planung sowie eine zugrundeliegende Planungs- und Verhaltensstrategie. Es gilt die Kunst der Geländewahl. Mit einer sinnvollen und angepassten Tourenwahl und einer harmonisch ins Gelände angepassten Spuranlage reduziert sich das Risiko elementar. Bezüglich der Notfallausrüstung gilt: «Nur das Beste ist gerademal gut genug». LVS-Geräte sollten auf dem neuesten Stand der Technik, also aktuell und nicht älter als maximal zehn Jahre sein. Sie verfügen über drei Antennen und sind updatefähig. Im Idealfall ist der Empfang kreisrund und die Reichweite hoch, die Feinsuche ist präzise, ohne grössere Sprünge und die Benutzung intuitiv. Es gilt: Auch das beste Gerät ist nur so gut wie sein Benutzer. Jede Sekunde zählt und nur Training hilft.

Eine hochwertige Schaufel ist aus Metall, hat einen teleskopierbaren Schaft und ein profiliertes und aggressives Schaufelblatt. Schaufeln mit UIAA-Zertifizierung sind zu empfehlen. Bezüglich Sonde gilt das zuvor Gesagte. Bei der Feinortung respektive Sondieren im Nahbereich des Opfers geht am meisten Zeit verloren. Deshalb verwende ich eine elektronische Sonde, so dass jegliche Interpretation meinerseits entfällt. Das spart unheimlich viel Zeit. Ja, Airbag-Rucksäcke und ähnliche Geräte können eine Ganzverschüttung zuverlässig verhindern bzw. Überlebenszeit verlängern. Sie sind aber kein Garant. Im Hochwinter bin ich in der Regel mit einem Airbag-Rucksack unterwegs, im Spätwinter hingegen nicht mehr oder nur noch selten. Eine Nassschneelawine wirkt mechanisch auf den Körper ein, da sehe ich den Sinn des Airbags für mich nicht mehr. Das muss aber jeder für sich selbst entscheiden.

Zur Person

Jörn Heller ist seit über 30 Jahren staatlich geprüfter Berg- und Skiführer. Der leidenschaftliche Alpinist ist unter anderem als Ausbilder in verschiedenen Lehrteams des Deutschen Alpenvereins tätig.