Mehrtägige Wanderungen boomen. Suchbegriffe wie «Weitwandern», «Trekking Schweiz», «Mehrtagestour Alpen» oder «Hüttentour Packliste» verzeichnen seit Jahren steigendes Interesse. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach leichter Ausrüstung, kleineren Rucksäcken und minimalistischen Packkonzepten. Geschätzt 250.000 Menschen unternehmen jährlich in der Schweiz eine Hüttentour.
Mehr als eine halbe Million pilgern auf dem Jakobsweg, einem der bekanntesten Weitwanderwege weltweit. Entsprechend wenig überraschend ist, dass beim Weitwandern und auf Mehrtagestouren ein Ansatz zunehmend an Bedeutung gewinnt, der früher vor allem unter Nerds verbreitet war: geringeres Rucksackgewicht, kompaktere Ausrüstung und spezialisierte Produkte für Trekking und Hüttentouren. Wer mehrere Tage unterwegs ist, merkt jedes zusätzliche Gramm in Beinen, Schultern und Rücken deutlich. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wie leicht darf Ausrüstung beim Trekking und Weitwandern tatsächlich sein? Denn nicht jede Gewichtsreduktion ist sinnvoll. Und nicht alles, was konsequent dem Prinzip „fast and light“ folgt, funktioniert unter realen Bedingungen in den Alpen oder auf Mehrtagestouren in der Schweiz.
Outdoor Guide zeigt, wie sich beim Weitwandern und Trekking Gewicht realistisch reduzieren lässt, wo die Grenzen des Leichtgewichts-Gedankens liegen und welche Ausrüstung sich auf Mehrtagestouren und Hüttentouren in der Praxis bewährt hat.
Der Rucksack beim Weitwandern: Volumen, Gewicht und Ultraleicht-Konzepte
Für Hüttentouren oder Mehrtagestouren mit Übernachtungen in Unterkünften hat sich eine Grösse von etwa 35 bis 45 Litern Volumen etabliert. Das reicht für die meisten Touren in den Alpen aus. Mit dieser Grösse lassen sich sechs und acht Kilogramm Ausrüstung gut schultern. Und mehr sollten es sowieso nicht sein. Denn ab etwa zehn Kilogramm steigt die Belastung auf Gelenke und Muskulatur deutlich an und der „Spassfaktor“ nimmt deutlich ab. Daher gilt: Ein leichter Rucksack reduziert die Ermüdung und lässt uns trittsicherer und agiler im Gelände unterwegs sein.
Ultraleicht-Rucksäcke, Cloud Packs und MYOG
Gerade auf langen Touren wird der Rucksack hoffentlich ein guter Freund. Dementsprechend wichtig ist es, ihn sich gut auszusuchen. Dabei stellt sich die Frage, wie minimalistisch ein Trekkingrucksack tatsächlich sein kann.
Extremes Beispiel sind knallhart auf Reduktion kalkulierte Ultraleicht-Rucksäcke zwischen 35 und 45 Litern Volumen, die unglaubliche 350 bis 700 Gramm auf die Waage bringen. Möglich wird das durch konsequenten Verzicht auf klassische Konstruktionselemente.
Typische Merkmale solcher Ultraleicht-Rucksäcke:
- kein oder stark vereinfachter Rahmen
- minimale oder fehlende Polsterung an Rücken und Schulterträgern
- reduzierte oder komplett fehlende Organisationsfächer wie Seitentaschen, Mesh-Aussenfächer
- Fokus auf geringes Eigengewicht statt Tragekomfort
Diese sehr reduzierten Modelle werden in der Ultraleicht-Szene oft als „Cloud Packs“ bezeichnet: stark vereinfachte Rucksäcke, die funktional näher an einem Tragesack als an einem klassischen Trekkingrucksack liegen. Bekannte Beispiele aus diesem Segment sind der Gossamer Gear Kumo, der aus Dyneema gefertigte Zpacks Sub-Nero sowie der Pa’lante V2, der in der Ultraleicht-Szene Kultstatus erreicht hat.
Eine nochmals radikalere Reduktion findet sich in der MYOG-Szene („Make Your Own Gear“). Dort entstehen selbstgefertigte Rucksäcke, die teilweise unter 300 Gramm wiegen.
- Eigenbau statt Serienproduktion
- sehr reduzierte Material- und Konstruktionsstandards
- hohe Individualisierung
- sinnvoll vor allem für erfahrene, experimentierfreudige Anwender
Praxisrealität: Komfort bleibt ein entscheidender Faktor
Für Einsteiger in mehrtägige Weitwanderungen oder klassische Trekkingtouren ist ein stärker komfortorientierter Rucksack in der Regel die sinnvollere Wahl. Die konsequente Gewichtsreduktion im Ultraleicht-Bereich geht fast immer mit einem Verlust an Tragekomfort und Stabilität einher, insbesondere bei längeren Etappen oder wechselndem Gelände. Marktübliche Trekkingrucksäcke im Bereich von etwa 700 bis 1.200 Gramm stellen deshalb für viele Touren einen realistischen Kompromiss aus Gewicht, Stabilität und Funktion.
Typische Eigenschaften dieser Rucksäcke:
- moderates Eigengewicht mit funktionalem Tragesystem
- innenliegender Rahmen zur Laststabilisierung
- ergonomisch platzierte Polster an Rücken und Hüftgurt
- Seiten-, Front- und Deckeltaschen für bessere Organisation und schnellen Zugriff auf Ausrüstung während der Mehtagestour
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Gewicht sparen beim Trekking: Komfort reduzieren, Sicherheit erhalten
„Je mehr du weisst, desto weniger brauchst du.“ Der, der das sagt, muss es wissen: Yvon Jouinard, charismatische Gründer von Patagonia, Kletterer und Bergsteiger. Mit Erfahrung lässt sich Ausrüstung reduzieren. Wohl einer der häufigsten Fehler unerfahrener Wanderer ist, für jede erdenkliche Situation das entsprechende Stück Ausrüstung dabei zu haben. Gerade beim Weitwandern in Mitteleuropa sind Nachschubmöglichkeiten vorhanden. Sogar kaputte oder verlorene Ausrüstung kann beim Abstieg im Sportgeschäft im Tal ersetzt werden.
Raus aus der Komfortzone
Die Erkenntnis ist nicht wissenschaftlich belegt, sondern aus Erfahrung gewonnen: Man kann etwa 50 Prozent an Gewicht einsparen, wenn man bereit ist, in 20 Prozent aller Fälle nicht ganz in der Komfortzone zu sein.
Beispiele aus der Praxis:
- leichtere Isolationsjacke statt stark isolierender Variante, dafür möglicherweise beim Start am Morgen etwas frösteln
- leichtere Regenjacke, die zwar einem stundenlangen Regen standhält, aber nicht einem extremen Starkregen mit viel Wind
Zusammen genommen lassen sich mit der eingangs erwähnten Komfortzonen-Formel rund 700 bis 750 Gramm einsparen. Fast ein Kilo weniger im Rucksack merkt man bei jedem Schritt.
Sicherheit vor Gewicht: Grenzen der Reduktion
Andererseits: Zu lässig ist auch nichts. Wer sich in anspruchsvollen Klimazonen und Gelände bewegt, braucht Ausrüstung, die das abkann und Reserven hat. Im Hochgebirge darf es schon die robustere 3 lagige Hardshell mit funktionaler Kapuze sein. Die wiegt zwar 300 bis 400 Gramm mehr als die superleichte 2-Lagen-Version, bietet aber auch mehr Sicherheit bei extremen Wetterumschwüngen.
Man muss also abwägen, was „nur“ die Komfortzone reduziert oder sicherheitsrelevant ist. Ein bewährter Tipp: im ersten Schritt alles zu Hause zusammenstellen, von dem man meint, es mitnehmen zu müssen. Auf die eine Seite kommen unverzichtbare Dinge, auf die andere das, auf was man eventuell verzichten kann. Im zweiten Schritt versucht man, diesen Stapel zu reduzieren.
Bekleidung beim Weitwandern: Das Schichtenprinzip bleibt Standard
Beim Weitwandern und auf Mehrtagestouren hat sich das klassische Layering- oder Schichtenprinzip als Standard etabliert. Es bietet eine flexible Anpassung an Temperatur, Wetter und Aktivität und bleibt auch 2026 das am weitesten verbreitete Bekleidungssystem im Outdoorbereich.
Beim Trekking ist das Layering-Prinzip wie folgt aufgebaut:
- Baselayer (direkt auf der Haut)
- Midlayer (optional, je nach Temperatur)
- Isolationsschicht
- Wetterschutz (Hardshell)
Bei Base- und Midlayern ist Merinowolle im Weitwandern weiterhin verbreitet. Der Hauptvorteil liegt in der langsameren Geruchsbildung im Vergleich zu vielen reinen Kunstfasern. Gerade auf Mehrtagestouren kann dies relevant sein, da Kleidung über mehrere Tage getragen wird. Gleichzeitig bestehen klare materialbedingte Einschränkungen:
- längere Trocknungszeit im Vergleich zu synthetischen Fasern
- geringere mechanische Robustheit, insbesondere bei hoher Reibung durch Rucksackträger
- tendenziell schnellerer Verschleiss bei intensiver Nutzung
Hybridmaterialien aus Merinowolle und synthetischen Fasern stellen deshalb für viele Weitwander- und Trekkinganwendungen einen praxisnahen Kompromiss dar.
Praxisempfehlung für Mehrtagestouren
Für klassische Weitwanderungen und Mehrtagestouren über drei Jahreszeiten hinweg reicht in vielen Fällen eine reduzierte, funktionale Kombination aus:
- leichtem Baselayer (evtl. ein dünner Midlayer)
- dünner Isolationsschicht
- Hardshell
Interessant ist dabei weniger das absolute Gewicht als das Verhältnis von Wetterschutz, Robustheit und Packmass.
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Schuhe beim Weitwandern: leichter ist nicht automatisch besser
Kaum ein Bereich wird beim Weitwandern und auf Mehrtagestouren so kontrovers diskutiert wie die Wahl des Schuhwerks. Trailrunning-Schuhe dominieren viele internationale Langstreckenrouten. Der Vorteil: Weniger Gewicht an den Füssen und stark gedämpfte Sohlen reduzieren die Ermüdung deutlich stärker als dieselbe Gewichtsersparnis am Rücken. Gewicht am Fuss wirkt etwa vier- bis fünfmal stärker als auf dem Rücken besagen ältere biomechanische Untersuchungen. Ganz so ist es nicht. Die Grundtendenz gilt aber weiterhin.Trotzdem wird häufig unterschätzt, wie stark leichte Schuhe die Fussmuskulatur belasten. Und umgekehrt, wie hilfreich festere Sohlen und Schaft in ruppigem Gelände sind.
Mid-Cut-Wanderschuhe als Kompromiss im Trekking
Für alpine Mehrtagestouren mit wechselhaftem Wetter bleiben leichte Mid-Cut-Wanderschuhe oft der vernünftigste Kompromiss:
- mehr Schutz bei Geröll und Nässe
- bessere Reserven bei schwerem Rucksack
- weniger direkte Belastung für Fuss und Achillessehne
Einsatzbereich von Trailrunning-Schuhen im Weitwandern
Trailrunner funktionieren besonders gut:
- auf langen Wegen ohne technisches Gelände
- bei leichtem Gepäck
- bei erfahrenen Wandernden mit stabiler Fussmuskulatur
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Die unterschätzten Grammfresser beim Weitwandern
Nicht die voluminösen Gegenstände machen den Rucksack unnötig schwer, sondern oft die Summe kleiner Dinge. Typische „Grammfresser“ im Trekkingalltag sind:
- überdimensionierte Wasch- und Hygienesets (Necessaire)
- grosse Powerbank
- zuviel Ersatzkleidung
- schwere Originalverpackungen z.b. von Pflegeprodukten
- doppelte Elektronik
Gerade beim Waschzeug lassen sich schnell mehrere hundert Gramm sparen. Feste Seife, ein kleines Microfasertuch und eine kleine Zahnpastatube reichen auf vielen Touren völlig aus. Auch bei Erste-Hilfe-Sets wird oft mehr transportiert als benötigt. Gleichzeitig sollte man nicht den Fehler machen, sicherheitsrelevante Dinge vollständig wegzuoptimieren. Ein minimalistisches Set ist sinnvoll. Trekkingstöcke wiederum sind kein reines Komfortprodukt. Gerade auf langen Abstiegen reduzieren sie die Belastung auf Knie und Oberschenkel spürbar. Carbonmodelle sparen Gewicht, reagieren aber allergisch auf harte Schläge und Verbiegen als Aluminiumstöcke.
Die ideale Packliste für Weitwanderungen und Mehrtagestouren
Diese Packliste ist als praxisnaher Richtwert für Weitwandern und klassische Trekkingtouren in den Alpen und vergleichbarem Gelände zu verstehen. Sie geht von einer mehrtägigen Tour mit Übernachtung in Hütten oder Unterkünften aus.
Bekleidung
- Baselayer langarm wie z.B. Radys R5 Merino Shirt Long
- Baselayer kurzarm wie z.B. Ortovox 140 Cool Round Landscape
- leichte Isolationsjacke
- Hardshelljacke
- Zip-off-Hose oder leichte Trekkinghose wie z.B. Schöffel Maghera
- Ersatzunterwäsche
- Ersatzbaselayer
- 2 Paar Wandersocken z.B. Darn Tough Micro Crew
- leichte Handschuhe
- Schlauchtuch oder dünne Mütze
Ausrüstung
- Trekkingrucksack 35–40 l z.B. den Deuter Futura Pro 36 oder Fjällräven Kajka X-Lätt 45
- Stirnlampe wie z.B. die Petzl Swift LT
- Erste-Hilfe-Set
- Trekkingstöcke
- Powerbank bzw. Ladekabel
- Wasserflasche/Trinkblase oder/und Soft Flask
- Kartenmaterial für Offline-Navigation
- Leichterm, wasserdichter Packsack oder/und Regenschutzhülle für Rucksack
- Hüttenschlafsack
- Sonnencreme, Sonnenbrille z.B. die Julbo Edge Cover und Blasenschutz
Optional
- Mini-Reparaturset
- Tape z.B. Geair Aid Tenacious Repair Tape
- Leichter Waschlappen
Diese Packliste ist kein starres System, sondern ein Ausgangspunkt für individuelle Anpassungen. Je nach Wetter, Tourenlänge, Erfahrung und Gelände kann die Ausrüstung reduziert oder erweitert werden. Entscheidend bleibt das Zusammenspiel aus Rucksackgewicht, Sicherheit und realistischen Einsatzbedingungen beim Weitwandern.
Verpflegung beim Weitwandern: oft grösseres Sparpotenzial als die Ausrüstung
Prozentual betrachtet haben Verpflegung und Getränk oft den grössten Anteil am Gewicht. Frisches Brot, Gemüseschnitten oder Obst schmecken gut, erhöhen das Rucksackgewicht schnell massiv. Kaloriendichte Lebensmittel wie Nüsse, Trockenfrüchte, Haferprodukte oder Energieriegel sind deutlich effizienter.
Wie viel Wasser soll ich mitnehmen?
Trinken ist wichtig. Der Körper verliert beim Wandern je nach Temperatur, Höhenlage und Intensität zwischen 0,5 und über 1 Liter Flüssigkeit pro Stunde. Für moderate Weitwanderungen werden häufig etwa 2 bis 3 Liter pro Tag empfohlen, bei Hitze oder anspruchsvollen Etappen entsprechend mehr. Drei Liter Flüssigkeit entsprechen dabei bereits rund drei Kilogramm im Rucksack. Je nach Region bieten natürliche Wasserquellen entlang der Route eine Möglichkeit, das mitgeführte Wasservolumen zu reduzieren. Dazu zählen beispielsweise Bergquellen oder klar erscheinende Bäche. In solchen Fällen können auch Filtersysteme eingesetzt werden, um Wasser aus Flüssen oder Bächen für den Trinkgebrauch aufzubereiten. In der Praxis kann das daher so aussehen: mit etwa 1 bis 1,5 Litern starten, morgens und abends ausreichend trinken und unterwegs gezielt nachfüllen.
“ The goal is not to carry less. The goal is to need less.”
Weitwandern bedeutet nicht automatisch Ultraleicht-Trekking. Aber viele Strategien der UL-Szene sind sinnvoll. Die richtige Ausrüstung liegt meist irgendwo zwischen Minimalismus und Reserve. Wer bewusst packt, sich aus der Komfortzone heraus traut und die Ausrüstung realistisch auf Tour, Wetter und Erfahrung abstimmt, wird klarkommen. Und für viele öffnet sich damit ein neuer Erfahrungshorizont, der das Leben in vielen Facetten bereichert.
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